Editorial — I like to film the things as they are

Jiří Makovec · Oregon (Rodent), 2016, aus: ‹From … To …›, 2018–2002, Jungle Books, St. Gallen

Jiří Makovec · Oregon (Rodent), 2016, aus: ‹From … To …›, 2018–2002, Jungle Books, St. Gallen

Editorial

Editorial — I like to film the things as they are

Oregon? Die Begegnung mit dem kleinen Nager hätte sich auch andernorts abspielen können.Jiří Makovec ist wohl kurz aus dem Auto ausgestiegen, und nun beäugt ihn das Tierchen ebenso neugierig, wie er es beobachtet. Nur wie die Spezies heisst, will ihm jetzt, einen Tag vor Eröffnung seiner Schau in der Kunst Halle Sankt Gallen,
grad nicht einfallen. Kein Wunder, er ist etwas übernächtigt. Den Film für die Ausstellung hat er eben erst fertig geschnitten.
Schaut man die Aufnahmen von Jiří Makovec an, so wird klar: Er mag Tiere und Menschen – und er reist gerne. Letzteres tut er als professioneller «Location Hunter» für die Filmindustrie oder aus familiären Gründen. Zudem wurde er durch eine Ahnenbiografie «on the wheels» geprägt und hat es nun angeblich in den Genen. Meist trägt er zwei analoge Kameras mit sich herum. Er setzt also auf eine Technik, in der jedes Bild in einem herkömmlichen Prozess entwickelt werden muss. Wieso? Weil er seine Modelle nicht nerven will mit zigfachen Takes, bis eine Sequenz perfekt ist. Und weil er beim Ringen um Perfektion möglicherweise den besten Moment verpasst. Einen Moment, der sich so nicht inszenieren lässt und der sich erst im Rückblick zu erkennen gibt.
In einer Publikation hat Jiří Makovec 1525 solche Momente zusammengefasst, jede Aufnahme erzählt eine Geschichte mit offenem Ausgang. Im Fall des zutraulichen Nagers beispielsweise eine von Angst und Vorwitz, Gefährdung und Spiel. Nur, anders als beim grossen schwarzen Orca im Aquarium von Oregon, dem Sophie Hunger einen ihrer eindringlichen Songs gewidmet hat, wird hier dem Tier kein Zwang angetan, es kann jederzeit verschwinden … «Love is not the answer to everything», beschwört uns Hunger Strophe um Strophe. Aufmerksames Beobachten auch nicht, doch es ist ein guter Anfang. Neugierig? Dann kann das neue Kunstjahr ja beginnen.

Autor/innen
Claudia Jolles
Künstler/innen
Jiri Makovec

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