Roee Rosen — Das obszöne Gesetz der reinen Form

Roee Rosen · Kafka for Kids, 2022, Videostill. Foto: Goni Riskin

Roee Rosen · Kafka for Kids, 2022, Videostill. Foto: Goni Riskin

Roee Rosen · The Dust Channel, 2016, Videostill

Roee Rosen · The Dust Channel, 2016, Videostill

Besprechung

Der israelische Künstler Roee Rosen verführt uns im Kunstmuseum Luzern in eine abgründige Welt, in der nichts ist, wie es scheint, und die Bilder und Buchstaben uns ständig verraten. Selbst seine Identität löst sich in einem Spiel der Masken auf, sodass man am Ende fragt: Wer ist Roee Rosen?

Roee Rosen — Das obszöne Gesetz der reinen Form

Luzern — Der Ausstellungstitel ‹Kafka for Kids & Other Troubling Tales› deutet es bereits an: Aus dem grossem Œuvre von Roee Rosen (*1963) wählten Gastkurator Sergio Edelsztein und Fanni Fetzer, Direktorin am Kunstmuseum Luzern, Werke aus, in denen Erzählungen eine Hauptrolle spielen. Romane, Dramen, Historien, aber auch Märchen, Witze und Wahnvorstellungen im Medium von Gouache, Malerei, Schrift und Film. Diese Hybridisierung ist für den israelischen Künstler zentrales Gestaltungsprinzip. Die Verschmelzung von Realität und Fiktion enthüllt das Reale im Fiktiven und entlarvt das Fiktionale in der Realität. Nicht als postmodernes «L’art pour l’art», sondern mit politischer Pointe. Denn Ethik und Ästhetik sind für Rosen eins.
Seine Vorliebe für die «unreine» Form rührt auch von einem Misstrauen gegenüber Bildern. Wie Gott im 2. Gebot, «Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas», verbot auch Kafka Bilder seines Ungeziefers. ‹Kafka for Kids›, 2022, ist eine Nacherzählung von ‹Die Verwandlung› in Form einer Fernseh-Märchenstunde mit Animationen, für welche Rosens Gouachen als Vorlage dienten. Das Märchen verwandelt sich in den Monolog einer Juristin, die beschreibt, wie unterschiedlich israelische und palästinensische Kinder unter das israelische Gesetz fallen.
Das Thema der Putzfrau, die das unhygienische Ungeziefer entsorgt, taucht bereits im Film ‹Dust Channel›, 2016, auf, der an der documenta 14 in Kassel Premiere hatte. In der Operette mit russischem Libretto besingt ein Paar mit obsessivem Ordnungssinn den Staubsauger Dyson DC07. Die Wohnung ist eine Wunschmaschine, welche Lüste weckt und befriedigt, und spiegelt als System der Dinge die soziale Struktur und die Werte einer Gesellschaft. Draussen sehen wir ein reales Flüchtlingslager, welches das spektakuläre Innere von unerwünschten Personen «rein» hält.
Um den verfemten Teil geht es auch in den surrealistischen Blättern ‹The ­Stained Portfolio›, 1927/28, der fiktiven belgisch-jüdischen Malerin Justine Frank (1900–1943). Das obszöne Werk verneint – wie der Witz – das Gesetz, das es als ­Verdrängtes ­zugleich zur Kenntnis nimmt, denn es muss es bejahen, um bei der bewussten Überschreitung Lust daraus gewinnen zu können. Die Form des Obszönen verrät das ­Obszöne des Gesetzes. Franks ebenfalls erdachte Biografin Joanna Führer-Has’fari, von Rosen gemimt, bezichtigt in ‹Two Women and a Man›, 2005, Roee ­Rosen der Appropriation und des Plagiats. Am Ende stellt sich die Frage: Wer steckt hinter all den Masken? Wer ist Roee Rosen? Oder ist die Frage die Antwort? 

Bis 
05.02.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Roee Rosen 26.11.202205.02.2023 Ausstellung Luzern
Schweiz
CH
Autor/innen
Michel Rebosura
Künstler/innen
Roee Rosen

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