Claudia Kübler — Die Zeit aus ihren Fugen heben

Slices of Beginning, 2022, Holz, Ton, 145 m², Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern. Foto: Philip Frowein

Slices of Beginning, 2022, Holz, Ton, 145 m², Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern. Foto: Philip Frowein

years, yours, 2022, Neon, 50 x 450 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern. Foto: Philip Frowein

years, yours, 2022, Neon, 50 x 450 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern. Foto: Philip Frowein

hic et nunc, 2021, pulverisiertes Sedimentgestein aus der «Wiege der Menschheit» (Südafrika), 290 x 180 cm, Neon, 27 x 50 cm, Ausstellungsansicht Helmhaus Zürich. Foto: Philip Frowein

hic et nunc, 2021, pulverisiertes Sedimentgestein aus der «Wiege der Menschheit» (Südafrika), 290 x 180 cm, Neon, 27 x 50 cm, Ausstellungsansicht Helmhaus Zürich. Foto: Philip Frowein

Seconds, Minutes, Aeons, 2021, Metall, Farbe, Kunststoff, Motor, Steuerung, H: 62 cm, Ø 140 cm, Ausstellungsansicht Galerie Kriens. Foto: Philip Frowein

Seconds, Minutes, Aeons, 2021, Metall, Farbe, Kunststoff, Motor, Steuerung, H: 62 cm, Ø 140 cm, Ausstellungsansicht Galerie Kriens. Foto: Philip Frowein

Foto: Philip Frowein

Foto: Philip Frowein

Fokus

Was passiert, wenn wir uns von der Idee einer linearen Zeitschreibung lösen, sie stattdessen zyklisch, elastisch oder polychron denken? Solche Fragen stellt die diesjährige Manor- Kunstpreisträgerin der Zentralschweiz. Bei einem Atelierbesuch im Vorfeld zur Ausstellung im Kunstmuseum Luzern wird klar: Claudia Kübler versteht die Zeit als Werkstoff. 

Claudia Kübler — Die Zeit aus ihren Fugen heben

Von links nach rechts, über drei der vier Fenster von Claudia Küblers Atelier hängt eine lange, schmale Papierbahn: «1750000000 yrs» steht darauf in oranger, krakeliger Schrift. Diese Zahl ist eine von zweien, die Kübler, wie sie sagt, «in die Ausstellung eingeladen» hat. Die Zahl wird als grosse Neonschrift im Kunstmuseum Luzern installiert und beschreibt, wie lange die Erde noch in einer habitablen, also einer lebensfreundlichen Zone sein wird. Eine abstrakte Grösse, deren Unfassbarkeit die Künstlerin durch die zeichnerische Unleserlichkeit und die angefügte, doppeldeutige Abkürzung noch weitertreibt: «yrs» steht einerseits für «years», andererseits für «yours». Wem gehört diese uns noch verbleibende Zeit?

