Katja Aufleger — Leise und laute Zwischentöne

Bang!, 2013–2016, Glas, verschiedene explosive Substanzen, Gummi, je Skulptur ca. 50 x 50 x 30 cm, Courtesy Galerie Stampa, Basel, und Galerie Conradi, Hamburg. Foto: Gina Folly

Bang!, 2013–2016, Glas, verschiedene explosive Substanzen, Gummi, je Skulptur ca. 50 x 50 x 30 cm, Courtesy Galerie Stampa, Basel, und Galerie Conradi, Hamburg. Foto: Gina Folly

Because It’s You, 2020, C-Print auf Stoff, LED-Leuchtkasten, 42 x 29,5 cm, Ed. 3 Ex. + 1 a.c. + 1 e.c., Courtesy Galerie Stampa, Basel

Because It’s You, 2020, C-Print auf Stoff, LED-Leuchtkasten, 42 x 29,5 cm, Ed. 3 Ex. + 1 a.c. + 1 e.c., Courtesy Galerie Stampa, Basel

Newton’s Cradle, 2013/2020, Glas, Stahl, Schwefelsäure, Salpetersäure, Glycerin, Gummi, Masse ­variable, Courtesy Galerie Stampa, Basel, Ausstellungsansicht mit Jean Tinguely, Klamauk, 1979 (im Hintergrund), Museum Tinguely, Basel. Foto: Gina Folly

Newton’s Cradle, 2013/2020, Glas, Stahl, Schwefelsäure, Salpetersäure, Glycerin, Gummi, Masse ­variable, Courtesy Galerie Stampa, Basel, Ausstellungsansicht mit Jean Tinguely, Klamauk, 1979 (im Hintergrund), Museum Tinguely, Basel. Foto: Gina Folly

Katja Aufleger. Foto: Andrzej Steinbach

Katja Aufleger. Foto: Andrzej Steinbach

Fokus

Katja Aufleger ist eine Verführungskünstlerin, die uns mit ihren Arbeiten so schnell in Bann zieht, wie ein flüchtiger Moment zwischen Reiz und Gefahr andauert. Ihre Objekte führen uns an Situationen heran, die sich stets in einem Spannungsverhältnis befinden – und uns dabei die Verantwortung für unser Handeln übertragen. 

Katja Aufleger — Leise und laute Zwischentöne

Katja Aufleger weiss, was sie tut. Ihr Spiel mit dem (Nicht-)Wissen, mit Anziehung und Abwendung, das Aufdecken der wahren Substanz hinter einzelnen Materialien oder der konzeptionelle Kontext bilden die Grundlage für das komplexe Schaffen einer noch jungen, aber klar positionierten Künstlerin. Aufleger studierte bis 2007 Raumkonzept und Design in Hamburg und absolvierte anschliessend den Master of Fine Arts, unter anderem bei dem bekannten Künstler Andreas Slominski. Aufleger erzählt, dass sie, nachdem sie über ihr Interesse am Bühnenbild schliesslich zur ­freien bildenden Kunst gefunden hatte, auch unbedingt Kunst machen wollte, die für sich stünde. Sich frei in ihren Arbeiten zu bewegen, war ihr wichtig – ohne dass diese einen bestimmten angewandten Zweck erfüllen müsse. Trotzdem habe ihr das erste Studium gutes, vor allem digitales Handwerkszeug mitgegeben. Dieses Know-how ist ihren Werken anzumerken.
‹Gone› im Museum Tinguely ist Katja Auflegers erste museale Einzelausstellung in der Schweiz. Parallel dazu stellt sie auch in der Galerie Stampa in Basel aus, von der sie seit 2015 vertreten wird.
«Gut, dass du keine Angst hast», sagte die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier zu Lisa Grenzebach, die Aufleger ins Museum Tinguely geholt und ihre Show kuratiert hat. Da waren sie gerade dabei, zusammen eine grosse, schwere Skulptur aus Glas auf einen hohen Sockel zu heben. So beschreibt es Grenzebach in ihrem Textbeitrag der begleitend zur Ausstellung erschienenen Publikation, die erstmals einen Gesamtüberblick über Auflegers Arbeiten gibt.

