Meret Oppenheim — Visionärin und Realistin

Margrit Baumann · Meret Oppenheim in ihrem Atelier, 1982, Fotografie, Barytabzug, selengetont, 18,4 x 27,7 cm, Kunstmuseum Bern, Bernische Stiftung für Foto, Film und Video © ProLitteris

Margrit Baumann · Meret Oppenheim in ihrem Atelier, 1982, Fotografie, Barytabzug, selengetont, 18,4 x 27,7 cm, Kunstmuseum Bern, Bernische Stiftung für Foto, Film und Video © ProLitteris

Meret Oppenheim · Ma gouvernante – my nurse – mein Kindermädchen, 1936/1967, Metallplatte, Schuhe, Schnur, Papier, 14 x 33 x 21 cm, Moderna Museet, Stockholm © ProLitteris. Foto: Albin Dahlström

Meret Oppenheim · Ma gouvernante – my nurse – mein Kindermädchen, 1936/1967, Metallplatte, Schuhe, Schnur, Papier, 14 x 33 x 21 cm, Moderna Museet, Stockholm © ProLitteris. Foto: Albin Dahlström

Meret Oppenheim · Husch-husch, der schönste Vokal entleert sich, M.E. par M.O., 1934, Öl auf ­Leinwand, 45,5 x 65 cm, Sammlung Bürgi, Bern © ProLitteris. Foto: Roland Aellig

Meret Oppenheim · Husch-husch, der schönste Vokal entleert sich, M.E. par M.O., 1934, Öl auf ­Leinwand, 45,5 x 65 cm, Sammlung Bürgi, Bern © ProLitteris. Foto: Roland Aellig

Meret Oppenheim · Backsteinbaum, 1954, Kohle, Gouache auf Papier, 42 x 59,5 cm, Kunstmuseum Solothurn, Ankauf 1981 © Pro Litteris

Meret Oppenheim · Backsteinbaum, 1954, Kohle, Gouache auf Papier, 42 x 59,5 cm, Kunstmuseum Solothurn, Ankauf 1981 © Pro Litteris

Besprechung

Als junge Künstlerin wurde sie im Kreis der Pariser Surrealisten gefeiert und ihrer androgynen Schönheit wegen verehrt. Als sie sich künstlerisch weiterentwickelte, blieb ihr die Anerkennung versagt. Heute gilt sie als eine der grossen Persönlichkeiten der Schweizer Kunst im 20. Jahrhundert.