Wo wir in der Zeit stehen
Die am Greifensee aufgewachsene Claudia Kübler befasst sich in ihren Arbeiten oft mit dem geologischen Konzept von «deep time» – also mit ultralangsamen Zeitprozessen, die jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegen. Von der Sichtbarmachung von solch abstrakten Zahlen und Zeitlichkeiten handelt auch der Titel ihrer Einzelausstellung, die sie als Gewinnerin des Manor Kunstpreis Zentralschweiz 2022 im Kunstmuseum Luzern präsentiert: ‹Drei Sekunden vor Mitternacht› nimmt Bezug auf das Anschauungsmodell der Uhr, das herbeigezogen wird, um die Entstehung und Entwicklung des Lebens auf Erden fassbar zu machen. Erst ab 23 Uhr verdichten sich dabei die Ereignisse – bis drei Sekunden vor Mitternacht schliesslich der Mensch dazustösst. «Drei Sekunden vor Mitternacht» baut Spannung auf, klingt fast schon alarmierend. Wird es nach Mitternacht weitergehen? Kübler stellt implizit gleichzeitig die Frage in den Raum, ob wir mehr Respekt für Dinge hätten, die viel Zeit in ihrer Entstehung gebraucht haben, wenn diese Zeitspanne nicht so unbegreifbar für uns wäre.
Mit dem Ursprung der Menschheit hat sich die Künstlerin erstmals in ihrer Arbeit ‹hic et nunc›, 2021, auseinandergesetzt, die im Helmhaus Zürich gezeigt wurde. Die grossformatige Bodeninstallation, die begleitet wird von einer krakeligen Neonschrift, besteht aus einem fragilen, mit gemahlenem Sedimentgestein akkurat gestreuten Zeichen. Es ist das Icon von Online Maps, das uns im digitalen Zeitalter bestätigt: «You are here» – du bist da. Das verwendete, rote Gestein stammt aus der Region in Südafrika, die auch als die «Wiege der Menschheit» bezeichnet wird, da dort einige der ältesten menschlichen Fossilien gefunden wurden. Kübler hat das Rohmaterial während eines zweimonatigen Atelieraufenthalts in Johannesburg gesammelt und in langwieriger Sisyphusarbeit von Hand gemahlen. «Mir gefiel diese Vorstellung, so viele Stunden, so viel Zeit in etwas hineinzuarbeiten. Aber wenn man diese mit einem natürlichen Erosionsprozess vergleicht, kommt sie einem doch wieder ziemlich kurz vor», erzählt Kübler und denkt laut weiter, dass man Gestein als klassisches Material der Bildhauerei auch so lange bearbeiten könne, bis (fast) nichts mehr da ist.
Für die Ausstellung im Pilatussaal des Kunstmuseum Luzern – durch ein Fenster sieht man bei entsprechendem Wetter direkt auf den Pilatus – wollte Kübler eine ortsspezifische Arbeit entwickeln, die einerseits durch die Betonung der Länge des Raums eine Zeitlichkeit hineinbringt und andererseits einen Dialog mit anderen Arbeiten ermöglicht. So wurde das kinetische Objekt ‹Seconds, Minutes, Aeons›, 2021, das ursprünglich für den runden Kaminraum der Galerie Kriens entstanden ist, Teil der Ausstellung: Eine Metallschale wird von einem Motor angetrieben und wirbelt darauf platzierte Stäbe und Kugeln, die als lose Bestandteile einer Uhr gelesen werden können, in unterschiedlichen Intervallen geräuschstark durcheinander. Es entsteht ein reges Bewegungsspiel, eine ständige Neu- und Unordnung dieser Teile. Ähnlich funktioniert die neue Skulptur ‹Slices of Beginning›, 2022, die aus begehbaren Rampen besteht, auf denen feste Holzleisten und lose, ungebrannte Tonplättchen installiert sind. Diese Elemente bewegen sich langsam und als stockender Fluss durch das Zutun der Besucher:innen. Die Installation erinnert an eine abstrahierte Geröllhalde und legt den Fokus auf die Prozesse von Schwerkraft, Zeit und Bewegung, somit also auf das Abrutschen von Schotter. Die Leisten fungieren als lenkende Elemente, die den Tonplättchen eine Richtung geben und Anhäufungen erlauben.

Rezyklieren als Methode
Der transformative Aspekt dieser Arbeit lässt sich als Weiterführung von früheren Werken lesen: In ‹Krrrkk›, 2015, ‹Regolith›, 2018, und ‹Regolith II›, 2020, konnten Besucher:innen über Gipskarton- beziehungsweise Gipsplatten gehen, die sich unter ihren Füssen erst zu Scherben und dann zu Sand verwandelten. In Küblers Schaffensbiografie ist formal wie auch inhaltlich ein roter Faden erkennbar, der sich durch einzelne Arbeiten und Perioden zieht, sich gerne mal knäuelt, zyklisch wird und dann den Weg fortsetzt. Sie greift auf, führt weiter und setzt neue Kontexte, stets in einer klaren, grafisch anmutenden Formensprache. Die Idee des Recycelns beschäftigt sie auch inhaltlich in ihrem Schaffen. So entstand zum Beispiel eine Objektserie, in der Scherben von ‹Regolith II› neu vergossen wurden. Auch der ungebrannte Ton der aktuellen Ausstellung kann weiterverarbeitet oder in den Produktionskreislauf der Tonherstellung zurückgeschleust werden.
So kommt das sisyphushafte Arbeiten auch in der neuen Rauminstallation für das Kunstmuseum Luzern wieder vor: Kübler hat die hier benötigten rund 2500 Tonplättchen mit Draht einzeln abgetrennt. «Wenn man Ton mit Draht abschneidet, hinterlässt dieser eine Zeichnung, die an ein Flussbett erinnert, das vom Wasser geformt wurde, aber auch etwas Fossilienhaftes hat. Dies suggeriert einerseits einen Link zu einem geologischen Phänomen, andererseits aber auch den Anfang eines Prozesses, der erste Schritt, wenn man mit Ton arbeitet. Ich bin in einem Loop aus Anfängen, aus versteinerten Potenzialen hängen geblieben.» Der Künstlerin geht es dabei gar nicht so sehr um das Endresultat – zerbrochene Platten beispielsweise befinden sich bloss in einem anderen Zustand des Zyklus –, sondern vielmehr um eine Methode und ein System, bei dem der Zufall mit hineinspielen darf.

