Vera Molnar

Auf dem Boden ihres Studios sitzend, erklärt die 95-jährige Vera Molnar den Algorithmus eines ihrer Gemälde, Courtesy Galerie La Ligne

Auf dem Boden ihres Studios sitzend, erklärt die 95-jährige Vera Molnar den Algorithmus eines ihrer Gemälde, Courtesy Galerie La Ligne

Vera Molnar, eine Reproduktion von 36 Carrés, einer Bewegungsstudie aus 1986, Courtesy Digital Arts Association

Vera Molnar, eine Reproduktion von 36 Carrés, einer Bewegungsstudie aus 1986, Courtesy Digital Arts Association

Hinweis

Vera Molnar

Zürich — Am Anfang war der Sonnenuntergang: Vera Molnar (*1924) wuchs am Balatonsee auf, wo sie als Kind jeden Tag die untergehende Sonne malte. Dabei merkte sie, dass dazu immer die gleichen Rot- und Blautöne nötig sind. Um ein ungleiches Abnutzen der Crayons zu verhindern, rotierte sie sie jeden Abend um eine Position. Dieses Spiel mit Regelmässigkeiten und Eingriffen, von Struktur und Zufall, mit Ordnung und Unordnung ist ein zentrales Thema der Pionierin der digitalen Kunst. Wie kann ein Computer denn zum Zeichnen gebracht werden? Indem er mit Algorithmen gefüttert wird. 1968 waren Computer noch grosse Maschinen ohne Bildschirme, die über Terminals bedient wurden. Molnar überredete den Leiter des Rechenzentrums der Universität Paris, ihr einzelne Minuten am Terminal zuzusprechen. Sie liess den Prozessor Formen und Linien kalkulieren, die mit einem Stift geplottet wurden – der Anfang ihres charakteristischen Schaffens. Sie bedient sich gerne eines seriellen Gestaltungsprinzips, was sich im Aneinanderreihen und allmählichen Verändern einer Grundform zeigt. Quadrate sind die Basis für ‹Out of Square› aus 1974, die schrittweise subtil aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Diese ‹quadrilatères› entwickeln ein Eigenleben, verlieren allmählich ihre Form und ihre starre Ordnung, bis sie zu einer einzigen Linie werden. ‹(Dés)Ordres, 1976–1977› illustriert mittels konzentrischer Quadrate, wie die Künstlerin in den digitalen Prozess eingreift und in der seriellen Ausrichtung Bewegung an der Oberfläche erzeugt. Dekonstruierte Quadrate bilden die Grundlage der Siebdrucke von ‹A base de carrés, 1999–2011›, in denen acht Formen zu einem wirbelnden Tanz roter Puzzleteile aufspielen. Ganz anders die Studien zum Kamm des Massifs Montagne Sainte-Victoire, in denen Molnar das Bild von Paul Cézanne geometrisch erforschte und in Linienzeichnungen umwandelte. Jeder Raum im Museum ist auf dem Boden mit einem Würfelsymbol gekennzeichnet, und ein Würfel dient Besuchenden auch als ‹générateur de hazard›, mit dessen Hilfe der Beginn des Rundgangs ermittelt werden kann. Komplettiert wird die Ausstellung durch die in einer nachgebauten Ateliersituation gezeigten dokumentarischen Videos, darunter dasjenige des Besuchs von Caroline Hirt und Christian Etter bei Vera Molnar in Paris, wo sie seit 1947 lebt. Gesprochen wird Französisch, die Untertitel hingegen sind englisch – das hält die Synapsen in Schwung. 

Bis 
09.02.2020
Künstler/innen
Vera Molnar
Autor/innen
Thomas Schlup

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