Chika Osaka — Love Letters oder Das fliessende Leben

Chika Osaka · Happy Forever, 2016, Lithografie, Ed. 20 + 1 AP, 40 x 69,5 cm, Courtesy Gallery MoMo

Chika Osaka · Happy Forever, 2016, Lithografie, Ed. 20 + 1 AP, 40 x 69,5 cm, Courtesy Gallery MoMo

Chika Osaka · The Rice Just Served, 2014, Lithografie, Ed. 20 + 1 AP, 61 x 94 cm, Courtesy Gallery MoMo

Chika Osaka · The Rice Just Served, 2014, Lithografie, Ed. 20 + 1 AP, 61 x 94 cm, Courtesy Gallery MoMo

Besprechung

Die Japanerin Chika Osaka hat sich den druckgrafischen ­Medien und deren experimenteller Handhabung verschrieben. Sie ­entwirft Bildräume von leuchtender Farbigkeit, Bühnen für die Auftritte ­ihrer Protagonistinnen des heutigen Japan. Darin lässt die Künstlerin auch traditionelle japanische Motive einfliessen.

Chika Osaka — Love Letters oder Das fliessende Leben

Bern/Burgdorf — Traumwandlerisch bewegen sich die jungen Frauen in abstrakten Bildgründen, oder sie lagern choreografiert zwischen bunten Tüchern. Rätselhaftes mutet ihnen an. Stets sind sie als Rückenfiguren ins Bild gesetzt oder mit abgewandtem Gesicht. Sie sind nicht als Individuen gezeichnet und erinnern an typisierte ­Figuren des Manga und Shin-hanga. Für Chika Osaka (*1984, Tokio) beginnt der bildnerische Prozess meist mit einer Geschichte, die von den Zukunftsvorstellungen, Sehnsüchten und Ängsten junger Frauen handelt – Männer treten nur marginal auf. Die Künstlerin illustriert nicht, sondern sie kondensiert das Narrativ zu einem prägnanten Bild und setzt damit ein komplexes Zusammenspiel in Gang.
Die zugrundeliegenden Texte sind in unterschiedlichen Formaten festgehalten: Schulheft, Agenda, Tagebuch oder Brief. Analog zu den Bildern durchliefen auch diese zunächst handschriftlichen Notate einen druckgrafischen Prozess. Indem Osaka sie auf Tischen in der Raummitte installiert, demonstriert sie das Eigenleben von Bild und Geschichte. Im «Skript» zu dem Bild ‹The Rice Just Served› beispielsweise steht – auf der Rückseite eines Supermarkt-Flyers notiert: «My friend’s girlfriend just came in ten minutes ago.» Beim Frühstück mit gekochtem Reis und Fischflocken fliegt eine Geschichte auf. Der Prägedruck mit weissem Reis als Landschaft, in der die drei miteinander verstrickten Gestalten inmitten auffliegender brauner Flocken in die Bildtiefe Reissaus nehmen, ist eine adäquate Umsetzung. Bei ‹I Am Not Disappointed After All› hingegen stapeln sich Gemüsekisten und Bücher liegen in prekärer Balance übereinander, oben eine Frau mit riesiger Schote unter dem Arm. Auf einem unscheinbaren, zwischen zwei Kisten gesteckten Zettel steht  «2011 3». Die «Bild-Geschichte» erweist sich als sarkastischer Kommentar zur Atomkatastrophe von Fukushima. Als ‹Love Letters› bezeichnet Osaka ihre Arbeiten: Liebeserklärung an ihre Mitmenschen, an das Leben, an die Traditionen Japans. Mit dem poetischen Blatt ‹I Want To Make A Wish›, einer Lithografie in nicht weniger als dreissig Farben gedruckt, steht Osaka in der Tradition von Utagawa Hiroshiges Farbholzschnitt ‹Tanabata Festival›, 1852. Alljährlich im Juli wird das gleichnamige Sternenfest gefeiert: Alle sind eingeladen, einen Wunsch zu formulieren und ihn – mit der Hoffnung auf Erfüllung – an die eigens errichteten Bambusbäume zu hängen. Nicht einen, sondern zahllose Wünsche hat die junge Künstlerin bereits zu Blatt gebracht. 

Bis 
08.03.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Chika Osaka. Love Letters 30.11.201908.03.2020 Ausstellung Burgdorf
Schweiz
CH
Autor/innen
Gabriele Lutz
Künstler/innen
Chika Osaka

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