Giulia Piscitelli, Clemens v. Wedemeyer – Nella società, in Gesellschaft

Giulia Piscitelli · Una nuvola como tapetto, 2019, und Spica, 2011, Ansicht Kunstmuseum Luzern, Foto: Marc Latzel

Giulia Piscitelli · Una nuvola como tapetto, 2019, und Spica, 2011, Ansicht Kunstmuseum Luzern, Foto: Marc Latzel

Clemens v. Wedemeyer · Faux Terrain, 2019, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2019, Courtesy KOW, Berlin und Galerie Jocelyn Wolff, Paris © ProLitteris. Foto: Marc Latzel

Clemens v. Wedemeyer · Faux Terrain, 2019, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2019, Courtesy KOW, Berlin und Galerie Jocelyn Wolff, Paris © ProLitteris. Foto: Marc Latzel

Besprechung

Die Weltbevölkerung nimmt kontinuierlich zu, der Platz wird knapper und der Grad der gesellschaftlichen Reibungsfläche intensiviert sich. Giulia Piscitelli und Clemens von Wedemeyer liefern mit je einer Einzelausstellung im Kunstmuseum Luzern ein visuelles Zeugnis eines soziopolitischen Status quo.

Giulia Piscitelli, Clemens v. Wedemeyer – Nella società, in Gesellschaft

Luzern — Die von Fanni Fetzer kuratierte Doppelausstellung ‹Nella società, in Gesellschaft› vereint zwei formalästhetisch gegensätzliche Positionen, die sich jedoch auf der inhaltlichen Ebene akkurat ineinander verweben. Räumlich separiert und konzeptuell als «loser Dialog» ausgelegt, widmen sich Giulia Piscitelli (*1965) und Clemens von Wedemeyer (*1974) in ihren Werken gesellschaftlichen Zusammenhängen. Als stille Beobachterin des Alltags lebt und arbeitet Giulia Piscitelli in der süditalienischen Metropole Neapel. Laut, dreckig, stinkend sowie stets mit Pizza und Mafia konnotiert, präsentiert sich die Stadt als Katalysator für gesellschaftliche Querelen und politische Stagnation. Die Künstlerin nutzt diese Umstände, um mittels konzeptueller Strategien feinfühlige Werkgruppen zu realisieren, die durch eine minimalistische Vielschichtigkeit geprägt sind; gefundene Flohmarkt-Gemälde werden mit Blattsilber überzogen und entziehen die Sicht auf den visuellen Geschmack der Dreissiger- bis Siebzigerjahre, oder triviale Alltagsgegenstände erhalten eine Aufwertung mit dem Ferrari-Logo. Giulia Piscitelli scheut sich nicht davor, auch im Brennpunkt stehende, politische Themen anzusprechen und bildgewaltig umzusetzen; beinahe zwei Dutzend katholische Beichtstühle sind mit islamischen Gebetsteppichen eingefasst und vermitteln eine Ästhetik, die irritiert, aber gleichzeitig eine ambivalente Neugierde weckt. Eine formale Schlichtheit in Kombination mit einer thematischen Tiefgründigkeit setzt auch Clemens von Wedemeyer in seinen Videoarbeiten um. Er interessiert sich – aus historischer wie auch gegenwärtiger Sicht – für das sozialpsychologische Phänomen der Massendynamik, das er mittels theoretischer Recherchen und Computersimulationen untersucht. Gesellschaftliche Ausnahmezustände wie Demonstrationen, Evakuationen oder Fussballspiele nutzt der Künstler für eine Art digitalisierte Verhaltensforschung, die zwischenmenschliche Fragen nach Partizipation und Interaktion aufwirft. Mit einem gekonnten Spiel zwischen Illusion und Animation konstruiert er auf den grossformatigen Projektionen und Bildschirminstallationen ein symbolträchtiges Verhältnis zwischen Mensch, Raum und Zeit. Mit ‹Faux Terrain› hat Clemens von Wedemeyer zudem eine ortsspezifische Videoarbeit entwickelt, bei der er Geschichte und Gegenwart von Luzern unter dem Aspekt der individuellen und gesellschaftlichen Entfremdung verknüpft. 

Bis 
09.02.2020

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