Raumgeschichten — Der Kunstraum Baden als Heterotopie

Sabine Trüb · Vier Wände und kein Raum zu bleiben, 2018, Ortsspezifische Installation: Dachlatten, Video, Tapete. Foto: Rolf Bismarck

Sabine Trüb · Vier Wände und kein Raum zu bleiben, 2018, Ortsspezifische Installation: Dachlatten, Video, Tapete. Foto: Rolf Bismarck

Esther Ernst · Cairo Notes, 2018, 80 Zeichnungen auf Wandzeichnung (Masse variabel). Foto: Rolf Bismarck

Esther Ernst · Cairo Notes, 2018, 80 Zeichnungen auf Wandzeichnung (Masse variabel). Foto: Rolf Bismarck

Besprechung

In Baden werden derzeit abwechslungsreiche «Raumgeschichten» erzählt. Alle handeln von erweiterten Oberflächen, biografischen, gesellschaftspolitischen, architektonischen, virtuellen und wahrnehmungsphilosophischen Räumen und thematisieren die Verquickung von privatem und öffentlichem Lebensraum.

Raumgeschichten — Der Kunstraum Baden als Heterotopie

Baden — Der Kunstraum Baden fokussiert seit jeher auf Ausstellungen, die den Raum selbst thematisieren. Die Kuratorin Claudia Spinelli betont, dass es ihr im Sinne Michel Foucaults um einen heterogenen Raum gehe. Oder, mit Bruce Nauman gesprochen, um offene Kunstwerke. Vier der sieben Kunstschaffenden widmeten sich dem Thema in einem je eigenen Raum, drei Positionen in thematischer, modellhafter Art. Durch einen unbehaglichen Gang passiert man ein freigelegtes Waschbecken und Messgeräte sowie ein Wandprovisorium aus einem Lattenrost, bevor man leicht irritiert bei der Werkbeschriftung ‹Vier Wände und kein Raum zu bleiben›, 2018, der Künstlerin und Architektin Sabine Trüb anlangt. Auf einem animierten Videobild nehmen wir eine wehende Baublache im Durchzug wahr. Die Wand entpuppt sich auf der Rückseite als bürgerliche bunte Tapete, bei näherer Betrachtung erkennt man darin  gerasterte Zeitungsaufnahmen von Bürgerkriegsgebieten und eigenartige Wesen. So ergeben die vermeintlichen vier Wände nicht für alle einen gemütlichen Raum. Auch Esther Ernst schafft unterschiedliche Innen- und Aussenräume. Seit geraumer Zeit beschäftigt sie sich mit tagebuchartigen Zeichnungen, die sie nun in eine Raumszenografie integriert. Ihre ‹Cairo Notes›, 2018, – dokumentierte Erlebnisse und Gefühlswelten – entstanden anlässlich eines Atelieraufenthalts in der ägyptischen Hautpstadt. Wir tauchen ein in kleine gekritzelte Notizen und pastellfarbene wunderprächtige Skizzen, erfahren von der Aufregung bei der Ankunft im März und von der Menschenleere in der südlichen Totenstadt. Wir tauchen in Marktszenen ein und tasten zugleich einen grossflächigen, an die Wand gezeichneten Stadtplan ab. Auf eine berührende Reise in die Schweizer Geschichte nimmt uns Gianluca Trifilo im nächsten Raum mit in seiner Dreikanalprojektion ‹Blind Spot›, 2017. Man mäandriert klickend durch 3D-Visualisierungen der offenen Drogenszene noch vor der Schliessung des Platzspitzes, fühlt sich gefangen in der besprayten Männertoilette der Roten Fabrik mitten in der AJZ-Zeit. Ein vermutlich entkräfteter oder toter Junkie liegt bäuchlings auf der Strasse. Da blitzen in der anderen Projektion auch schon Wortspiele wie «Züri brännt» und «Merdadon» auf.  Ein Leidensweg im Spital wird vor Augen geführt, schwarze Flecken erwirken Erinnerungsräume; wegzoomen funktioniert auch, trotzdem hinterlassen diese Bilder nach dem Besuch Spuren und mahnen an ein kollektives Gedächtnis dieser Zeit.

Bis 
03.03.2019
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Raumgeschichten 03.11.201803.03.2019 Ausstellung Baden
Schweiz
CH

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