Centre culturel suisse On Tour — Agency als Leitmotiv

Simone Holliger, Contrepoids, 2022, Ausstellungsansicht La BF15, Lyon, im Rahmen von ‹Centre ­culturel suisse – On Tour›, 2022. Foto: La BF15

Simone Holliger, Contrepoids, 2022, Ausstellungsansicht La BF15, Lyon, im Rahmen von ‹Centre ­culturel suisse – On Tour›, 2022. Foto: La BF15

Julie Monot · Puzzle Me, Performance, Frac Grand Large, Dünkirchen, 26.11.2022, realisiert in der Fructôse-Residency im Rahmen von ‹Centre culturel suisse – On Tour›. Foto: Valentin Duciel

Julie Monot · Puzzle Me, Performance, Frac Grand Large, Dünkirchen, 26.11.2022, realisiert in der Fructôse-Residency im Rahmen von ‹Centre culturel suisse – On Tour›. Foto: Valentin Duciel

Fokus

Während der Renovierung des Stadthotels an der Rue Francs Bourgeois geht das Programm des dort beheimateten Schweizer Kulturzentrums auf Reisen. Ob Lyon, Marseille, Dünkirchen, Rennes, Montpellier, Bordeaux oder Metz – bis zur Wiedereröffnung in Paris 2024 lautet in Frankreich die Devise: Schweiz ist für die Institutionen der neue Link.

Centre culturel suisse On Tour — Agency als Leitmotiv

Im improvisierten Grossraumbüro in den Räumen der Cité internationale des arts ist der Blick auf das Seineufer unter herbstgrauem Novemberhimmel knapp be­messen. «Wir sind sehr froh, hier arbeiten zu können», lacht Claire Hoffmann, Leiterin für visuelle Künste am Centre culturel suisse (CCS) in Paris. Und Léopoldine Turbat, verantwortlich für Kommunikation, fügt hinzu: «Zudem sind wir sowieso ständig unterwegs.» ‹On Tour› heisst das Interimsprogramm während der zweijährigen Renovierung des eigenen Hauses. Dem bin ich als Zugereister in Paris seit Langem treu, bietet es doch einen deutsch-französischen Relais-Raum, der auch an die weiter gespannte Frankophonie erinnert. Wird das Zentrum ‹On Tour› diese Qualität mitnehmen? Startschuss war Mitte September in Lyon, am Rande der dortigen Biennale mit Werken von Julian Charrière und Hannah Weinberger.

Simone Holliger in Paris und Lyon
Seiner Begegnungsfreude treu, feierte das Kulturzentrum im Schweizer Konsulat in Lyon den Auftakt mit einem Cross-over der Künste und DJ-Set. Bis Mitte Januar läuft das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm quer durch die Stadt. Mit dabei: Simone Holliger. In Paris war die Baslerin bis Anfang Dezember in den Räumen von L’ahah zu sehen, bespielte zusammen mit Lena Amuat und Zoë Meyer und einer drei Meter hohen weissen Skulptur die Räume im alten Industriegebäude. In situ aus Papier geformt, mit Acrylfarbe stabilisiert, bildete die Skulptur mit den schwarz-weissen geometrischen Formen der beiden Dialogpartnerinnen einen neu-modernen Echoraum zwischen Architektur und Formensuche. In Lyon füllt Holliger zusammen mit Johana Blanc aus Paris das kleine Kunstzentrum BF15 unter dem Titel ‹Carta›. Da leuchten in einem Saal zwei Papierskulpturen strahlend rot und dunkelblau – erneut eine vibrierende Raumerfahrung, erneut eine Begegnung.
«Die Verbindung von Performance, Ausstellungen, Lesungen und anderen Künsten ist für uns zentral bei diesem Programm», betont Claire Hoffmann und verweist auf den im Januar bevorstehenden Anlass ‹Perforama› im Lyoner Kunst- und Residenzraum Les Subsistances. Der 2000 neu aufgestellte Raum ist indirekt bereits mit dem CCS verbunden, denn als Leiter fungierte Klaus Hersche, der zuvor lange Zeit im CCS aktiv war. Zudem gebe es, so Hoffmann, die Ausstellung ‹Le temps du détail› zu Schweizer Architektur im kleinen Kunstzentrum Archipel im Stadtzentrum von Lyon. Die Schau ist eine wichtige Station, sind doch ‹Fleisch und Stein› – so der Soziologe Richard Sennett – strukturie rend für das, was Kunst als Möglichkeitsraum geboten wird. Auch deshalb ist bedeutsam, dass der Umbau in Paris von den Architekten Thomas Raynaud (Paris) und Truwant + Rodet + (Basel) umgesetzt wird. Geht es dabei um grenzüberschreitende Identitäten? «Uns geht es um die Kultivierung der Berührungspunkte beider Länder», sagt Hoffmann, «Kunstpraxis ist per se transnational.»

