Rivane Neuenschwander — Sich sorgen, sich kümmern

Chove chuva, 2002, Edelstahleimer, Stahlgewinde, Leiter und Wasser, 81-teilig, Privatsammlung (Ausstellungskopie); hinten: Alfabeto comestível, 2001, PVC-Tafeln, Nahrungsmittelpulver, Klebeband, 26-teilig, Privatsammlung / Kunstmuseum Liechtenstein, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Foto: Stefan Altenburger

Chove chuva, 2002, Edelstahleimer, Stahlgewinde, Leiter und Wasser, 81-teilig, Privatsammlung (Ausstellungskopie); hinten: Alfabeto comestível, 2001, PVC-Tafeln, Nahrungsmittelpulver, Klebeband, 26-teilig, Privatsammlung / Kunstmuseum Liechtenstein, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Foto: Stefan Altenburger

O Alienista, 2019, Stoff, Pappmaché, Glasflaschen und weitere Materialien, 20-teilig; hinten: ­Assombrados (Fim do mundo / Fantasma), 2019, Acryl auf Stoff, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Foto: Stefan Altenburger

O Alienista, 2019, Stoff, Pappmaché, Glasflaschen und weitere Materialien, 20-teilig; hinten: ­Assombrados (Fim do mundo / Fantasma), 2019, Acryl auf Stoff, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Foto: Stefan Altenburger

History and Infancy (War), 2017, (Detailansicht), Stoff, Nähgarn, Siebdrucktinte, 43 Flaggen, ­Gletschersteine und nautische Seile, Courtesy Stephen Friedman Gallery, London, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Foto: Stefan Altenburger

History and Infancy (War), 2017, (Detailansicht), Stoff, Nähgarn, Siebdrucktinte, 43 Flaggen, ­Gletschersteine und nautische Seile, Courtesy Stephen Friedman Gallery, London, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Foto: Stefan Altenburger

The Name of Fear, 2015–2021, mit Lucas Nascimento und Guto Carvalhoneto, diverse Textilien und Materialien, Ausstellungsteilansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Foto: Stefan Altenburger 

The Name of Fear, 2015–2021, mit Lucas Nascimento und Guto Carvalhoneto, diverse Textilien und Materialien, Ausstellungsteilansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Foto: Stefan Altenburger 

Rivane Neuenschwander

Rivane Neuenschwander

Fokus

In einem Mix aus konzeptueller Schärfe und Empathie schaut Rivane Neuenschwander auf die Welt. Ihre Motive sind der Kultur ihrer Heimat Brasilien entnommen. Ihre Themen hingegen ­be­treffen uns alle. Eine Übersichtsschau in Vaduz – die erste im deutschsprachigen Raum – zeigt mit Werken der beiden letzten Dekaden, weshalb.

Rivane Neuenschwander — Sich sorgen, sich kümmern

Era uma vez … Es war einmal ... So beginnen auch in Brasilien viele Geschichten. Obschon an die Jüngsten gerichtet, sind sie nur selten frei von Leid und Moral. Schliesslich gilt es, sich früh in den Umgang mit Ängstigendem einzuüben.
Von Geschichten aller Art, von schaurigen wie von heiteren, ist auch Rivane Neuenschwander inspiriert. Sie sind eine der Konstanten ihres Schaffens. In Vaduz ist ein erstes Beispiel dafür ein smarter Papagei. Beflügelt von Vorlagen eines brasilia­nischen Cartoonisten, hat ihn Walt Disney ab 1942 in mehreren seiner Trickfilme Donald Duck beigesellt. 1961 wurde er zum Helden einer populären brasilianischen Comic-Reihe, die auch Rivane, Jahrgang 1967, als Kind gern gelesen hat. Nun nutzt sie die Layouts als leere Schablonen und lädt uns dazu ein, auf bunten Kreidetafeln ganz ohne den Einfluss der klischeehaft stilisierten Figur eigene Storys zu erfinden (‹Joe Carioca and Friends›, 2004–2021).
Das andere Ende des erzählerischen Spektrums, die klassische lateinamerikanische Literatur, vertritt in der Ausstellung Machado de Assis. An dessen kafkaesker Novelle über einen Irrenarzt, der zunächst alle Mitbürger und zuletzt sich selbst interniert, hat die Künstlerin die Frage nach dem Wesen des Verrücktseins interessiert. Von Assis 1882 verfasst, hat die Erzählung seither nichts an Bedeutung verloren, im Gegenteil: Repression allenthalben und der Ruf nach Inklusion befeuern gerade ihre Aktualität. Diese Entwicklung reflektiert die Künstlerin mit einem Korpus wahnwitziger Stoffpuppen (‹O Alienista›, 2019). Aus der nicht zensierbaren Perspektive des Spiels denunziert sie so die Verordnungsinstanzen vorgeblicher Normalität.

