Hyperscapes

David O’Reilly · Everything, 2017, Video Game

David O’Reilly · Everything, 2017, Video Game

Alice Bucknell · Martian Word for World is ­Mother, 2022, 3-Kanal 4K Video-Installation

Alice Bucknell · Martian Word for World is ­Mother, 2022, 3-Kanal 4K Video-Installation

Hinweis

Hyperscapes

Bern — Das «Aquarell» des Lauterbrunnentals mit schneebedeckten Bergriesen, saftigen Weiden sowie einzelnen Figuren trifft auf die «Aufnahme» eines Bergsees, der von schwarzen Gesteinsformationen eingefasst wird und an Mittelerde erinnert. Beide Bilder wirken idealisiert: In der Schau ‹Hyperscapes – Virtuelle Landschaft als Sehnsuchtsort?› des Kornhausforums liegt das Faksimile des Aquarells von 1820 der Berner Kleinmeister Gabriel Lory, Vater und Sohn, quasi in der Sichtachse der in-game Photography der Serie ‹Place(s)› von Pascal Greco (*1978, lebt in Genf) von 2021. Dabei ist die Lory’sche Natur ebenso gebaut und komponiert wie die virtuelle Expeditions-Szenerie Grecos aus dem Spiel ‹Death Stranding›. Die fast perfekte Grafik einer postapokalyptischen Landschaft ersetzte während der Pandemie ironischerweise gar den abgesagten Trip nach Island!
Die Beispiele zu Beginn der Ausstellung sind jedoch in ihrer «Flachheit» nicht repräsentativ für die aufwendige Schau, die das Eintauchen in kontemporäre Szenerien vom Bildschirm bis zum VR-Erlebnis ermöglicht und die technische Evolution vorführt. ‹Deer Hunter›, 1997, steht als erstes Jagdspiel für die Faszination von Echtzeitsimulationen, wenn auch noch mit pixeligem Baumbestand. Studer/van den Bergs interaktive Installation ‹Landschaft›, 2000, mit einem realen Tisch mit PC vor einer Hütten-Attrappe, aus deren Innern wir in eine digital simulierte Landschaft blicken können, ist längst ein Klassiker. Mit VR sind seit einigen Jahren wahre Fantasiewelten möglich, was sich bei Mélodie Mousset (*1981, lebt in Zürich) im Game ‹HanaHana› seit 2016 zeigt. Spielende lassen in einer surrealen Seelandschaft verschlungene Hände in die Höhe wachsen. Das Überschreiten von Schranken unserer Vorstellungswelten findet sich im philosophischen Simulationsspiel ‹Everything›, 2017, von David O’Reilly, das uns von der Galaxie in die biologische Mikroebene hinein- und wieder herauszoomen lässt. Oder auch in der Videoinstallation ‹Martian Word for World is Mother› von 2022, in welchem Alice Bucknell (*1992, lebt in London) die Besiedlung des Roten Planeten aufgrund der Klimakrise durchspielt.
‹Hyperscapes› birgt vielfältige Optionen, und ein thematischer Anker wie die vielleicht erst mal etwas brav anmutende «Landschaftsfrage» hilft, sich in der Fülle nicht zu verlieren. Für das kleine Haus zahlt sich dies aus und ermöglicht zugleich die Aktivierung des Publikums. 

Bis 
29.01.2023

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