Joseph Beuys — Wirkmächtige Mythen

Joseph Beuys – Die Ursache liegt in der Zukunft, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Basel, 2021 © ProLitteris. Foto: Julian Salinas

Joseph Beuys – Die Ursache liegt in der Zukunft, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Basel, 2021 © ProLitteris. Foto: Julian Salinas

Joseph Beuys – Die Ursache liegt in der Zukunft, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Basel, 2021 © ProLitteris. Foto: Julian Salinas

Joseph Beuys – Die Ursache liegt in der Zukunft, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Basel, 2021 © ProLitteris. Foto: Julian Salinas

Joseph Beuys · ‹The Hearth (Feuerstätte)› und ‹Feuerstätte II›, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Basel, 2021. Foto: Jonas Häggi

Joseph Beuys · ‹The Hearth (Feuerstätte)› und ‹Feuerstätte II›, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Basel, 2021. Foto: Jonas Häggi

Joseph Beuys bei der Installation von ‹Feuerstätte II›, 1979, Archiv Kunstmuseum Basel © ProLitteris

Joseph Beuys bei der Installation von ‹Feuerstätte II›, 1979, Archiv Kunstmuseum Basel © ProLitteris

Besprechung

Letztes Jahr hätte Joseph Beuys seinen 100. Geburtstag gefeiert. Wie rezipieren wir ihn heute? Und wie lässt sich sein Schaffen in unserer Gegenwart neu beleben? Diese Fragen stellen sich im Rahmen der Ausstellung ‹Die Ursache liegt in der Zukunft› im Kunstmuseum Basel.

