Giacometti/Sade

Alberto Giacometti · Homme étranglant une femme, o. D., Crayon sur papier, 19,5 x 12 cm, ProLitteris, Fondation Giacometti, Paris

Alberto Giacometti · Homme étranglant une femme, o. D., Crayon sur papier, 19,5 x 12 cm, ProLitteris, Fondation Giacometti, Paris

Man Ray · Femme tenant l’Objet désagréable, 1931, Musée national d’art moderne, Centre Pompidou, Paris © ProLitteris

Man Ray · Femme tenant l’Objet désagréable, 1931, Musée national d’art moderne, Centre Pompidou, Paris © ProLitteris

Hinweis

Giacometti/Sade

Paris — ‹Grausame Objekte des Begehrens› verspricht eine kleine Studien-Ausstellung im Institut Giacometti durch die Gegenüberstellung des 1966 im Alter von 64 Jahren verstorbenen Schweizer Bildhauers mit dem Homme de lettres, der 1814 in der Irrenanstalt Charenton-Saint-Maurice 74-jährig verstarb. Die Begeisterung der Surrealisten für de Sade, den sie als Schriftsteller rehabilitierten, ist bekannt. Giacometti hat in den Dreissigerjahren der surrealistischen Bewegung folgend eine Reihe ‹Objekte symbolischer Funktionsweise› realisiert. Der künstlerische Leiter des Instituts Christian Alandete und seine Forschungs­kuratorin Serena Bucalo-Mussely haben sich nun seine Notizbücher und Skizzenhefte, seine Arbeitsweise und seine Beschäftigung mit der Seh-Lust neu vorgenommen. Leitende These: Giacometti, nach dem Tod seines Vaters 1933 intensiver De-Sade-Leser, übertrug die Gedanken des «Göttlichen Marquis» in seine Arbeitsweise. Anhand von rund vierzig Objekten, Dokumenten und Fotografien gelingt zweierlei: Zum einen wird Gewalt als Unterströmung von Giacomettis Schaffen erkennbar. Mag das Benutzen von Taschenmessern zum Einschneiden in den Tonkörper seiner Skulpturen dafür bloss ein Indiz sein, so sprechen die Notiz­bücher eine deutliche Sprache. Vom «Ziel des Genusses durch die Liebe» ist da die Rede, die «zum Mord und vom Mord zur Anthropophagie» führe. Traum, Angst und Sexualität scheinen als Hauptmotive in Giacomettis Arbeit auf, letztere vor allem als eine aus Frauenfurcht entstandene Beziehung. Zum anderen wird modernistische Mysogynie neu thematisiert, indem Man Rays 1931 aufgenommene Fotografie einer Frau mit Giacomettis ‹unangenehmem Objekt› mit dem 2018 produzierten Video ‹Von der aus Träumen kommenden Ungewissheit› der ecuadorianischen Künstlerin Estefania Peñafiel Loaiza konfrontiert wird. Schaut auf dem Foto die namenlose Barbusige den stachligen Phallus verträumt an, so reflektiert das Auge im Video die bekannte Szene aus Buñuels ‹Andalusischem Hund›, in dem einer Frau das Auge mit einem Rasiermesser ­entzweigeschnitten wird. Weiss man, dass es das Auge der Schwester der Künstlerin ist, wird die Frau von der Beobachteten zur Beobachterin. Eine Kritik der Ästhetisierung des männlich dominanten Blicks unter Verwendung des weiblichen Körpers lässt sich daraus noch nicht ableiten. Wohl aber ein Anstoss, über das Verhältnis von Kunst, Lust und Gewalt nachzudenken. Der exzellente kleine Katalog erlaubt eine Vertiefung zur Neubewertung der Moderne. J

Bis 
09.02.2020

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