Begegnung im Zentrum
Wer in die Einwanderungsstadt Paris zieht, entdeckt bald, dass es nationale Stammtische gibt. Sie mögen für manche Fluchtpunkt sein – Hauptaufgabe ausländischer Kulturzentren hingegen ist das Ermöglichen der Begegnung mit und durch Kunst. Das CCS erfüllt sie weit über bloss nationales Kulturmarketing mit kunsthistorisch ausgearbeiteten Ausstellungen. Die stehen in Paris oft in strammer Konkurrenz mit dem hauptstädtischen Kunstbetrieb. ‹On Tour› intensiviert nun die Netzwerkarbeit. Zum Beispiel durch eine Mitte Februar startende Vortragsserie zu Grafikdesign in der Pariser Hochschule für Kunst und Design ENSAD. Sowohl die Schweiz als auch Frankreich beanspruchen für sich Exzellenz in Sachen Grafik – die Diskussionen dürften spannend sein. Oder mit Keren Detton, Direktorin des FRAC Grand Large – Hauts-de-France in Dünkirchen, die im vergangenen November mit dem CCS-Festival die Stadt am Ärmelkanal rockte – vom Jazz-Club über die Buchhandlung bis zum Museum für traditionelle Spiele. Sehenswert war die Solo-Schau von Delphine Reists imaginär animierten Objekten im ehemaligen Schiffshangar des FRAC. Punktgenau erschien dazu bei art&fiction ein poetisches Porträt der Genfer Künstlerin. Die Franco-Schweizerin Marie-Caroline Hominal wiederum tanzte mit ‹Eurêka, c’est presque le titre› im Atrium des benachbarten Ausstellungsortes LAAC. Im März tritt sie zusammen mit ihrem Partner David Hominal im Rahmen des CCS-Programms auf dem Festival Artdanthé in Vanves südwestlich von Paris auf.
Eine der Stärken des Schweizer Kulturzentrums ist die transdisziplinäre Arbeit, die nicht nur, wie inzwischen allgemein üblich, für Cross-overs verschiedener Bereiche in der bildenden Kunst sorgt. Vielmehr bewirkt die offene Programmgestaltung, jeweils die übergreifende «Kunst»-Dimension zu erfahren. Sei es im Tanz oder ­Theater, im Grafikdesign oder in der Architektur, immer werden Positionen vorgestellt, die ihr Feld erweitern. Das ist übrigens, um hier eine persönliche Erfahrung anzuführen, auch der grosse Gewinn für einen Deutschen, der in Paris für deutschsprachige Kunstzeitschriften korrespondiert: mit Unbefangenheit unter «Zugereisten» neue Geografien kreativer Arbeit auszuloten.

