Micha Zweifel — Sackgassen, die Räume öffnen

Ohne Titel, 2020, Tombak, 42 x 32 x 33 cm. Foto: Marc Latzel

Ohne Titel, 2020, Tombak, 42 x 32 x 33 cm. Foto: Marc Latzel

Kalender, 2020 (Detail), Gips, 26-teilig, je ca. 50 x 55 x 3 cm. Foto: Marc Latzel

Kalender, 2020 (Detail), Gips, 26-teilig, je ca. 50 x 55 x 3 cm. Foto: Marc Latzel

Zur Sackgasse 4. Stock, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2020. Foto: Marc Latzel

Zur Sackgasse 4. Stock, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2020. Foto: Marc Latzel

Foto: Sabrina Chou

Foto: Sabrina Chou

Fokus

Sackgasse. Ein Weg, der unverhofft endet. Schluss, aus, man steht vor der Wand. Wer beim Ausstellungsbesuch in die Sackgasse gerät, befindet sich sehr wahrscheinlich im Kunstmuseum Luzern. Dort hat Micha Zweifel, Träger des Manor Kunstpreises Zentralschweiz, den Ausstellungsraum in ein architektonisch-theatrales Setting überführt, das eine Bühne für seine plastischen Arbeiten bildet. Es ist die erste grössere Schau des in Rotterdam lebenden Künstlers in der Schweiz.

Micha Zweifel — Sackgassen, die Räume öffnen

Der Ausstellungstitel ‹Zur Sackgasse 4. Stock› entbehrt nicht der Komik. Allerdings verflüchtigt sich das Schmunzeln rasch wieder. Angesichts der krisenbehafteten Gegenwart drängt sich der metaphorische Gehalt des Begriffs «Sackgasse» in den Vordergrund. Doch spielt dieser für Micha Zweifel überhaupt eine Rolle? «Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zum Ausstellungstitel», gesteht er lachend ein. Die übertragene Ebene lässt sich kaum ausblenden. Gänzlich möchte er das aber auch gar nicht. «Der Titel enthält schon eine gewisse Negativität», so Zweifel. Er wolle die Vorstellung herausfordern, dass alles stets linear und kontinuierlich vorwärtsgehe und immer besser werde. In diesem Sinne steht die Sackgasse für Diskontinuitäten, Unterbrüche und lose Enden. Allerdings ist der Titel nicht als direkter Kommentar auf gesellschaftspolitische Entwicklungen zu verstehen. Eine solche Interpretation würde der Komplexität von Zweifels Schaffen nicht gerecht. Das räumliche Setting, das er im Kunstmuseum Luzern kreiert hat, bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, triggert unterschiedlichste Assoziationen und ist reich an kulturellen und kunsthistorischen Referenzen.

