Hands-on — Die Druckwerkstatt als Labor

Thomi Wolfensberger an der Schnellpresse, hinten: Zustandsdrucke von Sabine Schlatter, 2020. Foto: Chr. Schenker/ZHdK

Thomi Wolfensberger an der Schnellpresse, hinten: Zustandsdrucke von Sabine Schlatter, 2020. Foto: Chr. Schenker/ZHdK

Michael Günzburger und Steindruckerei Wolfensberger, Druck mit einer Champagnerflasche, Prozessbild

Michael Günzburger und Steindruckerei Wolfensberger, Druck mit einer Champagnerflasche, Prozessbild

Eindrücke aus Druckprojekten von Michael Günzburger 2021 (oben) und Dominik Stauch 2019 (links). Foto: Christoph Schenker/ZHdK

Eindrücke aus Druckprojekten von Michael Günzburger 2021 (oben) und Dominik Stauch 2019 (links). Foto: Christoph Schenker/ZHdK

Beobachtungssituation in der Steindruckerei Wolfensberger, Mai 2019. Foto: Chr. Schenker/ZHdK

Beobachtungssituation in der Steindruckerei Wolfensberger, Mai 2019. Foto: Chr. Schenker/ZHdK

Michael Günzburger · Butter, 2020, Unikat, Monotypie und Lithografie ab Druckplatte (Alu), 80 x 43 cm

Michael Günzburger · Butter, 2020, Unikat, Monotypie und Lithografie ab Druckplatte (Alu), 80 x 43 cm

Sabine Schlatter · Probedruck aus dem Experiment Stoffdruck, 2021, Lithografie ab Stein, 99 x 153 cm

Sabine Schlatter · Probedruck aus dem Experiment Stoffdruck, 2021, Lithografie ab Stein, 99 x 153 cm

Dominik Stauch · Auflagedruck, 2019, Lithografie ab Druckplatte (Alu), 90 x 67 cm, Courtesy für alle Werke: ZHdK

Dominik Stauch · Auflagedruck, 2019, Lithografie ab Druckplatte (Alu), 90 x 67 cm, Courtesy für alle Werke: ZHdK

Fokus

Die Graphische Sammlung ETH Zürich zeigt Artefakte aus dem Forschungsprojekt ‹Hands-on› zur Dokumen­tation künstlerisch-technischer Prozesse im Druck. Im Gespräch erzählen der Stein­drucker Thomi Wolfensberger, der Künstler Michael Günzburger und die Kunsthistorikerin und Künstlerin Mara Züst von ihrer Faszination für die Druckwerkstatt. 

Hands-on — Die Druckwerkstatt als Labor

Venanzoni: Während drei Jahren habt ihr, gemeinsam mit weiteren Personen, an einem vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsprojekt gearbeitet, das nun vorgestellt wird. Worum geht es dabei konkret?
Günzburger: ‹Hands-on› ist ein Forschungsprojekt, dessen Ziel es war, eine Dokumentationsmethode zu entwickeln, um künstlerisch-technische Prozesse zu dokumentieren. Interessiert haben uns Fragen wie: Wer macht was in der Druckwerkstatt? Wie beeinflusst die Maschine das entstandene Werk? Dafür wurden drei Künstler:innen angestellt, um während zwölf Tagen in der Druckwerkstatt von Thomi Wolfensberger Kunst zu produzieren. Alles, was dabei passiert ist, wurde dokumentiert.
Züst: Wir haben uns gefragt, wie wir dem impliziten Wissen in künstlerisch-technischen Prozessen habhaft werden können. Ein simples Handbuch reicht dafür nicht aus. Wichtig war uns vielmehr ein multiperspektivischer Ansatz. Deshalb hat das Projektteam sowohl Filmaufnahmen gemacht, Interviews geführt, ein Inventar mit allen benutzten Tools erstellt als auch Texte verfasst, die den Prozess aus einer ethnografischen Perspektive beobachtend beschreiben.
Günzburger: Die komplette Dokumentation ist auf unserer Website zugänglich. Dies ist eine der Veröffentlichungsformen unseres Forschungsprojekts. Eine weitere ist die Ausstellung, in der eine Auswahl der produzierten Artefakte zu sehen sein wird.

