Ansichten — Ein Sklavenschiff reist durch die Zeit

Noomi Gantert · Sklavenschiff, 1974–1976, Bildteppich, Kelimtechnik, Wolle auf Leinen, 506 x 180 cm

Noomi Gantert · Sklavenschiff, 1974–1976, Bildteppich, Kelimtechnik, Wolle auf Leinen, 506 x 180 cm

Fokus

Das ‹Sklavenschiff› bildet den Wendepunkt im künstlerischen Werk der Zürcher Malerin und Weberin Noomi Gantert. Dieser Bildteppich stellt den Übergang zu ihrem eigenen Schaffen dar. Zuvor hatte sie jeweils künstlerische Entwürfe ihres Mannes Hans Gantert am Webstuhl umgesetzt.

Ansichten — Ein Sklavenschiff reist durch die Zeit

Zuerst bekam ich nur eine verblasste Abbildung vom ‹Sklavenschiff› zu sehen. Noomi Gantert (*1937, Zürich) blätterte durch Entwurfszeichnungen für ihre Teppiche und stiess unvermutet auf eine ausgebleichte Vorlage für ihr monumentales erstes eigenes Werk. Was sie nun über ihr ‹Sklavenschiff› erzählte, packte mich. Von 1974 bis 1976 arbeitete sie an diesem Teppich, zwei Jahre lang sass sie am Webstuhl, bis der Teppich die stattliche Länge von über fünf Metern erreicht hatte. Und ein erhebliches Gewicht – eines, das auch die Schwere des Themas spiegelt und die Bedeutung, die das Werk für das Schaffen der damals 37-jährigen Mutter dreier Kinder einnehmen sollte. 1974 waren diese sieben, elf und zwölf Jahre alt – der familiäre Alltag war turbulent, auch weil Noomi Gantert mit ihrem Mann Hans, einem Maler, Grafiker und Zeichnungslehrer, ein gastfreundliches Haus führte, geprägt von der Aufbruchsstimmung der 1970er-Jahre.
In der Wochenendbeilage der NZZ vom 5. Mai 1974 stiess Noomi Gantert in einem Beitrag von Jürg Federspiel über nordamerikanische Sklaverei auf einen Holzschnitt des Sklavenschiffs. Das Bild traf sie «wie ein Blitz». Dutzende Figuren lagern auf dem Unterdeck und füllen dicht gedrängt den Bildraum. Unbewusst griff sie mit dieser Vorlage ein gestalterisches Element auf, das sie in ihrem späteren Schaffen variieren würde: die Repetition – hier figürlicher, später abstrakter Elemente. Immer, wenn es die Umstände erlaubten, setzte sie sich für zwei Stunden an den Webstuhl. Das Weben erschien ihr nicht monoton, sondern wirkte, wie sie sagt, wie ein «basso continuo», als stetig sich erneuernder Halt in lebhafter Umgebung. Mit dem ‹Sklavenschiff› brach sie zu ihrer künstlerischen Reise auf, die sie zur ‹Flammenschrift›, zur ‹Nachtseite› oder zum ‹Nachtflug› führen sollte. In all diesen Werken schuf sie mit reduzierten, kargen Formen ein faszinierendes, dichtes Gefüge aus variierten Zeichen. Das Auge hört Minimal Music.
Als Noomi Gantert das ‹Sklavenschiff› erstmals zeigte, gewann sie nicht den Eindruck, das Werk werde wahrgenommen – und arbeitete weiter. Vierzig Jahre später, 2016 in der Ausstellung ‹FrauenPower› im Art Dock Zürich, traf das ‹Sklavenschiff› dann den Puls der Zeit, der die Aufarbeitung von Kolonialismus und Diskriminierung forderte. In ganzer Grösse habe ich das Werk nur auf Fotos gesehen. Und ich wünsche mir, dass das Original in einer Ausstellung seine Bedeutung sowohl thematisch wie im Werdegang der Künstlerin erneut beweisen könnte.

Peter Schneider schreibt Texte zu Kunst und Kultur. pe-s@bluewin.ch

 

→ Ansichten: Ein Bild, ein Text – Autor:innen kommentieren eine visuelle Vorlage ihrer Wahl.

Künstler/innen
Noomi Gantert
Autor/innen
Peter Schneider

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