Was es mit dieser Zeit auf sich hat
Der Zufall im Prozess spielt auch in der zeichnerischen Praxis von Claudia Kübler eine wichtige Rolle. Diese hat sich seit ihrem Illustrationsstudium stets weiterentwickelt. Die Zeichnung ist als Medium geblieben und dient neu auch als Resonanzraum für installative Arbeiten, indem sie gleiche Fragen auf einer anderen Ebene verhandelt. Sie erlaubt Kübler, Dinge auszuprobieren, die man räumlich nur schlecht schnell umsetzen kann. Dabei ist die Künstlerin weniger an der Entwicklung eines eigenen Zeichnungsstils interessiert, als vielmehr an der Suche nach einer jeweils passenden visuellen Sprache für Inhalte. So wurden Neonschriften als Erweiterung des Zeichenstifts, als schnelle Gesten, als Gekritzel in Arbeiten integriert. Wie etwa ‹24/7›, 2022, die andere Zahl, die in ‹Drei Sekunden vor Mitternacht› präsent ist und als Verweis auf den Spätkapitalismus und den zeitgenössischen, ewigen Strom des Geschehens gelesen werden kann. Sie erzeugt zudem einen spannungsreichen Kontrast zum porösen, erdverbundenen Material der modellhaften Gerölllandschaft.
Erstmals hat sich Claudia Kübler 2013 in ‹Zeit verstreichen› eins zu eins mit der Uhr und der Zeit auseinandergesetzt. Auf die Frage, ob wir gegen die Zeit gewinnen können, überlegt sie kurz und antwortet dann: «Ich glaube nicht. Aber wir können mit ihr spielen – und das können die Künste sehr gut. Mittels Fiktion können wir sie durcheinanderwerfen und anders verknüpfen, können neue Zeiterlebnisse schaffen oder Figuren aus verschiedenen Zeiten zusammen auftreten lassen. Diese fiktionale Kraft interessiert und fasziniert mich.» Sie hat das Gefühl, dass sie sich noch länger mit der Zeit beschäftigen will. Denn am Ende der Zeit sei sie noch lange nicht angekommen.

Gianna Rovere lebt in Zürich als freischaffende Autorin, Kuratorin und Kulturjournalistin und studiert ­aktuell im Master Kulturpublizistik an der ZHdK. giannanina_rovere@hotmail.com

→ ‹Claudia Kübler – Drei Sekunden vor Mitternacht›, Manor Kunstpreis Zentralschweiz, Kunst­museum Luzern, bis 5.2.; ‹Ask the Stone›, Buchvernissage mit Künstlerinnengespräch und Sound Performance von Vanessà Heer und Caroline Ann Baur: 1.2., 18 Uhr, ↗ www.kunstmuseumluzern.ch

Bis 
05.02.2023

Claudia Kübler (*1983, Zürich) lebt in Zürich
2003–2008 Gestalterischer Vorkurs und Bachelor of Arts in Illustration (Fiction), Hochschule Design & Kunst, Luzern
2010/11 Arts visuels, Haute école d’art et de design, HEAD, Genf
2009–2012 Master of Arts in Fine Arts, Hochschule Design & Kunst, Luzern
2013–2020 Mitorganisatorin der Alpineum Produzentengalerie, Luzern
2016–2019 Unterrichtsassistenz und Lehrauftrag (2019), Master Fine Arts, ZHdK
Seit 2016 Lehrtätigkeit an der F+F Schule für Kunst und Design, Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Blast from the Past›, Lokal-int, Biel
2018 ‹Im Loch ist es dunkel›, Kunsthalle Luzern

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021/2019 ‹Kunststipendien der Stadt Zürich›, Helmhaus, Zürich
2021 ‹Der Grund, auf dem wir leben, fliesst!›, Beitrag für Symposium, Kunstmuseum Chur
2020 ‹Prix Mobilière› (Nomination), artgenève, Genf
2019 ‹Eile mit Weile – Zeit für Performance›, akku Kunstplattform, Emmenbrücke
2016 ‹Zeit verstreichen – Moment und Dauer in der Gegenwartskunst›, Kunstmuseum Solothurn
2014 ‹Werkbeiträge Stadt und Kanton Luzern›, Kornschütte Luzern
2013/14 ‹Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen›, Kunstmuseum Luzern

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Claudia Kübler 03.12.202205.02.2023 Ausstellung Luzern
Schweiz
CH
Künstler/innen
Claudia Kübler
Autor/innen
Gianna Rovere

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