Renverser ses yeux

Luigi Ontani · Montovolo, 1969, Super-8-Film, s/w, 4’57’’, GAM Torino, Courtesy Fondazione Torino Musei. Foto: Studio Fotografico Gonella

Luigi Ontani · Montovolo, 1969, Super-8-Film, s/w, 4’57’’, GAM Torino, Courtesy Fondazione Torino Musei. Foto: Studio Fotografico Gonella

Luigi Ontani · Svolgere la propria pelle, 1970, (Detail), 607 seleniumvirierte Fotoabzüge, s/w, Barytpapier auf 18 Tafeln, je 53,5 x 73,5 cm © ProLitteris. Foto: Archivio Penone

Luigi Ontani · Svolgere la propria pelle, 1970, (Detail), 607 seleniumvirierte Fotoabzüge, s/w, Barytpapier auf 18 Tafeln, je 53,5 x 73,5 cm © ProLitteris. Foto: Archivio Penone

Hinweis

Renverser ses yeux

Paris — Die Arte Povera, unter deren Namen Germano Celant 1967 eine Handvoll Künstler wegen ihrer spärlichen Materialien als italienische Antwort auf die Pop-Art vereinte, ist nichts mehr für Arme: Für € 140’000 schlug dieses Frühjahr Christie’s in Italien eine grosse Grafit-Arbeit von Giuseppe Penone von 2006 zu. Provoziert seine Kunst noch keine Sensationspreise am Sekundärmarkt, so erfreuen sich seine Zeichnungen jüngst grossen Zuspruchs. Dank grosszügiger Schenkung zeigt das Centre Pompidou Paris derzeit 241 davon, darunter einen Hand-Abdruck Penones. Wie ein Echo darauf wirkt ‹Überprüfung 7, eine entwickelte Hand, eine fixierte›. Ugo Mulas, vor allem als Kunst- und Ausstellungsfotograf bekannt, widmete 1972 den auf Aluminium kaschierten Silbergelatinedruck Sir John Frederick William Herschel, Namensgeber für Begriffe wie «Fotografie«, «Negativ» und «Positiv».
Dem Verschwinden und bildnerischer Verdoppelung wenden sich das Jeu de Paume in den Tuilerien und Le Bal im Norden der Stadt mit ‹Renverser ses yeux› zu. Zusammen mit der Mailänder Triennale entwickelt, wurden 49 Künstler:innen und über 250 Werke «um die Arte Povera» versammelt. Entlehnt wurde der Titel Giuseppe Penones Arbeit von 1970: ‹Rovesciare i propri occhi› – was sich noch radikaler als «die eigenen Augen umstülpen» oder sogar «umstürzen» übersetzen liesse. Zwei kleine Spiegel vor den Augäpfeln, spiegelte Penone, selbst geblendet, sein Gegenüber. Die Performance symbolisiert, was die Arte Povera am Lichtbild interessierte: Bezug zum Körper, Symbolkraft, Präsenz. In vier Kapiteln artikulieren die beiden Ausstellungen Körper, Erfahrung, Bild, Theater als Hauptachsen künstlerischer Medienkritik. Verdoppelungen tauchen häufig auf, wie Alighiero Boettis 1968 aufgenommene ‹Zwillinge›. ‹The Measuring of Time› nannte die weit über ihre Rolle in der Arte Povera hinaus wirkende Künstlerin Laura Grisi einen 16mm-Film, in dem sie rund 5 Minuten lang am Strand Sandkörner zählt. Ob Filmaufnahmen von Piero Manzoni, Bildmontagen von Mimmo Jodice oder Maskeraden von Luigi Ontani: Immer wird dem Verschwinden im Bild etwas entgegengesetzt. Politischer Einsatz in einem Umfeld, das bis heute Fotografie als spiegelgleiche Repräsentation des Wirklichen propagiert. Mit so viel Aktualität dürften Quentin Bajarc und Diane Dufour nicht gerechnet haben, als sie die umfangreiche Retrospektive planten. Nun macht der politische Rechtsruck im italienischen Stiefel die Wiederbegegnung mit Fotografien, Filmen, Videos der Arte Povera und deren Resonanzen tagesaktuell. 

Bis 
29.01.2023

→ Le Bal und Jeu de Paume, bis 29.1.; ab ­Frühjahr im Triennale Milano, mit Katalog ↗ www.jeudepaume.orgwww.le-bal.fr. ↗ www.triennale.org.
→ Zeichnungen Giuseppe Penones im Centre Pompidou, bis 6.3. ↗ www.centrepompidou.fr

Institutionen Land Ort
Jeu de Paume Frankreich Paris
La Triennale di Milano Italien Milano
Le Bal Frankreich Paris
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Renverser ses yeux 11.10.202229.01.2023 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Renverser ses yeux 11.10.202229.01.2023 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Künstler/innen
Luigi Ontani
Autor/innen
J. Emil Sennewald

Werbung