Jiří Makovec — Die Welt als Summe von Momenten

Uenokōen (Man Sleeping), 2015

Uenokōen (Man Sleeping), 2015

Rim Village Dr (Guest House), 2016

Rim Village Dr (Guest House), 2016

Shiba Minato (Two Women Holding Photograph), 2015

Shiba Minato (Two Women Holding Photograph), 2015

Bunkyo City St. Mary’s Cathedral (Three Kids), 2015

Bunkyo City St. Mary’s Cathedral (Three Kids), 2015

Lissabon (Model), 2017, alle Aufnahmen aus: ‹From … To …›, 2018–2002, Jungle Books, St. Gallen

Lissabon (Model), 2017, alle Aufnahmen aus: ‹From … To …›, 2018–2002, Jungle Books, St. Gallen

Jiří Makovec. Foto: Lukas Havlenic

Jiří Makovec. Foto: Lukas Havlenic

Fokus

Für Jiří Makovec ist jeder Weg ein potenzieller fotografischer Streifzug. Mit wachsamem Blick und der griffbereiten Kamera entdeckt er allerorten den besonderen Augenblick, aber auch den Reiz des Alltäglichen. In der Kunst Halle Sankt Gallen zeigt der St. Galler Künstler mit tschechischen Wurzeln jetzt seine Sicht auf die Ostschweiz. 

Jiří Makovec — Die Welt als Summe von Momenten

Ein Jugendlicher balanciert auf einem Brückengeländer, ein Pferd schaut aus einer Garage, ein Windhund ruht in einem Schaufenster, drei Eimer voller Blumen im Kofferraum – Menschen, Tiere, Dinge in alltäglichen oder speziellen Konstellationen; kleine Begebenheiten, die weder andauern noch für Publikum arrangiert sind. Jiří Makovec sind sie dennoch aufgefallen. Der Künstler durchstreift Städte, Landschaften, Agglomerationen mit einem untrüglichen Gespür für das Besondere im Normalen und mit einem fotografischen Blick. Er sieht hin, was Menschen und Tiere tun, sieht, was sie sehen oder wohin sie gerade nicht schauen. Mal entdeckt er skurrile Hinterlassenschaften und Anordnungen auf kleinstem Raum, mal grossartige Ausblicke oder kleine Szenen vor monumentaler Architektur oder, wie Makovec selbst es zusammenfasst: «Ich fotografiere Motive, die ich nicht erfinden kann. Mich interessiert der Clash von Dingen, Personen, Situationen, die aussergewöhnlich sind. Wenn man allerdings die Welt genau anschaut, ist sie voller solcher Momente. Das Aussergewöhnliche ist also gleichzeitig auch gewöhnlich. Das ist sehr grosszügig und schön.»

Quadrat als Chance
Der Künstler fotografiert in Kashgar wie in Prag, in Amalfi wie im Alpstein, in der Favela in Rio de Janeiro genauso wie in Chinatown. Sein Antrieb ist jedoch nicht der Reiz des Exotischen oder des Fremden, auch seine Bilder verweigern sich einer solchen Lesart, denn jede einzelne Aufnahme beruht auf dem zugewandten Intresse des Künstlers für die Welt, für sein Motiv und in seiner zurückhaltenden Aufmerksamkeit für das Sujet. Dabei kommt es ihm weniger darauf an, unbeobachtet zu bleiben, als vielmehr den eigenen Blick möglichst genau zu erfassen: «Ideal ist es, die Momente so zu fotografieren, wie man sie mit den Augen sieht. Bis man die Kameras ausgepackt hat, ist man vielleicht schon zu spät. Vielleicht wird es in der Zukunft solche Fotoapparate geben.» Bis dahin setzt Jiří Makovec auf die bewährte Technik.
Er verwendet in seiner Arbeit ausschliesslich analoge Kameras wie beispielsweise die alten Mittelformatapparate von Hasselblad oder Rolleiflex. Deren quadratische Formate bieten seit fast 100 Jahren einerseits den Vorteil eines ausgewogenen, neutralen Seitenverhältnisses, andererseits nutzte speziell die Reportagefotografie den nachträglichen Zuschnitt auf ein Quer- oder Hochformat und damit die Chance, den wirkungsvollsten Ausschnitt zu wählen. Makovec schätzt das Quadrat so, wie es ist: «Es nimmt mir gewissermassen die Entscheidung ab, ob ich ein querformatiges oder ein hochformatiges Bild mache. Es gibt mir zudem einen grösseren Ausschnitt mit einem Standardobjektiv.» Daneben arbeitet Makovec auch mit Kleinbild, Grossformat und anderen Formaten. Seit einigen Jahren wendet er sich mehr und mehr dem Film zu: «Ich habe schon immer gedacht, dass ich gewisse Szenen gerne auch in Bewegung hätte. Eine erste Annäherung hatte ich an den Film, als mich Freunde als Kameramann für ihren Dokumentarfilm anfragten.»

