It’s a … women’s women’s women’s world

Katja Schenker · rencontre, 2011, Beton, Eisenstange, 45 x 45 x 45 cm, Courtesy Karl der Grosse. Foto: Gianna Michel

Katja Schenker · rencontre, 2011, Beton, Eisenstange, 45 x 45 x 45 cm, Courtesy Karl der Grosse. Foto: Gianna Michel

Pipilotti Rist · Mutaflor, 1996, 1-Kanal-Video-Installation, ohne Ton, 43’’, Ansicht Bistro Karl der Grosse. Foto: Gianna Michel

Pipilotti Rist · Mutaflor, 1996, 1-Kanal-Video-Installation, ohne Ton, 43’’, Ansicht Bistro Karl der Grosse. Foto: Gianna Michel

Hinweis

It’s a … women’s women’s women’s world

Zürich — Pipilotti Rist liegt uns auf einem altehrwürdigen Parkettboden im Zürcher Oberdorf zu Füssen: Die Videoinstallation ‹Mutaflor› wird im Bistro des Debattierhauses «Karl der Grosse» auf den Eingangsbereich projiziert. Mutaflor, so heisst ein Abführmittel, und dem Titel getreu filmt Pipilotti Rist den Eingang in die eigenen Gedärme.
Pikant, kontrovers, frech? Innereien und Abführmittel im Restaurant wecken verschiedenste Gefühle, sie lassen aber bestimmt nicht kalt. ‹It’s a … women’s women’s women’s world!› lautet der Titel der neuen Dauerausstellung, die mit dieser Komposition einen gelungenen Auftakt bereitet. Weiter geht’s im Bistro, zwischen kaffeeschlürfenden Zeitungsleserinnen lassen sich erstmals ausgestellte Selbstporträts der Künstlerin Manon und Textfragmente von Delphine Chapuis Schmitz bestaunen.
Manon, Pipilotti Rist und Delphine Chapuis Schmitz sind nicht die ersten wichtigen Frauen, die «Karl der Grosse» beherbergt. Das Haus wurde im letzten Jahrhundert von Frauen geprägt, beispielsweise durch die erste Zürcher Stadträtin Emilie Lieberherr. Am Auftrittsort für Pionierinnen wollte die Kuratorin Bettina Meier-Bickel in der neuen Dauerausstellung anknüpfen, es werden ausschliesslich weibliche Positionen aus der Kunstsammlung der Stadt Zürich gezeigt. Der Kauf der Arbeiten wird durch Steuergelder mitfinanziert und so findet die Kunst im «Karl der Grosse» auch in die Lebenswelt ihrer Erwerberinnen zurück, ganz ohne Glaskasten und Scheinwerfer, dafür manchmal mit brachialen neuen Accessoires. Beispielsweise einem Desinfektionsmittelständer, der, unachtsam platziert, die Bleistiftzeichnungen von Loredana Sperini halb überdeckt – hier trifft die Kunst auf die Pragmatik des Betriebs im Hause. Besonders gelungen ist die Balance zwischen Alltag und Kunst im ersten Stock. Dort warten Werke von Shirana Shahbazi und Katja Schenker im alten Treppenhaus auf, die beide – Shahbazi in fotografischen Arbeiten, Schenker in einer Skulptur – Bezug auf Beton nehmen und gleichzeitig durch ihre Bearbeitung Fragilität ausstrahlen. Passend zur Moderne findet sich eine Videoinstallation der jüngsten Künstlerin Milva Stutz (*1985) im Co-Working Space des Hauses. Selten fühlt sich Kunst so realitätsnah an, wie wenn man eine Videoinstallation über Digitalität und Sehnsucht zwischen an Laptops arbeitenden Menschen betrachtet. Die Ausstellung schlägt hier Brücken zwischen Kultur und Arbeit, Alltäglichkeit und Besonderheit und nicht zuletzt zwischen Künstlerinnen, ihren Werken, und der Öffentlichkeit. 

Noëmi Roos (Schreiben über Kunst, MA Kulturpublizistik ZHdK)

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