Marie Lund — Steilwandkurven fürs Auge

Marie Lund · Plies, 2021, Ausstellungsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Courtesy Croy Nielsen, Wien, und Galleri Nicolai Wallner, Kopenhagen. Foto: Sebastian Stadler

Marie Lund · Plies, 2021, Ausstellungsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Courtesy Croy Nielsen, Wien, und Galleri Nicolai Wallner, Kopenhagen. Foto: Sebastian Stadler

Marie Lund · Sills, 2021, Kunstmuseum St. Gallen, Courtesy Croy Nielsen, Wien, und Galleri ­Nicolai Wallner, Kopenhagen; Cally Spooner · An Exchangeable Solo Built From The Knowledge Of Two ­Non-Exchangeable Groups, 2016 / 2021, Solotänzerin, neun choreografische Sequenzen, performt von Magdalyne Segale (*1991, US), Courtesy gb agency, Paris. Foto: Stefan Rohner

Marie Lund · Sills, 2021, Kunstmuseum St. Gallen, Courtesy Croy Nielsen, Wien, und Galleri ­Nicolai Wallner, Kopenhagen; Cally Spooner · An Exchangeable Solo Built From The Knowledge Of Two ­Non-Exchangeable Groups, 2016 / 2021, Solotänzerin, neun choreografische Sequenzen, performt von Magdalyne Segale (*1991, US), Courtesy gb agency, Paris. Foto: Stefan Rohner

Besprechung

Ausstellungsraum und ausgestelltes Kunstwerk gehen bei ­Marie Lund eine enge Symbiose ein. Die Dänin montiert im Kunstmuseum St. Gallen eigens hierfür entworfene neue Objekte. Als reduzierte und präzis gesetzte Gesten beeinflussen sie die ­Dynamik im Raum.

Marie Lund — Steilwandkurven fürs Auge

St. Gallen — Räume haben Ränder. Die meisten jedenfalls, denn Kugelhäuser sind bis heute gestalterische Nischenprodukte. In den meisten Räumen endet der Boden dort, wo die Wände anfangen, und die Wände hören auf, wo die Decke beginnt. Die Flächen stossen aneinander – überall Kanten und Winkel. Passt das zum Menschen? Zu seinen Bewegungen? Marie Lund (*1976) stellt diese Fragen nicht theoretisch, sondern gibt mit ihren installativen Arbeiten den Räumen im Kunstmuseum St. Gallen einen Dreh. Dafür braucht die Dänin keine massiven Einbauten, Materialschlachten oder dekonstruktivistische Übergriffe. Im Gegenteil: Die wohlproportionierten klassizistischen Räume des Kunkler-Baus behalten ihre Gestalt. Statt das Zusammenspiel der architektonischen Details wie der schlanken Säulen, der kassettierten Decken und der Fenster- und Türlaibungen zu stören, bringt Lund es mit sparsamen bildhauerischen Gesten erst recht zur Geltung. Dies gelingt einerseits aufgrund der Schönheit und Materialästhetik der plastischen Elemente und andererseits aufgrund ihrer sorgfältigen Platzierung. Im ersten Raum schmiegen sich vier ‹Sills›, 2021, zwischen Boden und Wand, zwischen Wand und Decke. Die halbrund gedengelten Kupferbleche sind Steilwandkurven für das Auge: Sie fangen die Energie des Blickes auf, lenken ihn wieder in den Raum hinein und ziehen ihn aufs Neue an. Diese Dynamik artikuliert Lund auch mit der Einladung an die Britin Cally Spooner (*1983), innerhalb der Schau eine Performance zu zeigen. Spooner begreift den Raum als Bewegungsanregung, Lunds Bodenelemente dienen dafür als Verstärker. Sie bilden zugleich die Spange in den Aussenraum. Dort erzeugen sockelartige Strukturen einen Spannungskontrast zu einer eigens platzierten Figur von Hans Josephsohn (1920–2012).
Im zweiten Saal konzentriert sich Lund auf die vier Säulen und befestigt an jeder von ihnen einen Flügel. Ähnlich wie die Spoiler aus dem Fahrzeugbau beeinflussen diese ‹Plies›, 2021, die Strömungsenergie und lenken die Kräfte im Raum. Sie sind speziell für die Ausstellung entstanden und das Ergebnis einer bewährten Zusammenarbeit: Marie Lund verbrachte einen Monat als Gastkünstlerin in der Stiftung Sitterwerk in St. Gallen. Ihre Materialrecherchen im dortigen Werkstoffarchiv flossen in ihre neuen Arbeiten ein. So entschied sich die Künstlerin bei den ‹Plies› für eine emaillierte Innenfläche in sattem Dunkelrot. Ihrem Glanz antwortet auf der Rückseite eines jeden Flügels die raue Metallhaut mit vielen Zwischentönen. Auch hier wieder spielen Form und Oberfläche auf beste Art und Weise zusammen.

Bis 
20.03.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Marie Lund — The Falling 30.10.202120.03.2022 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Marie Lund
Autor/innen
Kristin Schmidt

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