Johannes Itten — Kunst als Leben

Johannes Itten · Kinderbild, 1921/22, Öl auf Holz, 110 x 90 cm, Kunsthaus Zürich © Pro Litteris. Foto: Kunsthaus Zürich

Johannes Itten · Kinderbild, 1921/22, Öl auf Holz, 110 x 90 cm, Kunsthaus Zürich © Pro Litteris. Foto: Kunsthaus Zürich

Besprechung

Mit einer Gegenüberstellung von Gemälden, Skizzen und Tagebuchnotizen will die Ausstellung ‹Kunst als Leben – Bauhaus­utopien und Dokumente der Wirklichkeit› im Kunstmuseum Bern dem Künstler und vor allem dem esoterisch geprägten ­Theoretiker Johannes ­Itten auf die Spur kommen.

Johannes Itten — Kunst als Leben

Bern — Woran liegt es, dass Paul Klee in Bern präsenter ist als Johannes Itten? Die Frage ist schwer zu beantworten. Glück und Zufall stricken an posthumen Erfolgsgeschichten mit, der Kunstmarkt, der Zeitgeist: Was lässt sich aus einem Werk lesen? Wie kann man es mit aktuellen Fragen in Verbindung bringen? Paul Klee (1879–1940) erscheint modern und dem Metaphysischen gegenüber offen; ein Künstler, der sich prima im Heute weiterdenken lässt. Johannes Itten (1888–1967) ist da schwerere Kost. Er untersucht in seinem Werk nicht nur die Möglichkeiten geometrisch ab­strakter Malweisen. Itten begreift die Kunst als Lebensaufgabe und verschreibt sich und seinen Studierenden gymnastische Übungen, um aus der Bewegung des Leibes heraus jene auf der Leinwand zu generieren. Diese Vorstellung einer Verbundenheit von Körperertüchtigung und Kunstschaffen wirkt, ebenso wie Ittens Faible für mönchische Gewänder, exzentrisch. Doch sein Interesse am Esoterischen erschöpft sich nicht in Äusserlichkeiten. Er ist eifriger Anhänger der Mazdaznan-Lehre, in der sich christliche mit tantrischen und theosophischen Ideen, vegetarischen Lebensregeln, aber auch rassistischen Vorurteilen verbinden. Als Begründer und Leiter des obligaten Vorkurses am Bauhaus nutzt Itten die Möglichkeit, seine Weltanschauung unter den Studierenden zu verbreiten. Eine Konstellation, die bis heute Fragen aufwirft. Fragen, die im Kunstmuseum Bern eher angetippt als ausdiskutiert werden. Neben vielen Gemälden, vorwiegend aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, präsentiert die Schau zahlreiche Skizzen und Tagebuchblätter. Diese Notate wurden neu erforscht und beurteilt und sind zum ersten Mal in diesem Umfang ausgestellt: Zwei Wände im grossen Saal des Altbaus sind mit einer Zusammenstellung aus Zeichnungen und Schriften bedeckt. In Gegenüberstellung mit den Bildwerken verdeutlicht diese Präsentation vor allem, wie sehr der Tagebuchschreiber Itten mit künstlerischen Fragen befasst war und wie stark sein weltanschauliches Denken Eingang in seine Malerei fand. In das ebenso berühmte wie rätselhafte ‹Kinderbild›, 1921/22, beispielsweise hat Itten zahlreiche religiöse Symbole eingearbeitet, wie erläuternde Kommentare beleuchten. Wer mehr erfahren will, darf den Zeitaufwand einer Lese-Ausstellung nicht scheuen. Man muss sich tief in die grosse Fülle des Mate­rials einlesen, eindenken. Und man muss es vor Ort tun, denn der Katalog enthält nur ­einen Bruchteil des Materials der Ausstellung.

Bis 
02.02.2020

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