Ein Geheimnis bergen
Warum ist es gut, keine Angst zu haben, wenn man Katja Aufleger oder vielmehr ihren Arbeiten begegnet? Hinter dem, was auf den ersten Blick harmlos, ästhetisch anlockend, glatt und designhaft erscheint, verbirgt sich in ihren Objekten etwas viel Tiefergehendes beziehungsweise eine richtige Sprengkraft – im wahrsten Sinne des Wortes. Die oben erwähnte Glasskulptur ist Teil der Serie ‹Bang!›, 2013–16. Wenn wir im Museum Tinguely im zweiten Obergeschoss den Ausstellungsraum betreten, stehen wir direkt vor ihr: nämlich vor einer Reihe auf hohen Sockeln anmutig thronenden, geschwungenen, transparenten Körpern, die alle ein Geheimnis in sich bewahren.
Dabei ist es nicht etwa der Moment des Schauens selbst, um den es der Künstlerin hier geht. Der Titel ‹Bang!› verweist eindeutig auf die potenzielle Weiterführung in Gedanken. Schauen wir uns die Arbeit genauer an. Die in jeweils zwei bis drei dickwandige Kammern unterteilten gläsernen Körper sind mit unterschiedlichen pulvrigen und ­liquiden Substanzen, jede sich selbst durch eine leuchtende Farbe behauptend, befüllt. Entscheidend dabei ist: Ebenjene Substanzen ergäben in ihrer hier angesammelten, genau aneinander ausgerichteten Dosis und bei einem möglichen Aufeinandertreffen einen Stoff, der «Bang» macht – der ausführt, was der Titel imaginär akustisch bereits vormacht. Vielleicht hätten uns bereits die angeschlagenen, scharfkantigen Flaschenhälse aufmerken lassen müssen, dass es hier einen Bruch gibt in der cleanen Ästhetik der Formen. Vielleicht hätten wir bereits sehen können, dass die wulstigen Glasböden nicht komplett bündig aufliegen, sondern leicht zum Kippen zu bringen sind.
Vielleicht hätten wir spüren können, dass von den Objekten eine Art Sog ausgeht, dass sie letztlich aber für uns nicht gänzlich fassbar werden. Erst in der Katastrophe würden wir ihren wahren Gehalt am eigenen Leib erleben können. Aber darum geht es hier wohl auch nicht. Es ist ebenjenes Spannungsverhältnis, der nur schwer aushaltbare Zustand zwischen Ahnung und Furcht, der uns herausfordert und uns genau da ankitzelt, wo wir unsere Komfortzone verlassen müssen – um nicht etwa erlöst zu werden. Die Rettung bleibt aus. Vielmehr werden wir in einem Zustand zwischen Trance und Irritation zurückgelassen.

Katastrophe im Kopf
Oft ist es bei Aufleger der meist sprechende Titel der Arbeiten, ein wenig à la Duchamp, der uns warnt. Wovor? Vor der Katastrophe im Kopf? In Gedanken werden die verschiedenen Ausgangsszenarien durchlebt, sodass am Ende eine Gewissheit nur hypothetisch existieren kann.
Ähnlich verhält es sich mit ‹Newton’s Cradle›, einer Installation im Erdgeschoss, in der grossen Halle mit Tinguelys Méta-Werk, das den Auftakt zur Ausstellung bildet. Schon von aussen, beim Zulaufen auf den Eingangsbereich, blitzen sie durch die Scheibe hindurch: drei überdimensionale Glaskugeln – gleich einem Newton’schen Pendel. Ein solches besteht normalerweise aus mehreren gleichförmigen Metall­kugeln und soll das System der kinetischen Energie anschaulich machen. Wir finden es als Miniaturmodell auf Schreibtischen in Büros und Arztpraxen wieder. Ein Anheben der äusseren Kugel am einen Ende und ihr Zurückprallen auf die restlichen führt zu ­einem Ausschwingen der anderen äusseren Kugel. Bei Auflegers Pendel handelt es sich jedoch um fragile, an Stahlseilen tief über dem Boden hängende Glaskolben – die jeweils zehn Liter durchsichtige Flüssigkeit enthalten: hochexplosives Nitroglycerin, das bei einem Zusammenstoss der einzelnen Kugeln zu einer grossen Zerstörung führen würde.
Sprengkraft kann aber auch leise und ohne Fast-Knall vor sich gehen. In Auflegers im Loop laufender Videoarbeit ‹The Glow› von 2019 werden wie in einem Vakuum schwimmende, «falsche Fische» an fast unsichtbaren Angelruten durch leere, saubere Luxuspools gezogen. Wir ahnen auch bereits hier, dass wir getäuscht werden. Die getarnten Haken ködern keine reelle, offensichtlich im Wasser nicht anwesende Beute, sondern ziehen vielmehr die Betrachterin, den Betrachter in­ ­einen tranceartigen Bann: der einerseits beruhigt, anderseits betäubt. Auch die Installation auf dem Boden ­direkt davor lässt ein Gefühl zwischen Vertrautheit und Befremden aufkommen. Die Etiketten der in einem klassischen Farbkreis angeordneten, originalen Putzmittel-Behältnisse wurden entfernt, die Mittel damit unkenntlich gemacht. Was hier wieder ästhetisch ansprechend, ja verführerisch wirkt, birgt dabei doch eine ­latent verunsichernde Undurchschaubarkeit des blos­sen Erscheinungsbildes.

