Simone Fattal — Gelebte Geschichte

Simone Fattal · Angel, 2017, Bronze, Edition of 3, 17,5 x 5,5 x 2 cm, Courtesy Karma International

Simone Fattal · Angel, 2017, Bronze, Edition of 3, 17,5 x 5,5 x 2 cm, Courtesy Karma International

Besprechung

Die libanesische Künstlerin Simone Fattal spannt in ihren Werken einen Bogen von prähistorischen Zeiten zu gegenwärtigen Sehnsüchten, auch spiritueller Natur. Die retrospektiv angelegte Ausstellung zeigt die Stadien eines ungeheuer reichen Lebens, das mit der verlorenen Geschichte ihres Landes verwoben ist.

Simone Fattal — Gelebte Geschichte

Zürich — Eher glaubt man Zeugnisse einer archäologischen Ausgrabung vor sich zu haben als kürzlich geschaffene Keramikfiguren. Eine Sirene in zarten Türkistönen, ein bronzener, kriegerisch wirkender Engel, ein Kentaur, eine hellgelbe Wächterfigur und ein Totem. Die meisten fallen durch säulenähnliche Beine auf. Diese mythologischen Darstellungen hängen mit Simone Fattals (*1942, Damaskus) Auseinandersetzung mit der Wiege unserer Zivilisation im einstigen Sumer, im heute zerstörten Syrien zusammen. Die chthonischen, erdgebundenen Figuren kontrastieren mit ­luftig-leichten, in den Siebzigerjahren entstandenen Malereien. Drei Gemälde zeigen den Gipfel von Mount Sannine in Beirut, der in abstrahierten Konfigurationen eingefangen ist, die bald goldgelb leuchten, bald in dunkeltonigen Farben Düsternis verbreiten. Dagegen wirkt das abstrakt-figurative ‹Histoire de L’œil›, 1970, dank seinen dynamischen und ornamentalen Schlenkern als ein Vorbote von ‹Nour Ala Nour› oder ‹Illuminated Letters›, beide 2008. Auf vulkanischem Lavastein sind schwarze Worte in arabischer Kalligraphie gemalt. ‹Nour Ala Nour› ist ein Vers aus dem Koran und heisst übersetzt «Licht auf Licht». Das Bild drückt Simone Fattals Passion für die Mystik der Sufis aus, die für ihre Arbeit wesentlich ist. Die im Libanon aufgewachsene Simone Fattal studierte Philosophie in Beirut und anschliessend an der Sorbonne, Paris. 1969 kehrte sie nach Beirut zurück, begann mit der Malerei und beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen. 1980 floh sie vor dem Bürgerkrieg und wanderte nach Kalifornien aus. Dort gründete sie die Post-Apollo Press, die sich der experimentellen Literatur widmet. Sie ist die Lebensgefährtin von Etel Adnan, einer libanesischen Malerin, Schriftstellerin und Philosophin mit einem ähnlich wechselvollen Leben und bekannt für ihre wunderbaren, abstrakten und lyrischen Werke. Die Arbeit mit Aquarellen seit den Siebzigerjahren ermöglicht Simone Fattal, in die entschwundene Welt von Damaskus und Beirut einzutauchen. Bilder von bunten Blumen und Gärten, abstrahierten Früchten oder lebhaften, biomorphen Formen evozieren Paradiesvorstellungen, wie sie im Koran beschrieben sind, während dunkeltonige abstrakte Werke von Traurigkeit, Kummer und Leid sprechen. Die Bilder wie auch die Skulpturen reflektieren die libanesische Kultur im Dialog mit Kriegserzählungen, Erinnerungen und Spiritualität. Sie lassen uns in den Fluss der Geschichte eintauchen und machen deutlich – so die Künstlerin selbst: «History ist made every­day.» 

Bis 
26.01.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Simone Fattal 30.11.201826.01.2019 Event Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Simone Fattal

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