Gina Proenza — Sprachliche und räumliche Beziehungen

Jalousie Moderne, 2021, Holz, Metall, 45 x 50 cm, Ausstellungsansicht, Art au Centre, Genf. Foto: Frank Martin

Jalousie Moderne, 2021, Holz, Metall, 45 x 50 cm, Ausstellungsansicht, Art au Centre, Genf. Foto: Frank Martin

Foto: Mathilda Olmi

Foto: Mathilda Olmi

Agarra-diablo, 2020, (Detail), Holz, Tennisbälle, Farbe, Motor, Seide, Löffel, Ausstellungsansicht CAN Centre d’art Neuchâtel. Foto: Sebastian Verdon

Agarra-diablo, 2020, (Detail), Holz, Tennisbälle, Farbe, Motor, Seide, Löffel, Ausstellungsansicht CAN Centre d’art Neuchâtel. Foto: Sebastian Verdon

Jalousie Moderne, 2021, Holz, Farbe, Leuchtkasten, Porzellan, Motor, Baumwolle, Dimensionen variabel, Ausstellungsansicht Swiss Art Awards, Basel. Foto: Guadalupe Ruiz

Jalousie Moderne, 2021, Holz, Farbe, Leuchtkasten, Porzellan, Motor, Baumwolle, Dimensionen variabel, Ausstellungsansicht Swiss Art Awards, Basel. Foto: Guadalupe Ruiz

Fokus

Gina Proenza untersucht, wie Sprache eingesetzt wird, um die Welt zu verstehen und Verbindungen zu gestalten. Ein zweites wichtiges Themenfeld sind Bewegungen und ihre Beeinflussung durch öffentliche Infrastruktur. Die Künstlerin recherchiert in Archiven, arbeitet mit räumlichen Gegebenheiten und mit vorgefundenen Dingen. Sie mischt Genres, verwendet Readymades, installativ und architekturbezogen. In der Ausstellungsserie der Kunst Halle Sankt Gallen mit Künstlerinnen aus der Westschweiz zeigt Gina Proenza aktuelle Arbeiten. 

Gina Proenza — Sprachliche und räumliche Beziehungen

Nutzpflanzen brauchen Schutz. Diese Erkenntnis ist so alt wie der Ackerbau. Seit mehr als 4000 Jahren befassen sich die Menschen damit, wie sie Pflanzen vor Krankheiten und vor Larven, Käfern, Fliegen oder Nagetieren schützen können. Bereits aus dem Altertum sind dazu nützliche Hinweise überliefert, die sich allerdings nicht in allen Zeiten durchsetzen konnten: Im Mittelalter waren naturwissenschaftliche Grund­lagen weniger verbreitet als kirchlich-dogmatische Ansichten. Gegen Dürre, Hagelschlag und Feldmäuse wurde gebetet, Heuschrecken und Würmer wurden verklagt und mit einem Bann belegt. Gina Proenza hat in alten Quellen recherchiert und Beispiele für solche Prozesse in Luzern und Fribourg gefunden: «Priester verlasen das Urteil auf den Feldern. Den Würmern wurde auferlegt, die Felder zu verlassen, und angeboten, in die Wälder zu ziehen. Sie sollten sich von den Häusern und Gärten fern­halten, durften aber am Fluss leben.» Die Künstlerin interessiert sich für diese Aushandelsprozesse ebenso wie für das Verhältnis von Tier und Mensch: «Wie treten wir mit Tieren und Pflanzen in Beziehung? Wie sehen Beziehungen aus, die wir mit Geboten und Verboten herstellen?» Dazu gehört auch der doppeldeutige Begriff des Eindringlings: «Wer kommt von aussen? Wer bedrängt wen?»

