Daniel Zimmermann in der Galerie Wilma Lock

Daniel Zimmermann · Heiss Halten, 1998/99, Bleistift auf Papier 34,5 x 50,5 cm; Courtesy Wilma Lock, St. Gallen

Daniel Zimmermann · Heiss Halten, 1998/99, Bleistift auf Papier 34,5 x 50,5 cm; Courtesy Wilma Lock, St. Gallen

Besprechung

Der in Zürich lebende Künstler ist durch seine surreal anmutenden Objets trouvés bekannt geworden. In seiner letzten Ausstellung in der Galerie Wilma Lock 1994 deuteten Grafit-Glas-Bilder eine Hinwendung zur Zeichnung an. Jetzt führt Daniel Zimmermann seine Gegenstandsbefragung mit Bleistift und Papier fort.

Daniel Zimmermann in der Galerie Wilma Lock

Seit Andy Warhol Suppendosen und Brillo-Kartons auf Leinwand aufdruckte, hat der Gegenstand in der Kunst der zweiten Jahrhunderthälfte einen unerhörten Siegeszug gehalten. Die Ware ist das genuine Sujet des Stilllebens, eines heute gerne belächelten Genres, das jedoch die Produktionsverhältnisse scharf zu kritisieren vermag. Das hat schon Duchamp gereizt, als er seinen Flaschentrockner auf einen Sockel stellte. Es motiviert, neben vielen anderen, auch Daniel Zimmermann zu einer Gegenstandsbefragung, die, anders als bei manchen anderen, immer den Zweifel an der Befragbarkeit und die Skepsis gegenüber der Darstellung mitzeigt.

Das hat dazu geführt, dass Zimmermann vor ein paar Jahren damit aufhörte, Fundstücke auf einen kritisch-absurden Punkt zuzuspitzen. «Je mehr sie überall gebraucht werden, desto mehr versagen die Objekte als nacktes Material», begründet er im Rückblick den Wechsel zur Zeichnung. Wahrten die Grafitstaubbilder hinter Glas vor ein paar Jahren noch eine Nähe zum Objekt, so hat er inzwischen, zumindest vorläufig, den Wechsel zur Zeichnung ganz vollzogen.

Die Arbeiten, welche er in St.Gallen zeigt, setzen seine Objektbefragung fort, wer will, kann sie als «objets trouvés dessinés» bezeichnen. Die Sujets sind wie bisher banalste Fundstücke aus dem Alltag, die eher zufällig aufs Blatt gefunden haben: Aluminiumfolie, Augentropfen, eine leere Schachtel, eine Discokugel mit Karton oder, monumental und ein Meisterwerk, ein Schlafsack, fast alles im Verhältnis eins zu eins.

Die Zeit ist da auch im Mittel ihrer Verheimlichung unerbittlich gegenwärtig. Die Alufolie beispielsweise, die frisch halten soll – «heiss halten» heisst die Serie –, wird als unversehrte Rolle gezeigt, von der ein Stück abgerollt und zerknautscht ist. Der vordere Rest ist ohnehin bereits in den Müll gewandert. Man liest das wie eine asiatische Bildrolle von links nach rechts als Geschehen, das dann jedoch abbricht, versackt und den Blick zurückwirft auf die Knitterungen, die so perfekt wiedergegeben sind, als wollte der Künstler seine handwerkliche Meisterschaft dazu nutzen, Zeit aufzuhalten und in der kurzen Zeitstille eine Welt aufzuschliessen. Denn je länger man schaut, desto mehr Magie gewinnen die Blätter, desto mehr werden sie gleissendes Licht, Geometrie, Landschaft, ein meditatives Anderssein des Immergleichen.Und ganz nebenbei gerät unsere Dinggewissheit ins Rutschen. Denn während Künstler und Animateure über jeden Trick jubilieren, der die Bilder der Virtual reality noch «wirklicher» erscheinen lässt, deuten Zimmermanns perfekte Trompe l’œils an, dass das im Prinzip nichts anderes ist, als was Zeichner schon immer taten: Pigmentpunkte auf eine Fläche setzen. Die Maus ersetzt da lediglich den Bleistift.


Bis 
30.10.1999
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Zim Daniel Zimmermann 04.09.199931.10.1999 Ausstellung
Autor/innen
Gerhard Mack
Künstler/innen
Zim Daniel Zimmermann

Werbung