Uriel Orlow — Tee im Turm

Uriel Orlow · Learning from Plants (Artemisia afra), 2019 © ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz

Uriel Orlow · Learning from Plants (Artemisia afra), 2019 © ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz

Uriel Orlow · Learning from Plants (Artemisia afra), 2019 © ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz

Uriel Orlow · Learning from Plants (Artemisia afra), 2019 © ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz

Besprechung

Ganz oben im schiefen Turm der Kunsthalle Mainz, der ehemaligen Energiezentrale des Rhein-Zollhafens, treffen wir auf die ­aktuellste Arbeit von Uriel Orlow. Hauptakteure der grossen Solo­schau sind Pflanzen. Sie werden als Zeugen der ­historischen Verstrickungen zwischen Europa und Afrika inszeniert.

Uriel Orlow — Tee im Turm

Mainz — Uriel Orlow verwandelt den Turmraum der Kunsthalle Mainz in eine Tee­küche. Zu trinken gibt es Lum Artemisia, ein traditionelles Heilmittel gegen Malaria. Eine zweiteilige Videoarbeit dokumentiert den Anbau der traditionellen Heilpflanze und lässt Frauen eines Kollektivs, die mit der Produktion ihre Familien finanzieren, zu Wort kommen. Parallel dazu preisen in einem zweiten Video kongolesische Musiker mit Gesang den vielseitigen Nutzen der Pflanze für die Bevölkerung. Vier kleinformatige kongolesische Malereien mit Anweisungen zum Teeaufguss komplettieren die Installation. Die Werkgruppe ‹Learning from Plants (Artemisia ­afra)›, 2019, entstand im Kontext der Lubumbashi Biennale im Kongo, wo Orlow mit den Frauen auch einen Garten anlegte. Der Transfer an den Rhein, mitten in den ehemaligen Zollhafen, der sich derzeit im Umbau zu einem neuen Arbeits-, Freizeit- und Wohnquartier befindet, verknüpft verschiedene Bedeutungsstränge zu einer ortsspezifischen Lesart: Der Rhein gilt seit jeher als eine Hauptschlagader des europäischen Handels, die den Süden mit dem Norden verbindet. Die Gentrifizierung der alten Hafenstrukturen bildet die Kontrastfolie zu den im Video dokumentierten regio­nal organisierten Aktivitäten der alternativen Heilmittelproduktion in Zentralafrika. Die Arbeiten lassen sich als Kommentar auf die ungleichen Interessen und Machtverhältnisse in Handelsbeziehungen lesen, etwa zwischen der Pharmaindus­trie und den traditionellen Heilpraktiken oder zwischen europäischer Normalität und postkolonialer Realität. Und beinahe verleitet die Werkgruppe zum Fair-Trade-Reflex, also dazu, das Museumspersonal nach dem Verkauf des Teekrauts zu fragen. Uriel Orlow spannt ein dichtes Assoziationsnetz auf, das den eigenen Standpunkt subtil einbezieht. Dahinter steht ein forschungs- und prozessbasiertes Vorgehen. Seine Themen begegnen ihm zumeist direkt vor Ort, bei der Lubumbashi Biennale ebenso wie bei der Manifesta 12 in Palermo, bei einem Forschungsaufenthalt in Kapstadt oder einem Ausstellungsprojekt in Aubervilliers, Paris. Im Dialog mit Akteuren und in Archivrecherchen entwirrt er historische Verstrickungen. Er sammelt Indizien, Spuren und Beweise und befragt Zeugen. Die Vorgehensweise ist anthropologisch und historisch zugleich. Die künstlerische Freiheit ermöglicht es ihm, das Augenmerk auf Verborgenes zu richten und bisher Ausgeklammertes ans Licht zu holen. So ist seine Arbeit auch Teil der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit. Genauso sucht sie aber auch nach alternativen Wegen in die Zukunft. 

Bis 
23.02.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Uriel Orlow - Conversing with Leaves 29.11.201916.03.2020 Ausstellung Mainz
Deutschland
DE
Künstler/innen
Uriel Orlow
Autor/innen
Sabine Rusterholz Petko

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