Spur der Sprache
Gina Proenza verfolgt in den historischen Texten unter anderem die Spur der Sprache und damit das Bedürfnis der Menschen, die Welt sprachlich zu begreifen: «Wir benennen andere Arten, um mit ihnen in Verbindung zu treten, auch wenn es uns eigentlich nicht möglich ist, mit ihnen zu kommunizieren. In den Archivmaterialien habe ich beispielsweise untersucht, wie sich die Bezeichnungen für die Würmer über die Zeit verändern. Zunächst sind sie sachlich, entwickeln sich aber hin zu anschuldigend und schliesslich zu wütend.» Diese Bezeichnungen übersetzt Proenza in Wandobjekte: Holzperlen sind auf parallel übereinander angeordneten, horizontalen Metallstäben aufgereiht. Zwischen dunklen Perlen formen sich aus hellen Perlen die Wörter. Das System erinnert an die Rechenmaschine Abakus: «Der Abakus diente einerseits zum Zählen, andererseits dazu, zählen zu lernen. Er ist ein didaktisches, aber auch ein spielerisches Gerät.» Proenza transformiert das Recheninstrument in Sprachbilder, als «könnten die Buchstaben bewegt werden. Andere Wörter könnten geschrieben und andere Geschichten erzählt werden.»
Proenzas spielerischer Umgang mit realen Dingen spiegelt sich auch in der Serie der instabilen Fussböden. So stattete die Künstlerin das Pariser Centre culturel ­suisse mit einem beweglichen Boden aus: «Ich wollte in diesem kleinen Ausstellungsraum keine zusätzlichen Wände einziehen und seinen Körper trotzdem herausarbei­ten. Also habe ich ihn mit einem instabilen Boden ausgestattet. Die Menschen im Raum sind dadurch ineinander in Beziehung getreten. Sie haben interagiert ohne Worte, weil sie ihre Balance immer wieder neu finden mussten.»
Der spielerische Eingriff forcierte neue Routen durch den Raum entgegen üblichen Bewegungsmustern: «Ich denke stets darüber nach, wie wir uns in einem Raum bewegen, wie wir ihn durchqueren werden.» Auch der flexibel gelagerte Laufsteg in der Kunst Halle Sankt Gallen 2019, entstanden in Kollaboration mit Ruben Valdez, basierte auf diesen Überlegungen. Er lag quer vor dem Eingang zur Gruppenschau ‹Protect me from what I want›. Sie versammelte Künstlerinnen und Künstler, die mit dem Helvetia Kunstpreis für Diplomandinnen und Diplomanden ausgezeichnet worden sind. Wie die psychogeografischen Recherchen der Situationistischen Internationale legte der Laufsteg den manipulativen Charakter von Infrastrukturen offen und thematisierte zugleich das unsichere Terrain, das Absolventinnen und Absolventen der Kunsthochschulen betreten: «Es ist eine merkwürdige Situation: frisch aus einer Akademie zu kommen und sich dem Kunstbetrieb stellen zu müssen. Deshalb war der Laufsteg nicht nur beweglich, sondern zusätzlich statt mit rotem Teppich mit rotem Sandpapier belegt.»
In ihrer neuen Soloschau in der Kunst Halle Sankt Gallen, die Proenza zum Zeitpunkt des Gesprächs vorbereitet, taucht das Element des beweglichen Untergrundes wieder auf. Er lässt sich hier einerseits als Metapher für die fragile Balance der Beziehungen zwischen Mensch und Tier lesen, wie sie sich in den mittelalterlichen Wurmprozessen abbildet, andererseits aber auch als Verweis auf die Macht der Infrastrukturen: «Wie beim roten Laufsteg arbeite ich mit der Zugänglichkeit eines Raumes. Insgesamt sind Zugangssysteme instabil. Sie lenken, sie leiten, sie zwingen zu Bewegung oder Stillstand.» Zu solchen ambivalenten Infrastrukturen gehören auch die Handläufe: «Sie sind eigentlich dazu gedacht, Hilfestellung anzubieten, werden aber auch verwendet, um zu führen und kontrollieren. Dies gilt nicht nur für Menschenmengen, sondern auch für Tiere in Massenhaltung.» Durch die Kunst Halle Sankt Gallen winden sich Proenzas hölzerne Handläufe wie Schlangen oder die mit dem Bann belegten Würmer. Indem sie den Raum neu definieren, beeinflussen sie genauso wie die instabilen Bodenelemente die Bewegung der Menschen durch den Raum. Auch die Drehkreuze sind diesem Zweck gewidmet. Wie Handläufe gehören sie zum bekannten, öffentlichen Mobiliar: Auf der Weide lassen sie nur Wandersleute durch den Hag und nicht die Rinder; im Supermarkt, im Freibad oder beim Grossevent erlauben sie den Ein- oder den Ausgang, aber niemals beides.

