Jos Näpflin im Nidwaldner Museum

Jos Näpflin · Systemoid, 1995, 14 Handlampen, Kabel, Holz, Transformer, 70 x 200 x 260 cm; Courtesy Nidwaldner Museum, Stans

Jos Näpflin · Systemoid, 1995, 14 Handlampen, Kabel, Holz, Transformer, 70 x 200 x 260 cm; Courtesy Nidwaldner Museum, Stans

Besprechung

Das Werk von Jos Näpflin (*1950, lebt in Zürich) erscheint als ein labyrinthisches Feld. Seine Grösse ist wohl überschaubar, und als gesonderte sind seine Teile zu erfassen. Dennoch ist die Gesamtstruktur undurchsichtig, da die einzelnen Teile sich wieder gegenseitig erhellen noch einer einheitlichen künstlerischen These unterstellen. Vielmehr führen sie zu immer feineren Differenzierungen und damit zu immer grösseren Komplikationen. Nicht Bewältigung ist ihr Angebot, nicht Lösung ihr Anspruch, sondern die bis zum Äussersten gesteigerte Problemstellung. Jos Näpflin führt verschiedene künstlerische Strategien und Werkcharaktere zu einem komplexen Geflecht zusammen. Das Folgende ist ein Ariadnefaden.

Jos Näpflin im Nidwaldner Museum

Das Werk «Systemoid», 1995, besteht aus 14 auf dem Boden liegenden Handlampen, deren Lichtkegel an der Wand ein Wort in Blindenschrift bilden. Der Blinde, der Schrift kundig, kann das Wort nicht lesen, weil die Lichtpunkte nicht ertastet werden können, und der Sehende wiederum, obschon er sie als Zeichen erkennt, kann sie nicht deuten, da er das Notationssystem nicht beherrscht. So nimmt das Werk gleichzeitig an zwei Sprachräumen teil, doch in beiden Sphären zeichnet es sich durch Mangel an Kommunikabilität aus. Obwohl offensichtlich mit dem Wortsprachlichen verknüpft, suspendiert es Repräsentation, Bezeichnung und Bedeutung. An ihrer Stelle hält es die Wahrnehmung offen für die elementare, «leere» Erscheinung.

Repräsentation und unterschiedliche Sprachsysteme sind Aspekte, die in Näpflins Wandarbeiten aus Klebefolie eine weitere Drehung erfahren, so etwa in der Arbeit «85, Cocoa (Two bows, after the fleshes went by)», 1997. Ausgangspunkt dieser Arbeit bildet eine mit dünnflüssiger Farbe gemalte Zeichnung auf einer über Wand und Boden sich erstreckenden Papierbahn. Diese farbtriefende Zeichnung wurde fotografiert, ihre fotografische Repräsentation mit dem Scanner eingelesen, im Computer bearbeitet und schliesslich als einfarbige Klebefolie ausgeschnitten. Die Übertragung des Gemäldes mittels «neuer Technologie» in Klebefolie transformiert und unterdrückt gewisse Daten. Sie unterdrückt das Material der Malerei und dessen Effekte, unterdrückt also das, was in der Sprachmaterie eingeschrieben ist und der Zeichenbedeutung als Bedingung vorausgeht: Sie unterdrückt das fundamentale Ereignis des Hier und Jetzt. Die «Umkehr» an Information meint jedoch nicht nur Verlust, sondern auch Gewinn, die sich beispielhaft an einem kleinen Detail, an einer scheinbaren Nebensächlichkeit, dem Glanz, aufzeigen lassen. Die Lichtreflexe auf der ursprünglichen, nassen Farboberfläche sind das, was ihr wohl Kontur verleiht, selber aber keine Aufmerksamkeit erheischt. Der Reflex lässt sehen, ohne dass er selber wahrgenommen wird. In der fototechnischen und digitalen Übertragung in das grafische Medium der Folie nun wird der Reflex selber als formbestimmendes Element ins Sichtbare gerückt. Er wird zum Loch in der Materie, zum Fleck im Sehfeld.

Ironie, Simulation und Imitation mögen Kategorien sein, um ein Werk wie «Loser Boden», 1999, zu fassen. Ob es damit auch in interessanter Weise zu greifen ist, ist ein anderes. Das Werk besteht aus acht in Karton und Klebefolie übertragenen Holzbalken, die an die Wand angelehnt sind und deren sieben Teile mittels zweier Plastikrohre miteinander verbunden sind. Da in dieser materiell schlichten und formal reduzierten Arbeit «nichts geschieht» als die Übertragung, ist man geneigt, die Übertragung selber als Metapher zu lesen. Dennoch ist sie weniger Metapher als vielmehr Instrument für die Erfahrung, dass jede Übersetzung das Ergriffenwerden, die Erschütterung verunmöglicht. Wir wissen um den Antagonismus: dass nur dasjenige existiert, was in einen Code übersetzbar ist (im Zeitalter der «neuen Technologien» existiert nur das, was in diese übertragen werden kann), dass aber die Übersetzung die Empfänglichkeit für die Präsenz verhindert. Doch was aus der Fassung zu bringen vermag, ist unvermittelte Materie, Raum und Zeit.

Die Arbeit «Lache», eine über den Gehsteig langsam ausfliessende Wasserlache im Kunsthof Zürich von 1997 (vgl. Kunst-Bulletin 7/8, 1997), machte deutlich, dass diese Übertragung bereits im Vorgang der Wahrnehmung selber, also im Erkenntnisprozess angesiedelt ist. Das Werk lässt erfahren, wie Wahrnehmung ein immer schon vermitteltes, ein an Kategorien sich orientierendes Sehen ist. Ein Kunstwerk wie «Lache», so es nichtbegriffliche Kommunikation ist, erschüttert die Begriffswelt, indem es sich von ihr freihält und als vielschichtiges Sinnenereignis exponiert. Daher hat kein Werk im öffentlichen Raum des Kunsthofs Zürich derart heftige Entrüstung hervorgerufen wie die «Lache». Sie ist von Passanten wie von Kennern – in pragmatischer wie in theoretischer Hinsicht – als «katastrophisches» Geschehnis erlebt und gedeutet worden.

In der derzeitigen Ausstellung im Nidwaldner Museum in Stans zeigt Jos Näpflin auch Fotografien und die Installation «Home is wherever my friends are», 1999. Das letztere Werk, ein begehbares, vielmehr untergehbares Objekt, das mehrere räumliche Situationen definiert, integriert je eine Videoarbeit von Sabina Baumann, Zilla Leutenegger, Stefan Pente, Vittorio Santoro, Daniel Schibli, Christoph Schreiber, Hildegard Spielhofer und Markus Wetzel. Auch diese Installation dramatisiert den Aspekt der Empfänglichkeit. Denn die Empfänglichkeit droht durch die ihr gegenläufige Aktivität, in welche Besucher und Besucherinnen involviert sind, aufgehoben zu werden. Der Einbezug schliesslich von Arbeiten anderer Künstler und Künstlerinnen manifestiert Näpflins Begriff des Kunstwerks: Es ist Moment eines offenen, systemähnlichen Gebildes – der Künstler nennt viele seiner Arbeiten «Systemoide» –, ein Ort und Zeitpunkt in einem unendlich vielfältigen und veränderlichen Bezugsnetz. Katalog mit Texten von Ulrich Gerster und Daniel Kurjakovic.

 

Bis 
09.10.1999
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Jos Näpflin 05.09.199910.10.1999 Ausstellung
Künstler/innen
Jos Näpflin
Autor/innen
Christoph Schenker

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