Reale und imaginäre Architekturen
Die «Sackgasse» tritt in der Ausstellung vielgestaltig in Erscheinung: Zunächst als konkrete Raumerfahrung. Zweifel hat einen Kubus in den Ausstellungsraum gebaut – fensterartige Durchbrüche erlauben erste Einblicke. Doch ist der Kubus von der Ausstellung her nicht begehbar. Wer den Eingang auf seiner Rückseite vermutet und dem vermeintlichen Zugangsweg folgt, landet in der Sackgasse. Um den Kubus betreten zu können, muss ein Umweg beschritten werden, der durch die räumlich angrenzende Ausstellung von Michał Budny und Vittorio Santoro führt. Damit macht das Publikum gleich drei unterschiedliche Raumerfahrungen: Auf den eigentlichen Ausstellungsraum, der in seiner Gestaltung an einen Aussenraum erinnert, folgt die Ausstellung von Budny und Santoro. Dann gelangt man über eine Treppe in den eingebauten Kubus, der bewusst klein gehalten ist. Obwohl ein Fenster den Blick auf die Universität Luzern freigibt, präsentiert er sich als «Innenraum» im doppelten Sinn: als physischer «Raum im Raum» und psychischer Resonanzraum. Er strahlt eine ­eigentümliche Intimität aus, erzeugt eine surreal-traumhafte Stimmung – als hätte man sich in ein Märchen verirrt.
Zweifel gelingt eine kluge Verschachtelung von realen und imaginären Räumen, die zugleich ineinandergreifen und getrennt voneinander existieren. Das Spannungsfeld zwischen Offenheit und Geschlossenheit, zwischen Vorstellung und Tatsache wird verstärkt durch unterschiedliche Beleuchtungssituationen, verschlossene Türen und angedeutete Seitengassen. Mehr noch: Die geschaffenen Architekturen bleiben nicht Selbstzweck. Sie dienen Zweifel als Setting, in welchem er seine plastischen Arbeiten spannungsvoll inszeniert. Im Kubus ist eine Serie von 27 Gipsreliefs zu sehen, die diesen Sommer entstand, während eines Aufenthalts im Gastatelier der Stiftung Sitterwerk in St. Gallen. Durch die Bearbeitung der Gussvorlage hat er das Motiv einer Berglandschaft Schritt für Schritt modifiziert und weiterentwickelt. Nach und nach wird die ländliche Szenerie urbaner. Die Schweizer Alpen wandeln sich zur niederländischen Stadt. Beide Umgebungen sind Zweifel bestens vertraut. Der gebürtige Luzerner hat seine künstlerische Ausbildung in Amsterdam und Rotterdam genossen, wo er gegenwärtig lebt und arbeitet.

Kollektive Resonanzräume
Die Berglandschaft hat etwas Volkstümliches, eine vom Künstler gewollte Assoziation. Nachdem er sich lange für das Konzept der sozialen Plastik interessiert hat, beschäftigt er sich gegenwärtig vermehrt mit Bauernmalereien, mit Ornamenten und dekorativen Elementen. «Ich habe angefangen, mich mit Objekten und Motiven zu befassen, die in der Volkskultur verankert sind.» Es gehe ihm aber, so Zweifel, nicht in erster Linie um die High-Low-Thematik. Was ihn vielmehr antreibt, ist die Gestaltung alltäglicher Umgebungen, ihre Heterogenität und kulturelle Prägekraft. So ist das Bergmotiv als Referenz auf den Ausstellungsraum im Kunstmuseum Luzern zu verstehen, der den Namen ‹Pilatussaal› trägt. Gleichzeitig initiiert er eine Auseinandersetzung mit kollektivierten Bildern. Das luzernische Bergpanorama ist ein beliebtes Aushängeschild des Tourismus. Auch dürfte es einen festen Platz in den Erinnerungen und Selbstbeschreibungen der Luzernerinnen und Luzerner einnehmen. Aus künstlerischer Sicht bilden solch «stabile Motive» eine Möglichkeit, sich Prozessen der kulturellen Sinnproduktion anzunähern. «Für mich sind sie wie Haken, an denen sich ganz Unterschiedliches befestigen lässt», erklärt Zweifel. Volkstümliche Motive haben aufgrund ihrer Bekanntheit einen grossen Resonanzraum, doch verfügt jeder über persönliche Erinnerungen, Gefühle und Assoziationen dazu.
In diesen Themenkreis fällt auch eine rund 50 cm hohe Bronze, die in der Kunstgiesserei St. Gallen entstand. Die kauernde Figur erinnert an eine Brunnenskulptur. Sie hält einen Fisch hoch, von dem nur Kopf, Schwanz und Skelett übrig sind. Was ist passiert? Handelt es sich um eine Figur aus einem Mythos oder einem Volksmärchen? Tatsächlich ist das bei Brunnenfiguren im öffentlichen Raum ja meist der Fall. Hier verliert sich die Spur aber im Nichts. Das Schicksal der Figur lässt sich nirgendwo nachlesen. Bewusst suggeriert der Künstler Narrativität, ohne sie einzulösen.
Wie bei den anderen Skulpturen in der Ausstellung entsteht das erzählerische Moment im räumlichen Setting. Figur und Raum beeinflussen sich gegenseitig. Oft ist unklar, wo das Einzelwerk aufhört und der Ausstellungsraum anfängt. Werk und Raum gehen eine symbiotische Beziehung ein. Die Idee des Gesamtkunstwerks klingt zumindest an. Von einer Geschlossenheit auszugehen, wäre irreführend. Dafür ist das Setting zu flüchtig, brüchig und heterogen. Zweifel entwirft für jede Ausstellung einen anderen architektonischen Rahmen und führt seine Werke darin neu zusammen. Einige der präsentierten Arbeiten, etwa die tänzerische Bronzeskulptur ‹Lift›, waren bereits in früheren Ausstellungen von ihm zu sehen.
Wichtig ist nicht zuletzt der Herstellungsprozess. Zweifel setzt sich intensiv mit Gusstechniken auseinander, auch um auszuloten, wie sie sich allenfalls gegen den Strich bürsten lassen. Geht es beim Giessen gemeinhin darum, eine Vorlage zu vervielfachen, stellt Zweifel gezielt Einzelstücke her. Die Figur mit Fisch schweisste er direkt aus Wachsplatten zusammen, die normalerweise nur der Übertragung eines Modells dienen. Die Konsequenz ist, dass die Vorlage beim Guss schmilzt und verlorengeht. Es existiert damit nur ein Abguss, ein Unikat der Arbeit.