Jede Sequenz ein Bild
Makovec filmt mit dem Auge des Fotografen. Er fügt Situationen aneinander, die inhaltlich für sich stehen können und deren jede als eigenständiges Bild funktioniert. Aus den einzelnen gefilmten, sorgfältig montierten Sequenzen ergibt sich eine fortlaufende Erzählung über das Leben. Zusätzlichen Sound brauchen die Aufnahmen nicht, der Künstler lässt den vorgefundenen Klängen ihren Raum. Die filmischen Arbeiten Makovecs sind vom gleichen offenen Blick getragen wie das fotografische Werk. Auch im Film wertet er nicht, sondern entdeckt und beobachtet, was Menschen oder Tiere tun, bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unbeabsichtigt, allein oder gemeinsam. Sowohl im Film als auch in Jiří Makovecs Fotografien sind Inhalt und Gestaltung gleichberechtigt: «Im Vordergrund ist meine Aufmerksamkeit, die inhaltliche und ästhetische Interessen vereint. Ein gutes Bild ist immer ein Zusammenkommen all dieser Komponenten. Aber wenn du meinen Kontaktbogen anschaust, dann siehst du, dass es oft mehrere Anläufe braucht, bis man das erreicht.»
Makovec geht nie ohne Kamera aus dem Haus, so zeigt er in der aktuellen Ausstellung in der Kunst Halle Sankt Gallen Bilder aus der Ostschweiz. Diese alltäglichen Wege sind für seine Arbeit ebenso ergiebig wie gezielt gewählte Routen: «Die Koordinaten setze ich mir dabei selber, ich recherchiere auch über Ortschaften und Ereignisse, die mich interessieren, und begebe mich an die Orte. Für ‹Å Ro Spa Brno Lancy› folgte ich einer Zickzacklinie durch Europa, entlang den lautmalerischen Namen der Ortschaften.» Die erwähnte Arbeit beginnt 2018 in Å in Norwegen, führt ihn über Ro in Griechenland, Spa in Belgien und Brünn in Tschechien bis nach Lancy im Kanton Genf. Sie liefert eine unvollständige, aber mannigfaltige Bestandesaufnahme europäischen Lebens.

Psychogeografische Streifzüge
Immer wieder lässt sich Makovec vor Ort auf die vorgefundene Realität ein, unternimmt Erkundungstouren, schweift umher. Er blickt der böhmischen Rentnerin, die eine einzelne Blume verkauft, in die Augen, er sieht die Taube im Blumentopf und die Bushaltestelle im Nirgendwo. Hinter jedem Moment lauert ein potenzieller weiterer, hinter jeder Strassenecke öffnet sich ein neues Stück Welt – Jiří Makovec ist mit seiner Kamera bereit. Verwandt ist sein Ansatz mit der Psychogeografie, wie sie von der Situationistischen Internationale geprägt wurde. Die Künstlerinnen, Künstler und Intellektuellen dieser Gruppe untersuchten vor allem in den 1960er-Jahren die Wechselwirkung zwischen Menschen und ihrer Umgebung: Wie beeinflusst der gebaute Raum das Verhalten und die Psyche der Menschen? Wie bilden sich menschliche Gewohnheiten und Bewegungsmuster im Stadtraum ab? Als Rechercheinstrument etablierte die Gruppe das «Dérive», das Erkunden einer Stadt durch zielloses Umherschweifen. Dafür wurden spielerische Regeln erfunden und angewandt. Eine Spur davon findet sich in Jiří Makovecs lautmalerischem Zickzackkurs durch Europa. Vor allem aber lässt sich der Künstler treiben und versucht, sich den Blick nicht verstellen zu lassen von Routenplanern, Suchmaschinen oder Navigationsgeräten, denn jenseits dieser omnipräsenten Hilfsmittel wartet der nächste gute Moment.

Die Zitate stammen aus einer E-Mail-Korrespondenz mit dem Künstler vom 26.11.2020.
Kristin Schmidt, Kunsthistorikerin, lebt in St. Gallen, post@kristinschmidt.de

→ ‹Wo Wir›, Projekt mit Ausstellung von Katalin Deér und Jiří Makovec, Installation von Caroline Ann Baur & Vanessà Heer und dem Archiv der Kunst Halle Sankt Gallen als Arbeitsstation, Kunst Halle Sankt Gallen, bis 14.2. 
www.kunsthallesanktgallen.ch

Bis 
14.02.2021

Jiří Makovec (*1977, Prag) lebt in St. Gallen
2001 FAMU (Fakultät für Film und Fernsehen, Akademie der musischen Künste, Prag)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹The places you’ve left and the places you’ve come to part (I, II)›, ICP Library, New York
2018 ‹7 minutes (Tokyo)›, Riffraff, Zürich
2016 ‹VR Tokyo›, Planeta, New York, NY
2015 ‹From ... to ... ›, Architektur Forum Ostschweiz, St. Gallen
2014 ‹Xinjiang›, Mouvement Art Public, Montréal, Kanada
2013 ‹From the island›, Oslo 8, Basel

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Kameras›, Boulev’art, Kunstraum Kreuzlingen
2018 ‹Heimspiel›, Kunstmuseum Appenzell; ‹Nowhere Near›, Nextex, St. Gallen, Switzerland; ‹Robert Indiana: A Sculpture Retrospective›, Albright-Knox, Buffalo, NY
2017 ‹The places you’ve left and the places you’ve come to (I,II) ›, Propstei St. Peterzell
2015 ‹Island Iceland Offshore Project Group Show›, The Bookshop Projectspace, Skaftfell, Sejdisfjordur, Island

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