Träume und Traumata
Abgründe öffnen sich auch bei der Arbeit ‹Cabra cega› (blinde Kuh) sowie bei den Werkgruppen ‹Assombrados›, ‹Ex votos› und ‹Notícia de jornal›. Zwischen 2010 und 2019 entstanden, kreisen sie alle um das Thema Gewalt. Von Kinderhand hingekritzelte, ins Dunkel projizierte Monster, archetypische Albträume und kapitale Verbrechen fügen sich Raum um Raum zu einem endlos finsteren Geschehen. Doch anstatt auf Schockbilder zu setzen, vertraut die Künstlerin ihrem feinen Sinn für Transformation: Wieder wählt sie den Weg über das Spielerische oder blendet einen Teil der Inhalte aus. Dieser offenere Ansatz erlaubt es ihr, den Einzelfall zu serialisieren und somit zu generalisieren. In den Fokus rückt damit die systemische Präsenz von Traumata in Spiel, Religion und medialer Routine sowie die Kaskade der psychischen Folgen davon.
Als Empathieträger ihrer Kritik an derlei Praktiken zieht die Künstlerin, die selber zweifache Mutter ist, seit einiger Zeit auch Kinder hinzu. Mal sind sie Mitautoren wie der fünfjährige Thomas, der das kindliche Pandämonium zu ‹Cabra cega› schuf. Ein andermal sind sie Ideengeber und Multiplikatoren wie die inzwischen wohl über hundert Beteiligten am Grossprojekt ‹The Name of Fear›. Für diese Arbeit, die in Vaduz nach London, Rio und Aarau soeben ihre vierte Kollektion erhielt, bittet Neuenschwander seit 2015 Schulkinder im Rahmen von Workshops, ihre Ängste zu benennen und zeichnend zu visualisieren. Umhänge, die sie nach diesen Skizzen gemeinsam mit Textildesignern entwirft, dienen den Kindern sodann als schützende, vertrauensstärkende Capes und helfen, die Ängste zu bannen.  
Hat das gemeinschaftliche Unterfangen der Kinder für sie etwas Kathartisches, so fällt die Erkundung der weitläufig im Raum verteilten Umhänge für Unbeteiligte sachlicher aus. Eine Art Qualia-Effekt stellt sich ein, wenn man neugierig näher tritt, um die Ängste anhand der vielen liebevollen Details zu erraten, zugleich aber das Unvermögen spürt, das subjektive Wahrnehmungsereignis – die individuell geäusserte Angst – immer ganz zu verstehen. Tod, Krankheit, Krieg, ja, nachvollziehbar, diese diffusen Ängste teilen wir alle. Auch enge Räume und das Alleinsein im Dunkeln mögen viele gewiss nicht, oder Haie. Aber Angst vor Blumen? Vor offenen Fenstern? Welche primären Ängste, welche Vorkommnisse überlagern diese Begriffe? Es ist dieser kontinuierliche Wechsel zwischen Innen- und Aussensicht, der ‹The Name of Fear› prägt und der sich auch im Bekenntnis der Künstlerin spiegelt, in der Angst liege für sie ein Zugang zum Individuum, der verstehen hilft, was uns ausmacht.
Entsprungen sind die Werke zum Thema Angst der Beschäftigung Neuenschwanders mit Wünschen, genauer ihrem Langzeitprojekt ‹Eu desejo seu desejo› von 2003. Zu Tausenden füllen bei dieser Arbeit bunte Bänder mit aufgedruckten Wünschen eine eigens präparierte Wand, und alle sind wir eingeladen, im Tausch gegen einen eigenen Wunsch ein Bändchen auszuwählen und es zu tragen, bis es abfällt und der Wunsch sich erfüllt. Die Anregung zu diesem Vorgehen fand die Künstlerin im Brauch einer bedeutenden Wallfahrtskirche im Bundesstaat Bahia. Hier bildet also der Volksglaube das Narrativ. Neuenschwander hat es indes um zwei entscheidende Faktoren erweitert: a) die stetige Abnahme und somit offen ersichtliche Begrenztheit des Wunschkontingents und b) die verknüpfende Teilhabe. Letztere schafft gegenüber der Endlichkeit der Wünsche einen Ausweg. Doch welche Wünsche wir äussern, ist nicht egal. Es nimmt uns in die Pflicht, verantwortungsvoll zu denken, und dies über die Gegenwart hinaus.

