Jean Painlevé

Jean Painlevé · Buste d’hippocampe, ca. 1931, © Les ­Documents Cinématographiques / Archives Jean Painlevé, Paris

Jean Painlevé · Buste d’hippocampe, ca. 1931, © Les ­Documents Cinématographiques / Archives Jean Painlevé, Paris

Jean Painlevé · Hippocampe femelle, ca. 1934/35 © Les ­Documents Cinématographiques / Archives Jean Painlevé, Paris

Jean Painlevé · Hippocampe femelle, ca. 1934/35 © Les ­Documents Cinématographiques / Archives Jean Painlevé, Paris

Hinweis

Jean Painlevé

Winterthur — Leicht schweben zierliche Geschöpfe über die Leinwand, das Wasser kräuselt sich durch ihre tanzenden Bewegungen. Eine Nahaufnahme fokussiert auf gesprenkelte Körperchen mit langen Wimpern an putzigen Köpfchen. In der nächsten Bildeinstellung öffnet sich zu sanfter Musik ein weites Meer, die Küstenlandschaft im französischen Arcachon wird sichtbar. Und Schnitt: Die Seepferdchen hüpfen als Gruppe auf ihre eigene, besonders grazile Weise durch das Wasser, eine tiefe Stimme erklärt aus dem Off, dass nun die Männchen an der Reihe sind, die Seepferdchen-Babys in ihren Rückenbeutel zu übernehmen und sie am Ende auch zu gebären. Eine Aussage, die damals grossen Aufruhr auslöste.
Was als Unterwasserszenerie auf dem Meeresgrund erscheint, ist in Wahrheit ein mit Granitplatten und Pflanzen dekoriertes Aquarium in Paris. Zwischen 1920 und den späten 1970er-Jahren erschuf der französische Biologe und Filme­macher Jean Painlevé (1902–1989) mit seiner Partnerin Geneviève Hamon ­(1905–1987) über 200 Filme zu Fauna und Flora unter Wasser, darunter 1934 auch diese berühmten Szenen der Seepferdchen-Ehe in den warmen Gewässern der französischen Westküste.
Die geheime Welt unter Wasser interessierte Jean Painlevé schon als Kind, als er die Sommerferien in der Bretagne verbrachte. Painlevés Mission wurde es, der Öffentlichkeit – und nicht bloss einem engen Kreis von Meereswissenschaftler:innen – unterhaltsame Einblicke in die Meerestiefen zu bieten. Dafür wählte er das zu jenem Zeitpunkt sehr populäre Medium des Films und auch die Fotografie. So bewegte sich der Biologe aus der von ihm als rigid empfundenen Wissenschaftsblase hinaus und in die zeitgenössische Kunstströmung des Surrealismus hinein. Künstlerische Filme, in welchen er als Schauspieler mitwirkt, zeigen im Fotomuseum die Vielseitigkeit seiner Interessen. Umgeben von illustren Freunden aus der Avantgarde-Szene nimmt Jean Painlevé subtil auch politisch Stellung, wenn er den Blick durch das wissenschaftliche Mikroskop für die breite Masse der Kinobesucher:innen zugänglich macht: Vom Grossen ins Kleine mit einer Makro-Linse gefilmt, ändern sich die Dimensionen der Wesen, die als abstrakte und poetische Figuren eines fantastischen Realismus erscheinen. Mit den zarten Formen von Seesternen und Seepferdchen gelang es Painlevé, die Menschen auf das Schöne und Poetische in der Natur aufmerksam zu machen. 

Bis 
12.02.2023

→ Fotomuseum, bis 12.2.; Online-Podiumsdiskussion ‹Networked Animal Media›: 18.1; Rundgang und Gespräch mit Rrreefs, 28.1. ↗ www.fotomuseum.ch

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Jean Painlevé 29.10.202212.02.2023 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Johanna Encrantz
Künstler/innen
Jean Painlevé

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