EDHEA — Verbindung zweier Pole

Foofwa d’Imobilité · Dancewalk Ultra-Valais, 27.9.–6.10.2019. Foto: Gregory Batardon

Foofwa d’Imobilité · Dancewalk Ultra-Valais, 27.9.–6.10.2019. Foto: Gregory Batardon

Foofwa d’Imobilité · Dancewalk Ultra-Valais, 27.9.–6.10.2019. Foto: Gregory Batardon

Foofwa d’Imobilité · Dancewalk Ultra-Valais, 27.9.–6.10.2019. Foto: Gregory Batardon

Fokus

Seit ihrem 70. Jubiläum 2019 präsentiert sich die vormalige ecav unter einem neuen Namen und Auftritt. EDHEA nennt sich die Schule nun. Dies zeugt vom Bestreben des neuen Direktors Jean-Paul Felley, die Hochschule vorwärtszutreiben und ihr Profil zu schärfen. Zugleich ist es ein Zeichen, dass der Kanton Wallis die Bildung als Standortvorteil erkannt hat. 

EDHEA — Verbindung zweier Pole

Frühherbst 2019, auf dem Rückweg im Lötschberg-Basistunnel herrscht eine lebendig heitere Stimmung. Der eine oder andere Einkauf älterer Weinwandernder wird den Kanton Bern nie erreichen. Ich denke an die Weinflasche, die ich im Anschluss an das Gespräch mit dem Direktor der EDHEA Jean-Paul Felley erhalten habe, deren Etikette mit dem neuen Namen und dem Logo der Schule versehen ist. Ein Namenswechsel will kommuniziert werden – unter anderem mit einem Hauswein, das ist im Wallis natürlich Ehrensache.  

Siebzig Jahre Tradition
Auch den roten Caran d’Ache-Kugelschreiber – ein weiteres «Bhaltis» –, mit dem ich nun, Ende November, meine Notizen zum Gespräch sortiere und einige schriftlich gestellte Nachfragen einarbeite, schmücken die zwei markanten Punkte des neuen Logos. Wie der neue Name nehmen sie Bezug auf die zwei Traditionslinien dieser kleinen Hochschule mit rund 230 Studierenden, die siebzig Jahre ihres Bestehens feiert und unter der allgemeineren Bezeichnung ‹ecav› bekannt war, kurz für École cantonale d’art du Valais. Jean-Paul Felley erläutert: «Der neue Auftritt der EDHEA weist auf die zwei Pole ihrer Lehre hin: Grafikdesign als angewandte Kunst (école de design = ED) und bildende Kunst auf Hochschulniveau (haute école d’art = HEA). Diese Situation ist einzigartig in der Schweiz.» Die Betonung liegt neu also auf dem Alleinstellungsmerkmal der Schule und soll zugleich ihre Bereiche abbilden, die, obwohl unter einem Dach, sich nicht zwangsläufig verbinden: Der Unterschied zwischen der Kunst, die ohne Auftrag agiert, und der Grafik, die auf Mandatsbasis arbeitet, sowie die Altersbandbreite der Studierenden machen gemeinsame Projekte schwierig, sagt Jean-Paul Felley. Solche seien erst auf Stufe der Weiterbildung angedacht. Im Gespräch formuliert der seit 2018 amtierende Direktor und vormalige umtriebige Co-Leiter des Centre culturel suisse à Paris ausserdem einen sehr hohen Anspruch an die jungen Kunstschaffenden und fordert, dass diese sich ihrem Ziel zu einhundert Prozent verschreiben. Die Schule stellt ihnen dann die Mittel in Form von Werkstätten, einem Fotolabor, der Druckerei oder digitalen Medien zur Verfügung. Die Kunstschaffenden sollten überdies einen breiten kulturellen Hintergrund aufweisen, weshalb ­eine Bibliothek ein zentraler Ort sei – dieser soll auch den angedachten Neubau prägen. Zudem seien Partner wie das innovative Théâtre Les Halles (TLH) essenziell: Seit 2018 besteht im Foyer dieses Theaters in Sierre mit ‹Le Cube› ein gemeinsamer Ausstellungs- und Projektort. Wie die Hochschule mit ihren beiden Polen ist auch der Kanton Wallis zweigeteilt: in das Oberwallis, deutschsprachig und eher konservativ, und das Unterwallis, französischsprachig und wirtschaftlich stark auf die Genferseeregion ausgerichtet. Um das Jubiläum in einem breiten Kreis publik zu machen, war also eine besondere Aktion nötig. Mit dem ‹Dancewalk – Ultra Valais› des bekannten Choreografen Foofwa d’Imobilité, der vom 27. September bis zum 6. Oktober vom Rhonegletscher 200 km tanzend durch das Wallis bis zum Genfersee führte, hatte man einen passenden Weg gefunden. Dabei wurde die Compagnie Neopost Foofwa von studierenden oder ausgebildeten Musikern begleitet: An den unterschiedlichen Tagen durchtanzte man verschiedene thematische «Gebiete», von der Natur über den Wein bis zu Zukunftsindustrien. An den Abenden fanden in lokalen Kunstorten dann jeweils gesellige Feiern statt. Diese Aktion verband zudem Vergangenheit und Zukunft: Vom Gebiet der legendären Furk’art, wo von den zwischen 1983 bis 1999 entstandenen Werken einzelne wie etwa ein Turm von Per Kirkeby zurückgeblieben sind, gelangte man in die Künstlerresidenz La ­Becque in La Tour-de-Peilz am Genfersee. Mit dieser kooperiert die Schule aktuell.