Legenden und Leuchtreklamen
Proenza setzt Drehkreuze aus flächig gearbeiteten Händen zusammen, die mit eleganter und doch deutlicher Präsenz den Weg weisen. Die Künstlerin transformiert damit ‹Antipholus und Dromio› – eine Arbeit, die sie für die ‹Art en plein air› 2021 in Môtiers entwickelt hatte: «Ich habe im Val de Travers Windräder in Form dieser Hände installiert. Die Besonderheit des Tales ist es, dass der Wind entweder in die eine oder aus der anderen Richtung durch das Tal fegt. Mit dieser einfachen Tatsache habe ich gespielt: Die Windräder waren so konstruiert, dass sich je nach Windrichtung immer entweder das eine oder das andere Rad drehte.» Aus dem Wechselspiel von Ruhe und Bewegung ergibt sich ein Dialog in Zeichensprache der beiden Hände, der auf die temporeichen Dialoge der im Titel Genannten verweist: Die Figuren aus Shakespeares ‹Komödie der Irrungen› agieren in einem komplexen politischen, geschäftlichen und erotischen Beziehungsnetz. Sophokles’ ‹Antigone› wiederum erweist Proenza mit gedrechselten Köpfen Reverenz, die bei den Swiss Art Awards zu sehen waren: «Ich habe Bilder von Schauspielerinnen und Schauspielern gesammelt, die die Rolle der Antigone gespielt haben. Sie haben zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Geschichte den gleichen Text gesprochen, die gleichen Worte gesagt.»
Die vielfältigen Quellen werden bei Proenza nicht illustriert oder nacherzählt, sondern in neue visuelle und metaphorische Bezugssysteme eingebunden. Die Künstlerin arbeitet mit mündlichen Überlieferungen, Legenden, Literatur und historischen Berichten, aber auch mit zeitgenössischen Sprachäusserungen. Seit 2017 sammelt sie Leuchtkästen und transformiert den Inhalt, indem sie Buchstaben entfernt: «So wurde ein alter Coca-Cola-Leuchtkasten zu ‹oa oa› wie eine singende abstrakte Vokalisation, oder ein Kronenbourg-Leuchtkasten wurde zu ‹NU›, was auf französisch nackt bedeutet.» Auch diese Serie wird für die Ausstellung in der Kunst Halle Sankt Gallen fortgesetzt. Zudem ist eine Arbeit spezifisch für die ehemalige Stickereimetropole St. Gallen geplant: «Ich habe eine Kollaboration begonnen mit der Modedesignerin Emma Bruschi. Sie entwickelt Textilien aus Stroh. Ich habe eine Zeichnung entworfen, die wir in Stickerei übersetzen wollen.» Damit verbindet Proenza die Geschichte der Stadt mit jener der Nutzpflanzen, und fast beiläufig gerät eine Prise märchenhafter mündlicher Überlieferung mit hinein: Das Stroh wird zwar nicht zu Gold gesponnen, aber zu Kunst geflochten.

Die Zitate stammen aus einem Gespräch mit der Künstlerin in ihrem Atelier am 18.11.2022.

Kristin Schmidt, Kunsthistorikerin, lebt in St. Gallen. post@kristinschmidt.de

→ ‹Gina Proenza – Moving Jealousy›, Kunst Halle Sankt Gallen, 14.1.–19.3.  ↗ www.k9000.ch

Bis 
19.03.2023

Gina Proenza (*1994, Bogotá) lebt in Lausanne
2017 Bachelor Arts visuels, ECAL
2015–2017 Mitgründerin und Co-Kuratorin des unabhängigen Kunstraums Pazioli in Renens (gemeinsam mit Iseult Perrault)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Agarra-diablo›, CAN Centre d’art Neuchâtel
2018 ‹Passe Passe›, Centre culturel suisse, Paris ; ‹a a e o›, Liste Art Fair, Basel (Helvetia Kunstpreis); ‹L’ami naturel›, Tunnel Tunnel, Lausanne

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Prétexte›, CALM – Centre d’art La Meute, Lausanne; ‹The Gina Show›, Salts, Birsfelden
2021 ‹Swiss Art Awards›, Basel (Kiefer Hablitzel | Göhner Kunstpreis); ‹Jardin d’Hiver #1 – Comment Peut-on Être (du Village d’à côté) Persan (Martien)? ›, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne
2019 ‹Protect me from what I want›, Kunst Halle Sankt Gallen; ‹Plattform19›, Centre d’art contempo- rain, Yverdon; ‹Long Distance Relationship›, Espace Témoin, Genf
2018 ‹La Lampada II›, Circuit, Lausanne; ‹Crack a Cold One›, Galerie Derouillon, Paris

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Gina Proenza — Moving Jealousy 14.01.202319.03.2023 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Gina Proenza
Autor/innen
Kristin Schmidt

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