Traurige Tropen
Vorsprachlich-lyrisch agiert die Künstlerin schliesslich in einer Auswahl weiterer älterer Arbeiten. In diesen beweist sie zum einen ihre oft unter den Stichworten Tropicália und Neokonkretismus diskutierte Gabe, Dinge sinnlich erfahrbar zu machen. Zum anderen umreisst sie auch darin auffallend häufig endliche Momente und zeichnet so ein wehmütiges Gegenbild zu Tropenklischees. Im Video ‹Quarta-feira de Cinzas / Epilogue›, 2006, lenkt sie etwa den Blick auf Ameisen, die bunte Konfetti in ihre Nester bugsieren und so – begleitet von leise verklingendem Samba und feinen Klicklauten – eine eingängige Aschermittwochsmetapher formulieren. Ob auf den glitzernden Kreisscheiben wohl ebenfalls Wünsche notiert sind, nur unsichtbar? Auch dem Video ‹Inventário das pequenas mortes (Sopro)›, 2000, ist diese Frage eingeschrieben. Es zeigt eine Seifenblase vor Palmen und Regenwald, so schön und gravitätisch, dass das Auge nicht davon lassen will. Doch alles Schillern, alle Farbe ist gewichen, die Idylle zur Grisaille reduziert – ein Bild, so sibyllinisch wie die leeren Versprechen der Menschen an die Natur. Zum Glück, möchte man sagen, ist da noch der Regen (‹­Chove chuva›, 2002). Doch letztlich ist auch er nur ein künstlerisches Substitut, erzeugt mittels löchriger, alle paar Stunden von einer Aufsicht umgefüllter Eimer, deren stetes, rhythmisches Tropfen im Saal eine ganz eigene Geschichte schreibt.

Astrid Näff, freischaffende Kunsthistorikerin, Zürich, artescript@bluewin.ch

 

Bis 
24.04.2022

Rivane Neuenschwander (*1967, Belo Horizonte) lebt in São Paulo
1988–1993 Federal University of Minas Gerais (Fine Arts), Belo Horizonte
1996–1998 Royal College of Art, London

Biennalen (Auswahl)
2003, 2005 Biennale di Venezia; 1998, 2006, 2008 Bienal de São Paulo; 1997, 2011 Istanbul Biennial

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Rivane Neuenschwander 12.11.202124.04.2022 Ausstellung Vaduz
Liechtenstein
LI
Autor/innen
Astrid Näff
Künstler/innen
Rivane Neuenschwander

Videos

Erste Einzelausstellung der international renommierten brasilianischen Künstlerin im deutschsprachigen Raum.

Mit «knife does not cut fire» präsentiert Rivane Neuenschwander (*1967 in Belo Horizonte) ihr vielgestaltiges Oeuvre anhand von rund 50 Arbeiten, wobei der Schwerpunkt auf ihren jüngsten Werken liegt. Gezeigt werden Gemälde, Objekte, Filme, Textilarbeiten sowie raumgreifende Installationen, an denen sich die Besucher*innen beteiligen können. Eigens für das Kunstmuseum Liechtenstein hat die Künstlerin neue Arbeiten geschaffen, die bestehende Werkserien weiterführen.

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