Die Druckwerkstatt als Labor
Venanzoni: Wieso habt ihr euch in eurem Forschungsprojekt für das Medium des Drucks und den Ort einer Druckwerkstatt entschieden?
Züst: In einer Druckwerkstatt gibt es einen Dialog. Auch wenn jemand vor einer Leinwand steht und malt, findet ein Dialog statt, aber kein verbaler. Beim Drucken müssen die Künstler:innen in Worte fassen, was sie machen wollen. Alle Beteiligten müssen zusammen kommunizieren, Zwischenstufen diskutieren und das Handwerkliche im Künstlerischen verhandeln. In diesem Prozess gibt es viel Interessantes herauszulesen. Das experimentelle Befragen des Mediums Druck ist bei Thomi sehr präsent. Er denkt das Medium auch über seine eigene Arbeit hinaus, als generationenübergreifende Auseinandersetzung.
Günzburger: Die Druckwerkstatt ist zudem ein überschaubares Labor und ein geeigneter Ort, um solche Dinge zu dokumentieren. Es ist ein konkreter Raum mit einer übersichtlichen Anzahl von Tools und Maschinen.
Wolfensberger: Ich musste mir natürlich überlegen, ob ich da überhaupt mitmache. Denn die Anweisung war: «act normal». Ich nahm das also wörtlich und arbeitete ein­fach. Das brauchte Mut. Denn es ist unangenehm, wenn dokumentiert wird, wie etwas vielleicht einmal nicht gelingt. Und ich musste überlegen, ob ich mein Fachwissen für alle Mitanbieter:innen zugänglich machen will. Ich habe gezeigt, was ich kann, und auch, was ich nicht kann – und schlussendlich hat das funktioniert. Es war ein gemeinsamer Austausch, und es hat viel Freude und Sinn gemacht.

Wer macht schon Kunst allein?
Venanzoni: Ein besonderes Augenmerk des Projekts liegt auf dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren – von den im Prozess beteiligten Personen wie auch vom technischen Material. Wie funktioniert konkret die Zusammenarbeit zwischen diesen Ak­teur:innen?
Wolfensberger: Es ist zum Glück schon lange nicht mehr so, dass Künstler:innen nur in eine Druckwerkstatt gehen, um erschwingliche Kunst in grosser Auflage zu produzieren. In unserer Steindruckerei produzieren wir Unikate oder kleine Auflagen. Die meisten Künstler:innen kommen mit einem Problem zu uns, mit dem sie alleine nicht weiterkommen. Gemeinsam versuchen wir dann, dieses zu lösen.
Günzburger: In anderen Werkstätten sind die Künstler:innen weit weg von der Druckma­schine. Mit Thomi Wolfensberger arbeite ich in einem intensiven Dialog, ich atme Lösungsmittel, reinige die Maschine und diskutiere mit anderen Personen den Fortschritt des Projekts. Mal mache ich als Künstler einen Vorschlag, mal macht der Drucker einen Vorschlag. In der Druckwerkstatt wird der Mythos des genialen Künstlers, der genialen Künstlerin auf gute Weise widerlegt. Wer macht schon Kunst allein?
Wolfensberger: Und trotzdem, die Rollen sind klar verteilt. Manchmal habe ich als Drucker zwar kurzfristig den Lead, aber es ist auch wichtig, dass die Künstler:innen wis­sen, was sie wollen. Und auch die Autorschaft ist geklärt. Ich verstehe mich als Handlanger, als jemand, der den Künstler:innen hilft, etwas entstehen zu lassen. Mich ärgert es, wenn einem Multiple oder einem Druck anzumerken ist, woher sie stammen. Das wäre für mich eine riesige Niederlage.

Experimentelles Drucken
Venanzoni: Welche Grenzen gibt die Maschine vor? Was ist technisch alles möglich?
Günzburger: Der Beginn der Zusammenarbeit von mir und Thomi war, dass ich ein Lamm­fell drucken wollte, aber selbst daran scheiterte. Ich wollte, dass jedes Haar einzeln abdruckt, kriegte aber selbst nur Flecken hin. Schlussendlich war die Lösung einfach, aber damals realisierte ich, dass an diesem Ort sehr viel möglich ist in Bezug auf das experimentelle Arbeiten mit der Maschine und der Farbe. Was mich reizt, ist, die Maschine sprechen zu lassen, mit der Druckerpresse zu malen. Dabei versuche ich es immer noch ein bisschen weiterzutreiben, nicht einfach um des Extremen willen, sondern um die Maschine wirklich mitreden zu lassen.
Wolfensberger: Wir in der Druckerei sind nicht gut im Neinsagen. Wenn jemand eine Idee hat, machen wir es einfach. Wenn das auf den bestehenden Maschinen nicht möglich ist, dann bauen wir auch mal extra eine spezielle Druckerpresse. Solange die Künstler:innen Gründe für neue Maschinen finden, wird es bei uns auch immer neue Maschinen geben. Gerade mit Michael haben wir viele Dinge entwickelt.
Günzburger: Als Abschluss meiner Tierserie wollte ich einen Eisbären drucken. Weil es mir wichtig erschien, diesen auf ein einziges Blatt zu drucken, brauchten wir eine Presse, die ein 2 x 3 Meter grosses Blatt im Flachdruckverfahren bedrucken kann. Der erste Prototyp dafür war eine ziemlich archaische Angelegenheit und für unser Vorhaben letztendlich zu grob. Heute drucken aber auch andere Künstler:innen damit, für deren Zwecke die Maschine passt. Für ein anderes Projekt wollte ich eine volle Champagnerflasche auf dieser Presse drucken. Um genug Druck zu erzeugen, lies­sen wir für den Druckvorgang eine zwei Tonnen schwere Platte auf Papier, Farbe und Flasche fallen. Mich interessiert dabei, wo das Bild tatsächlich entsteht, was alles einen Einfluss auf das Resultat hat. Die Flasche zerbirst und verteilt ihre Flüssigkeit auf dem Papier. Dort, wo Flüssigkeit hinkommt, nimmt das Papier später keine Farbe mehr auf. Für das Resultat hat es aber auch einen riesigen Einfluss, wie die Platte gekippt ist, in welchem Winkel sie auf die Flasche trifft. Dieses Handwerkliche am Drucken interessiert mich enorm, egal ob im Analogen oder im Digitalen.