Alte und neue Schwerpunkte
Die EDHEA versteht sich als im Zentrum von Europa angesiedelt. Felley drückt es wie folgt aus: «Im Herzen des Alpenraums, abseits der grossen urbanen Zentren gelegen, ist das Wallis ideal für Studium und Forschung. Wie die Schweiz reflektiert und nutzt es den Reichtum der kulturellen Unterschiede des Landes.» Er betont jedoch, dass sich das Unterwallis vor allem in Bezug auf die Entwicklungen im Genfersee­becken verändere. Es gebe zwar Preissteigerungen, aber man profitiere von einem Austausch, indem einige Personen, nicht zuletzt aus der Kunstszene, nun im Unterwallis Wohnsitz nähmen und die Schule attraktiver werde. Ein Beispiel ist die bekannte Kunstschaffende Latifa Echakhch, die im Unterwallis ein Atelier betreibt und seit 2019 auch Kurse an der EDHEA hält. Zugleich stehe man aber ständig in einem gewissen Konkurrenzkampf mit den Schulen in Genf und Lausanne. Deshalb soll ein neuer Schwerpunkt in Bezug auf «den Ton» etabliert werden. Felley meint dazu: «Neben den klassischen Kunst- und Design­kursen nehmen Sound und MAPS – Master of Arts in Public Spheres – eine besondere Stellung ein. Dazu entwickeln wir zahlreiche Partnerschaften in der ganzen Schweiz und mit europäischen Institutionen.» Der Master of Arts in Public Spheres selbst ist eine solche Kooperation – er wird gemeinsam mit der HEAD in Genf und der ECAL in Lausanne angeboten. Internationale Vernetzung wird mit der Förderung von ausländischen Studierenden durch die Bourse Hans ­Joerg Wyss vorangetrieben. Das Institut de Recherche, das von Alain Antille geleitet wird, widmet sich ebenfalls der «Interaktion» zwischen Kunstschaffen und verschiedensten Räumen, wie der Natur oder dem öffentlichem Raum. Neue Partner ermöglichen auch ungewöhnliche Projekte: Die Fondation Oplae in Lens vergibt etwa ab dem Frühling 2020 an eine Absolventin oder einen Absolventen des Studiengangs Master of Arts in Public Spheres einen dreimonatigen Aufenthalt in Australien im Gebiet der Aborigines. Als kurzes Fazit bleibt: Die kleine EDHEA muss geschickt agieren, Gelegenheiten ergreifen und Nischen nutzen. 

Die Zukunft wird gebaut
Jean-Paul Felley lässt in unserem Gespräch keinen Zweifel an seiner Mission für die EDHEA aufkommen. Ursprünglich aus dem Wallis, ist er gut vernetzt bis in den Regierungsrat. Dieser hat den Bildungsbereich als Standortvorteil für die Zukunft des Kantons erkannt. So wurden die Walliser Fachhochschulen unter der Bezeichnung ‹HES-SO Valais-Wallis› zusammengefasst und an einigen Orten schon breit ausgebaut. Auch die EDHEA ist seit 2019 ein Teil dieses Verbundes und profitiert von der Zusammenarbeit, etwa durch das interdisziplinäre Gefäss des ‹ArtinLab›, das an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft arbeitet. Schon länger sind die Planungen für einen Neubau der Schule im Gange. Das Langzeitprovisorium, seit 1997 im ehemaligen Kantonsspital, bietet zwar für Kunstschaffende helle Ateliers, ist zugleich aber für Arbeiten am Computer im Sommer ungeeignet, und die Werkstätten im Keller platzen aus allen Nähten. Dass nun am 14. November 2019 die Gemeinde Sierre den Masterplan für die Bebauung veröffentlicht hat, konnte die Hochschule auf Instagram als positive Nachricht posten – so wird ein nächstes Treffen in einigen Jahren dann vielleicht nicht mehr auf der Sonnenterrasse mit spektakulärer Fernsicht, sondern in einer grossen Bibliothek stattfinden.

Adrian Dürrwang. Kunsthistoriker, freier Autor und Lehrer in Bern. a_duerrwang@hotmail.com

→ EDHEA, Schule für Gestaltung und Hochschule für Kunst Wallis ↗ www.edhea.ch
→ ‹Les plus beaux livres suisses 2018›, Ausstellung kuratiert vom Bundesamt für Kultur in Kooperation mit der EDHEA, Arsenaux, Sion/Sitten, bis 31.1. ↗ www.lesarsenaux.ch

Bis 
31.01.2020
Institutionen Land Ort
EDHEA Schweiz Sierre
Les Arsenaux Schweiz Sion
Ausstellungen/Newsticker Datumabsteigend sortieren Typ Ort Land
Les plus beaux livres de Suisse 07.12.201931.01.2020 Ausstellung Sion
Schweiz
CH
Autor/innen
Adrian Dürrwang

Werbung