Alexander Hahn — Flimmern der Erinnerung

Alexander Hahn · Transit of Earth, 2022, LED-Mosaik, 210 x 650 x 10 cm, Ausstellungsansicht Kunst­museum St. Gallen © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Alexander Hahn · Transit of Earth, 2022, LED-Mosaik, 210 x 650 x 10 cm, Ausstellungsansicht Kunst­museum St. Gallen © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Alexander Hahn · Boy by the Ganges, 2016/2022, Installation von 4 Bildern in schwarzem Rahmen, 1 HD-Farbvideo © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Alexander Hahn · Boy by the Ganges, 2016/2022, Installation von 4 Bildern in schwarzem Rahmen, 1 HD-Farbvideo © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Besprechung

Nach 1991 zeigt das Kunstmuseum St. Gallen zum zweiten Mal eine grössere Retrospektive mit Arbeiten von Alexander Hahn. ‹Memory of Light – Light of Memory› inszeniert wirkungsvoll eine Auswahl von elektronischen und digitalen Werken des in New York und Zürich lebenden Künstlers.

Alexander Hahn — Flimmern der Erinnerung

St. Gallen — Die holografische LED-Projektion eines Passfotos des Künstlers aus dem Jahr 1998 schwebt über dem Abgang zum Untergeschoss des Kunstmuseums. Als Kontrast zum lichtdurchfluteten Prunkbau aus dem 19. Jahrhundert bieten die schlichten, abgedunkelten Räume mit Sichtbeton den idealen Rahmen für das Œuvre von Alexander Hahn (*1954, Rapperswil), das sich einer breiten Klaviatur von Bildmedientechnologien bedient: Eine 360°-Virtual-Reality-Arbeit für VR-Headset steht neben einer Installation mit antikem Stereobetrachter. Mehrere Bilder der Serie ‹The Artist Studio as Encryption Lab›, 2003–2022, überlagern in einer Art Game-Ästhetik Hahns Studioräumlichkeiten in New York mit historischen Fotografien, Flugbahnen eines Insekts oder Aufnahmen vom Mars zu sonderbar luziden Tagträumen. Die Grenzen zwischen Video und Fotografie verschwimmen bei mehreren Arbeiten, die kurze Loops in einem Bilderrahmen ausstellen. Besonders augenscheinlich wird das bei ‹Boy by the Ganges›, 2016/2022: Das HD-Farbvideo eines Jungen, der in Zeitlupe seine Augen verdreht und mit den Händen das Flötenspiel des hinduistischen Gotts Krishna imitiert, ist mit vier Standbildern kombiniert. Was man im ersten Moment für fünf gewöhnliche Fotografien hält, erzeugt eine subtil wirkungsvolle Irritation.
Besonders nahbar und immersiv sind die skulpturalen Arbeiten von Hahn, bei denen er Alltagsgegenstände mit Motoren und Licht zu retrofuturistischen Erinnerungsmaschinen werden lässt. Die 2022 begonnene Arbeit ‹The Dead› etwa kombiniert horizontal platzierte, verzerrte Videoaufnahmen von verstorbenen Menschen, die dem Künstler nahestanden, mit darauf senkrecht platzierten, säulenartigen Spiegeln. Aus diffusen Eindrücken steigen plötzlich klare Konturen der Erinnerung auf.
Unübersehbar und faszinierend sind zwei zentrale Arbeiten: Bei ‹On the Nature of Things›, 1996, prasselt eine Regenmaschine, umgeben von vier Röhrenmonitoren, unablässig auf die Bodenprojektion eines schlagenden Herzens. Das monumentale LED-Mosaik ‹Transit of Earth›, 2022, hingegen zeigt als umfassende kosmologische Arbeit Sonne und Planeten, kombiniert mit Momentaufnahmen aus den zugehörigen Jahreszeiten. Es lohnt sich auch für die unscheinbareren Arbeiten genug Zeit einzuplanen, denn die Wirkung dieser grösseren Werke baut auf einem Sensorium für die feinen Verschiebungen zwischen Wahrnehmung und Traum auf, das sich überall bei Alexander Hahn vorzüglich kultivieren lässt.

Bis 
02.04.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Alexander Hahn 29.10.202202.04.2023 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Alexander Hahn
Autor/innen
Andrin Uetz

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