Joseph Beuys — Wirkmächtige Mythen

Basel — Joseph Beuys (1921–1986) ging als einer der bedeutendsten Künstler der Nachkriegszeit in den Kanon der Kunstgeschichte ein. Dies war mitunter seinem erweiterten Kunstbegriff geschuldet. Er war der Überzeugung, dass Kunst nicht isoliert agieren sollte, sondern Teil des gesellschaftlichen Lebens sein muss. Entsprechend konnte auch jeder Mensch ein Künstler sein und die Gesellschaft aktiv mitgestalten. Trotz dieses demokratisch angelegten Kunstbegriffs stand Beuys stets im Mittelpunkt seiner «sozialen Skulptur». Er schrieb seinen künstlerischen Aktionen das ­Potenzial zu, die Gesellschaft zu verändern und von den Traumata des Zweiten Weltkriegs zu heilen. So zumindest lautete das Narrativ, das die kunsthistorische Rezeption und seine Selbstinszenierung auf weiten Strecken prägte. Joseph Beuys inszenierte sich als Schamane – beispielsweise in der Aktion ‹Coyote› von 1974 –, als Heiler oder gar als christlicher Märtyrer, der versuchte, einer kapitalistischen, von ihm als kalt und technokratisch empfundenen Realität eine spirituelle Welt entgegenzuhalten.
Von dieser Selbstinszenierung zeugen seine Aktionen, mit denen er Anfang der 1960er-Jahre öffentlich in Erscheinung trat. Darunter etwa die Aktion ‹Celtic + ~~~›, die in einer filmischen Dokumentation im Kunstmuseum Basel zu sehen ist. Diese fand 1971 in den Zivilschutzräumen in Basel statt und war in mehrere Sequenzen unterteilt. Während der sogenannten Fusswaschung, welche die Aktion eröffnete, reinigte Joseph Beuys sieben anwesenden Personen die Füsse. Für die abschliessende «Taufe» kniete er in eine Wanne und liess Wasser über sein Gesicht giessen. Danach sprang er auf und beendete die Aktion, die rund vier Stunden gedauert hatte. In den genannten Sequenzen lehnt sich Beuys an die christliche Leidensideologie an, wobei auch der Vergleich der eigenen Person mit Jesus Christus naheliegt.
Neben der Dokumentation, die aus dem Archiv des SRF stammt, wird die ­Aktion aber nicht weiter kontextualisiert oder in gegenwärtige Diskurse eingebettet. Die Frage etwa, wie heute das Narrativ des männlichen Künstlermythos rezipiert wird, bleibt aussen vor. Wie aktuell diese Frage ist, wird unter anderem in der Vorstudie «Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb» deutlich, die von Pro Helvetia in Auftrag gegeben wurde. Diese belegt, dass die Figur des grossen, von Visionen getriebenen Künstlers nach wie vor wirkmächtig ist und Frauen stets dazu ins Verhältnis gesetzt werden. Dass Joseph Beuys eine wichtige Figur für Basel war, illustriert die raumgreifende Chronik, welche die Dokumentation von ‹Celtic + ~~~› umrahmt. Sie besteht aus Fotografien, Zeitungsartikeln, gelb markierten Passagen und verdeutlicht: Während einige sein Genie erkannten, wie etwa Jean-Christophe Ammann, der seinen erweiterten Kunstbegriff feierte, wurden andere fragend zurückgelassen. Dass das Kunstmuseum Basel 1977 das Werk ‹The Hearth (Feuerstätte)› ankaufte, empörte die Öffentlichkeit. «Kunst oder Bluff? Dieses Objekt kostet Basler Steuerzahler 150’000 Franken!» lautete eine der damaligen Schlagzeilen. Neben dem Preis wurde auch die auf den ersten Blick unverständliche Konstellation von Materialien als anstössig empfunden. So lautet die Erklärung in einem der Ausstellungstexte im Neubau, wo nun die Feuerstätte neben anderen Werken aus der Sammlung zu sehen ist. Diese Kontextualisierung verfestigt die Vorstellung des visionären Künstlers, der seinem Publikum weit voraus ist.
Um das Schaffen jenes Künstlers neu zu beleben, der letztes Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, organisierte das Kunstmuseum Basel das Programm ‹24 Stunden – für Joseph Beuys›, das aus Gesprächen oder Spaziergängen in der Stadt bestand, um an seine Ideen und Wirkungsorte zu erinnern. Die leeren gelben Matratzen, auf denen sich die Besucherinnen und Besucher während der Veranstaltungen niederliessen, füllen nun die Eingangshalle. Doch braucht es nicht mehr, um ein Werk tatsächlich neu zu beleben?
Ein Beispiel dafür wäre, ein Schlaglicht auf den bereits erwähnten Künstler­mythos zu werfen oder auf seine nationalsozialistische Vergangenheit, die in der Ausstellung unerwähnt bleibt. Dass Joseph Beuys die eigene Biografie eng mit seinem künstlerischen Schaffen verknüpfte, zeigt sich in der sogenannten Tatarenlegende, nach der Beuys angeblich von einem russischen Geschütz getroffen wurde und über der Krim abstürzte. Tataren entdeckten ihn in den Trümmern seiner JU 87 und pflegten ihn acht Tage lang. Damit er überlebte, sollen sie ihn mit Fett eingerieben und in Filz eingehüllt haben. Obwohl die Plausibilität der Ereignisse infrage gestellt wurde, galt die Tatarenlegende stets als determinierendes Ereignis für Beuys’ künstlerisches Schaffen. Das Ereignis trug zur Mythologisierung der Figur Joseph Beuys bei, der aus den Trümmern seines Kampfflugzeugs emporstieg, geläutert, um die Gesellschaft der Nachkriegszeit zu einem besseren Ort zu machen.
Inwiefern also lässt sich das Werk von seinem Autor trennen, wenn diese so eng verknüpft zu sein scheinen? Inwiefern prägen Künstler wie Joseph Beuys den Kanon der Kunstgeschichte und reproduzieren stereotype Vorstellungen von Geschlecht? Diese Fragen müssen gestellt werden. Nicht, um sein Werk zu schmälern, sondern weil es in unserer Verantwortung liegt, einen reflektieren Umgang mit der Vergangenheit und folglich unserer Gegenwart zu finden. 

Bis 
03.07.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Joseph Beuys — Die Ursache liegt in der Zukunft 23.10.202114.08.2022 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Joseph Beuys

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