Bilder aus dem Dschungel

Elisa Larvego · Zara vor der Tür der belgischen Küche, 2016, aus: ‹Réinventer Calais›, CNAP

Elisa Larvego · Zara vor der Tür der belgischen Küche, 2016, aus: ‹Réinventer Calais›, CNAP

Gilles Raynaldy · 9. Mai 2016, junge Sudanesen spielen in Dalla, aus: ‹Réinventer Calais›, CNAP

Gilles Raynaldy · 9. Mai 2016, junge Sudanesen spielen in Dalla, aus: ‹Réinventer Calais›, CNAP

Hinweis

Bilder aus dem Dschungel

Paris/Pontault-Combault — Fotografische Bilder entfernen Wirklichkeit, schieben die Präsenz des Dargestellten in unendliche Weiten. Doch es gibt ein anderes Fotografieren, eines verbindlicher Nähe. Es macht sein Sujet wirklicher, indem es Ansichten verändert, wie die aktuell im Centre photographique d’Île de France/CPIF und im Centre Pompidou Paris gezeigten Bilder. ‹Réinventer Calais› nannte das nationale Zentrum für zeitgenössische Kunst/CNAP einen an acht Künstler/innen erteilten Auftrag. Sammlungsleiter Pascal Beausse sprang dem Kollektiv Pôle d’Exploration des Ressources Urbaines/PEROU bei, mit dem Urbanisten und Künstlerinnen Flüchtlinge als Pioniere statt als Verlorene der Gesellschaft begreifbar machen. Unterstützt vom Kulturministerium und in Kooperation mit Kunsthochschulen wuchs mit dem ‹New Jungle› ab Herbst 2015 in Calais für 3000 Menschen ein solidarischer Entwurf für alternatives Zusammenleben. Teils ingeniös entwickelte Einfachbauten boten Platz für Schule, Moschee, Kirche, Krankenhaus. Der Kitt des fragilen Gebildes am Ärmelkanal: der Wunsch nach solidarischer Veränderung. Dann entschied Calais den Abriss, räumte im November 2016 das Gelände. Doch aus dem Trümmerfeld leben die freigesetzten utopischen Kräfte fort. Das vermittelt die Ausstellung mit Laurent Malones Dokumentation von 110 Trümmerfetzen. Zerdrückte Bücher, Schuhe, Stifte dokumentieren die brutale Zerstörung einer Alternative. Sie zeigen die Kraft engagierter Menschen mit Porträts zwischen postindustriellem Calais und Dschungel. Oder wie Elisa Larvegos Darstellung der menschlich-sensiblen Beziehung zwischen Ehrenamtlichen und Migranten. Auch der Fotoroman ‹Ley Land› von Claire Chevrier entlang der eingezäunten, lebensfeindlichen Umgebung evoziert Zuwendung. Dem stehen in Paris drei andere Annäherungen zur Seite. Neben den Bildern der ­Nachrichtenagentur AFP und der Dschungelbewohner/innen selbst beeindruckt durch viel Einfühlung und versuchte Nähe ‹Calais (2006–2018)› von Bruno Serralongue. Augenzeugenschaft vom Leben im Dschungel, die neben einer Aktualisierung dieser Geschichte in Zeiten weltweiten politischen Aufbegehrens jenes Merkmal empfindbar macht, das Aktionen Sinn, Widerstand Aussicht gibt: geteilte Menschlichkeit. Ergänzt um ‹L’Engagement›, weitere Ausstellungen des Fotozentren-Verbands ‹Diagonal›, ist das eine aktuelle Antwort auf Bertold Brechts Frage: «Was, meinst du, ändert sich leichter: ein Stein oder deine Ansicht darüber?» 

Bis 
24.02.2020

→ Centre Pompidou, bis 24.2. ↗ www.centrepompidou.fr
→ ‹L’Engagement›, in 10 Regionen, bis Februar ↗ www.reseau-diagonal.comwww.perou-paris.org

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