Lose Enden und offene Türen
Neben der Volkskunst fliessen Referenzen aus dem Alltag und der Kunstgeschichte in Zweifels Arbeit ein; niederländische Bauernszenen von Pieter Bruegel dem Älteren (1525–1569), kubistische Elemente oder Anlehnungen an das Schaffen von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938). Gleich am Eingang wird das Publikum von einer geschnitzten Skulptur begrüsst, die sich humorvoll auf Kirchners ‹Die Freunde›, 1924/25, bezieht. Aufgrund dieser Vielzahl an Querbezügen entsteht ein beträchtlicher Fundus an möglichen Anknüpfungspunkten. Die Sackgasse bildet zwar das Leitmotiv der Ausstellung. Es bestimmt die Raumsituation, spiegelt sich in Fragmentierungen, Unterbrüchen und losen Enden. Gleichzeitig öffnen sich überall neue Assoziationsräume und gedankliche Verknüpfungen. «Jedes Fragment hat das Potenzial, eine Bindung mit einem anderen einzugehen», so der Künstler. Gewiss ist: Auch Sackgassen haben ihren Charme, zumindest bei Micha Zweifel.

Jana Bruggmann ist freie Autorin, Doktorandin an der Freien Universität Berlin und lebt in Luzern
jana.bruggmann@gmail.com

→ ‹Micha Zweifel – Zur Sackgasse 4. Stock›, Manor Kunstpreis Zentralschweiz, Kunstmuseum Luzern, bis 31.1.; mit Katalog ↗ www.kunstmuseumluzern.ch

Bis 
31.01.2021

Micha Zweifel (*1987, Luzern) lebt in Rotterdam

Einzel- und Doppelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Zähe Zeiten›, Hebel_121, Basel (mit Sabrina Chou)
2019 ‹LIFT›, ONONO, Rotterdam
2018 ‹Ineinander und nacheinander›, Treignac Projet, Treignac
2016 ‹Meubels, Charlois?›, Rib, Rotterdam

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Raumfahrt II›, Museum Langmatt, Baden; ‹Doch bitte aber›, FABRIKculture, Hégenheim
2017 ‹Swiss Art Awards›, Basel
2014 ‹Kairos Time›, TENT, Rotterdam

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Micha Zweifel 05.12.202027.06.2021 Ausstellung Luzern
Schweiz
CH
Autor/innen
Jana Bruggmann
Künstler/innen
Micha Zweifel

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