Sophie Taeuber-Arp / Mai-Thu Perret — Hörbare Strahlkraft

Mai-Thu Perret · Untitled (Different Ways), 2022 (links hinten); Elsi Giauque · Demoiselle, 1982, Privatbesitz Jeanne Graffe (vorne), Ausstellungsansicht Cabaret Voltaire, Zürich, 2022. Foto: Cedric Mussano

Mai-Thu Perret · Untitled (Different Ways), 2022 (links hinten); Elsi Giauque · Demoiselle, 1982, Privatbesitz Jeanne Graffe (vorne), Ausstellungsansicht Cabaret Voltaire, Zürich, 2022. Foto: Cedric Mussano

Besprechung

Gemeinsam mit der Künstlerin Mai-Thu Perret widmet das ­Cabaret Voltaire Sophie Taeuber-Arp eine intime, wohlkomponierte Hommage. Anlass sind die bisher unveröffentlichten Briefe der Dadaistin und Avantgardistin, die Ende 2021 mit einer Publikation des Nimbus-Verlags zugänglich wurden.

Sophie Taeuber-Arp / Mai-Thu Perret — Hörbare Strahlkraft

Zürich — Im kleinen, fensterlos überwölbten Ausstellungsraum des Cabaret Voltaire entfaltet sich derzeit ein ganzer Kosmos. Sein Zentrum ist der bodenständige Zauber von Sophie Taeuber-Arps Schaffen, das mit wenigen Werkbeispielen vergegenwärtigt wird: eine Glasperlenkette, eine Spitzendecke, eine Marionette aus ‹König Hirsch›, Druckgrafiken – alles einer stets erstaunlich anmutigen Geometrie verpflichtet. Die Persönlichkeit hinter der innovativen Vielfalt dieses Œuvres hat man bisher, so wird einem bewusst, tatsächlich mehr erahnt als «gekannt». Rund 1800 ihrer Briefe, erst jüngst erforscht und publiziert, machen nun die Stimme der Avantgardistin «hörbar».
Zur Präsentation von Kostproben aus dem Textkonvolut im Cabaret Voltaire hat die Genfer Künstlerin Mai-Thu Perret ausgewählte eigene Werke und eine grazile ‹Demoiselle› von Elsi Giauque, einst Schülerin von Taeuber-Arp, mitgebracht. Sie umgeben einen Gemälde-Paravent von Perret, auf den Kopien von Taeuber-Arps Briefen und Fotos appliziert sind. Perrets künstlerischer Bezug zur geometrischen Avantgarde und zu Taeuber-Arp, aber auch die allgemeine Wechselwirkung von Kunstgeschichte und Gegenwart spiegeln sich in diesem Arrangement. Was man dann in nicht immer bequemer Pose – gebückt, kauernd – in Taeuber-Arps Zeilen und ergänzenden Kommentaren liest, gibt Einblick in das avantgardistische Lebensgefühl zwischen zwei Weltkriegen, in das breite Netzwerk, das Taeuber-Arp in Zürich, Ascona, München und Clamart pflegte, und in die Lebensrealität einer selbstbewussten Künstlerin, die sich in einer männlich geprägten Domäne behauptete. Der Ausstellungstitel ‹Ich bin wüüüüüüüütend› etwa zitiert ihre Reaktion auf das Manifest ‹radikaler Künstler›, (ja, lediglich Männer), das diese kurzlebige Gruppierung aus dem dadaistischen Umfeld im Mai 1919 in der NZZ veröffentlichte. Reine Eitelkeit nennt Taeuber, die gerade zur Kur in Arosa weilt, die Aktion in einem Brief an ihren späteren Ehemann Hans Arp: «Es kommt nur auf die Arbeit an, diese Art zu manifestieren ist mehr als blöd.»
Die Selbstbehauptung über die Arbeit führt Mai-Thu Perret fort, wenn sie ein Übungsblatt von Taeuber-Arp aus deren Unterricht für textile Berufe in das männlich konnotierte Medium des Neons übersetzt und so die Strahlkraft der sorgfältig kleinformatigen Geste zum Ausdruck bringt. Das Surren der zugehörigen Transformatoren stimmt ein in den Grundtenor des Aufbruchs und der künstlerischen Kraft, der in dieser kleinen, feinen Ausstellung mitschwingt. 

Bis 
30.04.2023

→ ‹Ich bin wüüüüüüüütend – Sophie Taeuber-Arp / Mai-Thu Perret›, Cabaret Voltaire, bis 30.4.; ­Briefpublikation im Nimbus-Verlag ↗ www.cabaretvoltaire.ch

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