Vom Prozess zur Ausstellung
Wolfensberger: Die Künstler:innen, die zu uns kommen, sind generell offen gegenüber dem Endprodukt.
Günzburger: Und trotzdem muss man auch korrekt drucken können. Es ist wie beim Klavierspielen: Man muss die Solfège-Übungen und die Klaviatur beherrschen, um davon abweichen zu können und experimentell zu arbeiten
Venanzoni: Was für Objekte werden nun in der Ausstellung gezeigt?
Wolfensberger: Im Rahmen des Forschungsprojekts konnten die Künstler:innen ohne Produktionsdruck arbeiten. Michael beispielsweise hat viel mit Wasser und Fett experimentiert und wie diese in der Druckmaschine zusammenwirken. Dominik Stauch hat intensiv mit der Farbe experimentiert, und Sabine Schlatter hat sich für Verbindungen zwischen ihrem zeichnerischen Werk und den Möglichkeiten der Druckmaschine interessiert. In der Ausstellung werden für einmal nicht nur die nummerierten und signierten Endprodukte gezeigt, sondern Materialien aus dem ganzen Prozess. Und das in einem musealen Setting. Kuratiert wurde die Ausstellung aber nicht von uns, sondern von Alexandra Barcal, stellvertretende Leiterin und Konservatorin an der Graphischen Sammlung ETH Zürich, und Christoph Schenker, Professor und ehemaliger Leiter am Institute for Contemporary Art Research an der ZHdK.

Nebenprodukte im Fokus
Züst: Die Ausstellung widmet sich dem Beobachten von Druckprozessen. Es werden Werkzeuge des Beobachtens gezeigt, aber auch Artefakte, durch die der künstlerische Prozess sichtbar und mit ausgestellt wird. Ich denke da etwa an verschiedene Farbversionen eines Drucks, bei denen es interessant ist, sich zu fragen, wieso schlussendlich die Entscheidung für eine bestimmte Farbe getroffen wurde. Mich begeistert das Beobachten und die Reichhaltigkeit kleinster Gesten, etwa wie jemand einen Spachtel hält. Oder andere Materialien rücken in den Fokus, wie etwa ein Papier, das zur Reinigung der Maschinen verwendet wurde. Dieses hat es sogar als Motiv auf den Ausstellungsflyer geschafft.
Günzburger: Die Ausstellung zeigt eine kuratierte Auswahl von Artefakten aus unserem Forschungsprojekt. Die Resultate des Forschungsprojekts sind aber auch über die Ausstellung hinaus zugänglich. Das komplette Archivmaterial ist auf unserer Website erschlossen und annotiert. Zielpublikum sind Kunstwissenschaftler:innen, Kunsttechnolog:innen, Künstler:innen und natürlich Drucker:innen.

Martina Venanzoni, Kunsthistorikerin und Kuratorin, lebt in Basel, martinavenanzoni@gmail.com

→ ‹On Observing the Printing – Dokumentation lithographischer Druckprozesse›, Graphische ­Sammlung ETH Zürich, bis 5.3. 
www.gs.ethz.ch www.hands-on.zhdk.ch www.steindruckerei-wolfensberger.ch

Bis 
05.03.2023

Steindruckerei Wolfensberger AG
1902 gegründet, heute in vierter Generation von Thomi Wolfensberger geführt; aus demselben Unternehmen ging die Offsetdruckerei Wolfensberger hervor, Leiter: Benni Wolfensberger
Team: Adem Dërmaku, Sebastian Rinderknecht und Thomi Wolfensberger
Spezialisiert auf die Zusammenarbeit mit Künstler:innen
Druckverfahren: alle lithografischen Techniken und Kombinationsverfahren
Eine von weltweit ca. 40 Druckereien mit einem solchen Angebot

SNF-Projekt ‹Hands-on – Dokumentation künstlerisch-technischer Prozesse im Druck›
Das Projekt wurde 2018–2021 vom Institute for Contemporary Art Research der ZHdK durchgeführt und vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert
Projektkonzeption: Christoph Schenker (Projektleiter), Michael Günzburger, Mara Züst; ebenfalls im
Projektteam: Piet Esch, Almira Medaric, Kris Decker
Künstler:innen, deren Tätigkeiten im Rahmen eines zwölftägigen Aufenthalts in der Steindruckerei
Wolfensberger dokumentiert wurden: Michael Günzburger, Sabine Schlatter, Dominik Stauch
Website: User Interface mit Dokumentationsmaterial online einsehbar

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