Heidi Bucher

Heidi Bucher beim Häutungsprozess von ­‹Herrenzimmer›, 1978. Foto: Hans Peter Siffert

Heidi Bucher beim Häutungsprozess von ­‹Herrenzimmer›, 1978. Foto: Hans Peter Siffert

Heidi Bucher · Bodyshells, Venice Beach, ­Kalifornien, 1972, Filmstills

Heidi Bucher · Bodyshells, Venice Beach, ­Kalifornien, 1972, Filmstills

Hinweis

Heidi Bucher

München — Wie überdimensionierte Skalps hängen grosse bräunliche Tücher an Decke und Wänden im Haus der Kunst. Sie sind roh und fragil zugleich und wirken im Rahmen der NS-Architektur so subtil wie unheimlich. ‹Bodenhäute› nannte Heidi Bucher (1926–1993) die textilen Abformungen von Wänden und Böden aus dem ‹Ahnenhaus› ihrer Grosseltern. Mit der Schau ruft man eine Künstlerin in Erinnerung, deren sehr eigenständiges Schaffen im Rückblick umso avantgardistischer wirkt.
Jana Baumann kuratierte die Retrospektive mit rund 150 Werken, in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern und dem Muzeum Susch. Im Haus der Kunst wolle man, wie der künstlerische Direktor Andrea Lissoni betont, vermehrt Geschichten ausserhalb des Kunstgeschichtskanons erzählen.
Heidi Bucher studierte Mode und Textildesign in Zürich u. a. bei Johannes Itten und ging 1970 nach Kanada und später Kalifornien, wo die Familie mit den beiden Söhnen bis zur Trennung 1973 lebte. Dort setzte sie sich mit dem Werk Eva Hesses auseinander und stand mit Ed Kienholz in freundschaftlichem Austausch. In Venice Beach entstand 1972 ihr erstes aktiviertes Kunstwerk: Im Video wirken die vier ‹Bodyshells› wie die Weiterentwicklung des ‹Triadischen Balletts› – eine Mischung aus stilisierten Ballkleidern, Meeresgetier und tanzenden Geschlechtsorganen. Auch eine Reaktion auf die dominierende Minimal Art.
Die Neigung zu textilem Werkstoff wird, zurück in der Heimat, bestimmend für die weitere Arbeit. Sie beginnt 1973 mit der Einbalsamierung von Kleidungstücken. Der Körper selbst steht nur kurz im Fokus: In ‹Schlüpfakt der Parkettlibelle› entpuppten sich 1983 fünf Frauen, in ‹Menhaut› 1986 ein Mann. Dafür macht Bucher ganze Gebäude zum Objekt performativer Prozesse. In materiell aufwändigen, körperlich anstrengenden Akten: Tagelang wird die Architektur mit Gaze, Leim, Kautschuk oder Latex eingestrichen, ehe ihr die Haut in einem fast schamanistischen Ritual buchstäblich vom Leib gerissen wird. Diese Kunst ist der Versuch, etwas zu begreifen, was nicht zu sehen ist. Die Haut ist Träger der Erinnerung und die «Häutung» eine Selbstermächtigung – wenn Bucher etwa im Elternhaus das ‹Herrenzimmer›, 1978, «abhäutete». Darüber hinaus eine brachiale Auseinandersetzung mit manifest gewordenen Machtstrukturen: etwa im ‹Audienzzimmer des Doktor Binswanger›, 1988, im leerstehenden Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen, wo der Psychiater einst bei der Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim «Hysterie» diagnostizierte.
Die Künstlerin agiert dabei stets auch bewusst für die Kamera. Wie Heidi Bucher da mit voller Wucht an den gewaltigen Stoff-und-Latexbahnen zerrt, um schliesslich selbst darunter zu verschwinden und wie ein Gespenst in den gehäuteten Räumen zu wandeln, das bietet einige Slapstick-Momente. Doch die magisch-archaische Wirkung dieser metaphysischen Kraftakte wird umso deutlicher.

Bis 
13.02.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Heidi Bucher — Metamorphosen 17.09.202113.02.2022 Ausstellung München
Deutschland
DE
Künstler/innen
Heidi Bucher
Autor/innen
Roberta, De Righi

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