Agentur für Kunst
«Uns geht es um die Verknüpfung», erläutert Hoffmann, «Ausstellungstätigkeit ist nur ein Bestandteil.» Und Turbat ergänzt: «Diese Tournee wird auch das Pariser Programm beeinflussen. Bestehende Partnerschaften werden gestärkt, neue eingerichtet.» Sie verweist auf die für Anfang März geplanten Einsätze des Lausanner Theatermachers Massimo Furlan im Pariser Musée de la Chasse et de la Nature. Ist die Präsentation des Italo-Franko-Schweizers etwas zu viel personifiziertes Kulturmarketing? Vor Ort wirkt es eher als europäische Realität künstlerischer Praxis – who cares about nationality?
‹On Tour› tritt Furlan danach mit ‹L’animal› im Ecomuseum Rennes auf. Die bretonische Stadt wird Anfang Mai zur Festivalstation, unter anderem mit der Baslerin Basim Magdy und ihrer Ausstellung, die im dortigen FRAC Bretagne bereits im Februar startet. Für den kleinen Kunstort 40mcube produziert das CCS eine Arbeit der Lausanner Malerin Romane de Watteville. Deren Leinwände sind ebenso ins globale Imago eingeschrieben wie die Installationen der Baslerin Judith Kakon. Zum Manor Kunstpreis entfaltete sie 2021 in Schaffhausen Papierobjekte, wie sie vermutlich rund um den Globus für Feste genutzt werden. Sie im Kunstzentrum La Criée in Rennes zu produzieren ist gewissermassen auch eine Stellungnahme: Das CCS steht für die Schweiz. Doch als solches findet es seine Aufgabe heute, indem es global verständliche Formen und Objekte für gemeinschaftlich genutzte Räume schafft.
Noch denke ich über die Tragweite solch einer Rolle nach, da kommt Kakon herein. Ihr Auftritt soll geplant werden. Beim Gehen gratuliere ich Léopoldine für ihr Engagement als Kuratorin: In den Räumen des Basler Kunsthändlers Jean David Cahn im Pariser Vorort Bagnolet hat sie jüngst eine sehenswerte Ausstellung zu Ulrike Ottinger mit gestemmt. Auch so wirkt Schweizer «agency» transversal ins französische Kunstfeld.

J. Emil Sennewald, Kritiker, Journalist, Professor für Philosophie an Kunsthochschulen in Frankreich und der Schweiz, berichtet seit 2002 über die Aktivitäten des CCS.

→ ‹Centre culturel suisse – On Tour›, bis 2024, Programm siehe Website ↗ www.ccsparis.com

Centre culturel suisse (CCS)
Aussenstelle der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia in Paris

1985 gegründet; von 2022 bis 2024 wegen Umbau geschlossen
Hauptaufgabe: Repräsentation, Förderung und Vernetzung von Schweizer Kunst in Frankreich
Formate: Ausstellungen, Theater-, Tanz-, Film-Präsentationen, Diskussionsrunden und Konzerte
Räume: Zwei Ausstellungssäle (270 m² und 40 m²), Vorführungssaal und eine Buchhandlung
Jahresbudget: ca. CHF 1,8 Millionen
Besucherzahlen: rund 17’000 (bei «Normalbetrieb»)

Direktion des CCS — Prägende Namen für dessen Geschichte und Profil:
1986–1988 Otto Ceresa, langjähriger Vizedirektor der Pro Helvetia
1989–1991 Werner Düggelin, Theatermacher und Kunstfreund
1991–2002 Daniel Jeannet, Theaterkritiker und Journalist
2002–2007 Michel Ritter, Kurator, vormals FriArt Fribourg († Mai 2007)
2007/08 Katrin Saadé-Meyenberger, Klaus Hersche und Nicolas Trembley (Interimsleitung)
2008–2018 Jean-Paul Felley und Olivier Kaeser, Kuratorenduo
Seit Oktober 2018 Jean-Marc Diébold; Leitung bildende Kunst: Claire Hoffmann, Kuratorin
 

Künstler/innen
Simone Holliger
Julie Monot
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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