Meret Oppenheim — Visionärin und Realistin

Bern/Solothurn — Das Kunstmuseum Bern würdigt Meret Oppenheim (1913–1985) mit einer grossen Retrospektive in Kooperation mit dem MoMA New York und der ­Menil Collection in Houston: Die Künstlerin erfährt internationale Anerkennung. Parallel zur Berner Schau zeigt das Kunstmuseum Solothurn Zeichnungen, die ihrerseits die gesamte Schaffenszeit Oppenheims abbilden.
Der Traum war für Oppenheim Quell der Inspiration. Sie verstand es, ihre Visionen in Bild-Realität umzusetzen, in immer wieder überraschenden Formulierungen. Schon als junge Frau schrieb sie ihre Träume auf und griff zeitlebens auf diesen Schatz zurück, der ihr Schaffen beflügelte. Der Schmetterling, den sie 1960 in einer schlichten Zeichnung festhielt, wurde zum Leitmotiv der Verwandlung, ‹Blauer Schmetterling (nach einem Traum)›. Oppenheim erfuhr Förderung in einer kultur­affinen Familie. Ihr Vater war mit C. G. Jung in Kontakt und die junge Meret wuchs mit dessen Lehre der Archetypen auf, die sie nachhaltig prägte.
Bereits das frühe Blatt ‹Wachtraum›, 1929, bringt den Menschen in Bezug zum kosmischen Kreislauf. Konstellationen von Gestirnen kehren wieder, ebenso die ephemeren Erscheinungen Nebel und Wolken, die Oppenheim auch zu Skulpturen verfestigte. Der monochrome ‹Nebelkopf›, 1974, wird zum zarten Lichtereignis am ­grauen Himmel. Im ‹Backsteinbaum›, 1954, verschmelzen Natur und die vom Menschen geschaffene Welt zur prägnanten Bildformel.
Der Ausstellungstitel ‹Mon exposition› nimmt Bezug auf Oppenheims Ausstellungsvision, die sie 1983 im Hinblick auf die Retrospektive in der Berner Kunsthalle 1984 entworfen hatte. Mehr als 200 Werke hatte sie auf zwölf grossen Blättern zusammengestellt und präzise gezeichnet. Oppenheims damaligem Ausstellungsentwurf «en miniature» wird in einem Kabinett die Reverenz erwiesen. Nebenbei soll erwähnt sein, dass damit der Kunstgriff gelingt, die berühmte ‹Pelztasse›, die das MoMA nicht mehr verlassen darf, in die Ausstellung einzuschliessen.
Oppenheim machte in den 1930er-Jahren in Paris Furore. In ikonischen Werken wie ‹Ma gouvernante – my nurse – mein Kindermädchen›, 1936/67 – zusammengebundenen Pumps auf einem Serviertablett – setzte sie auf Kontextverschiebung. Sie traf den surrealistischen Nerv. Mit Max Ernst lebte sie eine «Amour fou», die sie auflöste, weil sie sich eingeengt fühlte. Sie transformierte diese Erfahrung souverän in ein Bild: Max Ernst als grosser grauer Knäuel, sie selbst als mehrere lebhaft-bunte, biomorphe Figurinen repräsentiert, die sich nicht an eine Kette legen lassen: ‹Husch-husch, der schönste Vokal entleert sich. M.E. par M.O.›, 1934. Der enigmatische Werktitel gebärdet sich autonom gegenüber dem dargestellten Motiv. Solch eigenwillige Verbindungen von Text und Bild sind typisch für Oppenheim.
Ende der 1930er kehrte sie in die Schweiz zurück und fiel in eine ­Schaffenskrise, die sie erst 1954 als beendet erklärte. Nicht dass sie in diesen schwierigen Jahren unproduktiv gewesen wäre. Sie malte 1938 die wundersame Metamorphose der ‹Steinfrau› in altmeisterlicher Manier. Die Basler Fasnacht wurde ihr ein wichtiger Nährboden, der sie zu dadaistischen Masken anregte. Überhaupt war die Maskerade ihr Stilmerkmal: Sie zeigte sich im Federkleid. Ihre Kreationen aus Pelz sind legendär, etwa die ‹Pelzhandschuhe›, 1936/84, die eine Verwandlung von Mensch zu Tier implizieren. Auch die fantastische Kohlezeichnung ‹Déesse›, 1939, zeigt ein Mischwesen: Mensch und Insekt als Diva im wallenden Gewand. Auf das berühmte hieratische ­Fotoporträt von 1980 applizierte sie Tätowierungen und führte damit einmal mehr ihre Lust an der Verwandlung vor.
Oppenheims Schaffen zeichnet sich durch aussergewöhnliche Vielfalt aus. Es entzieht sich stilistischer Zuordnung und überrascht durch die Offenheit gegenüber aktuellen Strömungen in der Kunst insbesondere in den 1960er- und 1970er-Jahren. Sie war der Poesie armer Materialien zugetan. Ein in die Vertikale gestelltes Brett mit Stäben, seitlich lose angebracht, repräsentiert die tragische Genoveva, Opfer männlicher Gewalt und Intrigen. Ist die Protagonistin der mittelalterlichen Legende auch ein Selbstbild? Immerhin hat sich Oppenheim in mehreren Werken mit ihr beschäftigt. ‹Eine entfernte Verwandte›, 1966, ist ein Kunststoffobjekt mit erotischem Unterton: eine überlängte Nase zwischen weiblichen Brüsten. Mit einem Combine Painting wiederum reagierte sie 1975 auf die Mondlandung: ‹Endlich Nachrichten von unseren Astronauten!›. Oppenheim ist über den Surrealismus hinausgewachsen, musste sich aber zeitlebens wehren, unter diesem Stiletikett vereinnahmt zu werden. Mit ihrem offenen Kunstkonzept, der Ablehnung einer wiedererkennbaren Handschrift, stiess sie auf Unverständnis und wurde im Kunstbetrieb lange ignoriert. Sie war ihrer Zeit voraus. Anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Basel 1974 sprach sie die Genderfrage an, die Diskriminierung der Künstlerinnen. Für Oppenheim gab es nur eine Kunst: «Aus einem grossen Werk … spricht immer der ganze Mensch. Und dieser ist sowohl männlich als weiblich.» Ihre Vision hat nichts an Aktualität eingebüsst. 

 

Bis 
13.02.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Meret Oppenheim — Mon exposition 22.10.202113.02.2022 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Meret Oppenheim (1913-1985) — Arbeiten auf Papier 23.10.202127.02.2022 Ausstellung Solothurn
Schweiz
CH
Autor/innen
Gabriele Lutz
Künstler/innen
Meret Oppenheim

Werbung