(Ent-)Romantisierender Blick
In der Galerie Stampa sind weitere, vor allem neuere Arbeiten Auflegers zu sehen. Eine Serie von entflammten Molotowcocktails in eleganten und stilisierten Parfümflaschen verleitet zum romantisierenden Blick auf eine potenzielle Gefahr. ‹Because it’s you› ist der Werktitel und Anspielung auf einen möglichen Parfümnamen; lässt sich da zugleich eine Adressierung des Cocktails heraushören?
In einem Raum weiter hinten werden wir von einem rhythmisch gleichmässigen, zärtlich wummernden Herzschlag angezogen. Der Ton rückt sofort in die Wahrnehmung, seine Zuordnung geschieht jedoch weniger bewusst. Schliesslich tritt der Ton in Verbindung mit dem Bildschirm an der Wand, auf dem ein Video ebenfalls als Loop läuft. Zwei parallel zueinander angeordnete Ketten aus feinen Metallperlen, wie wir sie aus einem industriellen Kontext kennen, bewegen sich tänzerisch, in angenehmen Wellenbewegungen, die einen Atem wie von einer Seite auf die andere Seite des Screens leiten. Ein schnelles Sich-Einlassen-Können führt schliesslich zu einem langen Verweilen vor dieser Installation.

Umdeutung des Eindeutigen
Es mag Zufall sein: Aber die Form der sich bewegenden Ketten erinnert an ­eine frühere Arbeit Auflegers, in der sie wandernde Dünen bei Doha aufgenommen hatte. Als sinnliche und zugleich poetische Krönung liess die Künstlerin 2019 in verschiedenen Fassungen aus dem Wüstensand, den sie von ihrer Reise aus Katar mitgebracht hatte, lange, kolbenförmige Instrumente aus Glas blasen, die an Flöten erinnern und nach dem Prinzip einer Orgelpfeife funktionieren. Der Ton, den sie spielen, gleicht sich an den singenden Klang der Al-Wakra-Düne an und verkörpert das Schwingen von den in der Wüste aneinander vibrierenden Sandkörnern.
Katja Aufleger bewirkt mit ihren multimedialen Arbeiten stets ein Staunen – und hinterlässt offene Fragen, die wiederum Antworten genug sind. Die Uneindeutigkeit des scheinbar Eindeutigen, das aufgehoben wird, muss von ihrem Publikum neu definiert werden. Bestehende Systeme werden aufgezeigt und ihre Umdeutbarkeit ebenso. Gleich dem physikalischen Phänomen einer Superposition überlagern sich im Schaffen der aufstrebenden Künstlerin Eigenschaften werkimmanenter Zustände und Vorgänge linear – doch nie ohne dabei eine Reibung zu erzeugen.
Und damit einen Ton, einen Laut oder «die intime (…) Klangfarbe, die den Auftakt (…) signalisiert, einer Skulptur, eines Videos, (…) einer Sehnsucht», wie Quinn Latimer in ihrem Katalogtext über Aufleger schreibt. Sie erläutert darin ihren Umgang mit dem «Phänomen des Klangs als visuelles, materielles, empirisches und narratives Medium. Als Wahrnehmung oder Erinnerung, hörbar oder still». Und wenn ein Ton ausgeklungen ist, bleibt ein Nicht-Ton umso nachdrücklicher. In einem möglichen Ende bietet die Künstlerin uns also auch immer einen Neuanfang an.

Valeska Marina Stach, Lyrikerin und Künstlerin aus Berlin, lebt und arbeitet in Basel als freie Autorin und Kulturjournalistin, valeskamarinastach@gmail.com

→ ‹Katja Aufleger – Gone›, Museum Tinguely, Basel, bis 14.3. ↗ www.tinguely.ch
→ ‹Katja Aufleger – Because It’s You›, Galerie Stampa, Basel, bis 30.1. ↗ www.stampa-galerie.ch

Bis 
14.03.2021

Katja Aufleger (*1983, Oldenburg, Niedersachsen) lebt und arbeitet in Berlin
2007 Abschluss, Studium Raumkonzept und Design, AMD Hamburg
2013 Master of Fine Arts, bei Prof. A. Slominski und Prof. M. Diers, HFBK Hamburg

Einzelausstellungen
2019 ‹Sirenen›, Galerie Stampa, Basel; ‹Sirenen Vol. II›, Galerie Conradi, Hamburg
2017 ‹love affair›, Galerie Stampa, Basel
2014 Förderpreis Skulptur, Stadtmuseum, Oldenburg
 
Gruppenausstellungen
2020 ‹Studio Berlin›, Berghain Berlin; ‹So wie wir sind 2.0›, Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen
2018 ‹88. Herbstausstellung›, Kunstverein Hannover; ‹Birds›, Oldenburger Kunstverein
2017 ‹I’m not here to make friends›, Gallery BRD at Kunstverein Hamburger Bahnhof, Hamburg
 

Institutionen Land Ort
Museum Tinguely Schweiz Basel
Stampa Schweiz Basel
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Katja Aufleger — Gone 02.12.202018.04.2021 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
KATJA AUFLEGER - Because It Is You 01.12.202027.03.2021 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Katja Aufleger
Autor/innen
Valeska Marina Stach

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