Weltuntergang & Prinzip Hoffnung im Kunsthaus

Victor Hugo · Fracta, sed invicta (Gescheitert doch unbesiegt), 1866. Tinte, Tusche, Kohle auf Velinpapier, 22,5 x 29 cm. (Gemalt im Exil)

Victor Hugo · Fracta, sed invicta (Gescheitert doch unbesiegt), 1866. Tinte, Tusche, Kohle auf Velinpapier, 22,5 x 29 cm. (Gemalt im Exil)

Besprechung

Alles kann anders sein: Das Jahresprogramm des Zürcher Kunsthauses, eher lauwarm zur Kenntnis genommen, entpuppt sich plötzlich als eine hervorragend überlegte thematische Einheit zur Zeitwende mit Rück- und Ausblicken. Nach der «Russischen Avantgarde» und den «Richtkräften für das 21. Jahrhundert» folgt jetzt «Weltuntergang & Prinzip Hoffnung», eine Harry Szeemann Produktion, von dem Schriftsteller Ernst Halter angeregt.

Weltuntergang & Prinzip Hoffnung im Kunsthaus

Bereits 16 Jahre am Kunsthaus als «permanenter freier Mitarbeiter» tätig, bucht der VIP der Ausstellungsmacher – fast schon eine Routine – einen weiteren Erfolg. Die Schau, ein Ritt über Jahrhunderte von den Wikingern über Dürer bis zu Thomas Hirschhorn und Jason Rhoades, trägt alle Merkmale von Szeemanns probater Regie. Der Romantiker, deutlich bei der eigenen Postklassik angelangt, orientiert sich multimedial und multikulturell. Er liebt alineare Vergleiche und anarcho-chaotische Vernetzungen einer Zufallsdialektik, hasst rechte Winkel und vorgegebene Ordnungen und verspricht sich mehr von Randzonen als von zentralen Figuren. Auch bei unterschiedlichen Ausstellungsthemen arbeitet er gerne mit Stammakteuren, Henry Dunant, Victor Hugo, Richard Wagner und Adolf Wölfli gehören dazu. Eigentlich handelt er stets wie ein verhinderter Künstler, indem er Werke der anderen für eigene freie Kompositionen benützt. Als Theatermann hat er einst seine Karriere begonnen – das Inszenieren von kunstgeschichtlichen Metaphern in einem Mix aus Profanem und Sakralem gehört zu seiner Spezialität.

Um Théodore Géricaults «Floss der Medusa», in Kopie ausgestellt, entfesselt sich das Spektakel des Weltuntergangs wie ein spätbarocker Kostümball mit viel Purpurrot und Schwefelgelb. Abgesehen von zwei ruhigen, approximativ chronologisch aufgefassten Studienräumen des Grafischen Kabinetts windet sich der Parcour um dreizehn labyrinthisch eingebaute Kabäuschen mit verschiedensten Krisen- und Katastrophenherden: Bruce Nauman ruft in der bekannten Videoinstallation die Soziologie und Anthropologie zu Hilfe, der Schwede Magnus Wallin lässt im Film «Exit» halbgelähmte Mutanten ums Leben rennen, und die Manieristen mimen Fegefeuer und Hölle in allen Scheusslichkeiten. Den Weg zwischen Unglück, Angst und Pein markiert Thomas Hirschhorns zweiteilige Paravent-Installation wie ein Beichtspiegel zur gottfernen Zeit. In die ganze Accrochage des Unheils integriert Szeemann als «Recycling-Stücke» Werke aus der hauseigenen Sammlung. «Prinzip Hoffnung» bleibt bloss ein Anhängsel – «Eva & Adele» mit 160 rosaroten flimmernden «Futuring»-Tafeln können die Zukunft wohl kaum retten. Umso stärker behaupten sich in einem warmdunklen Schlussraum Beuys’ von der letzten Ausstellung übernommene, neu arrangierte «Olivestones». Man könnte meinen, dass der grosse Inszenator die ganze Untergangsübung nur dieses geheimnisvollen Gral-Tempels wegen unternommen hätte.

Gleichzeitig mit der Ausstellung ist die Publikation der Weltuntergang-Initianten Ernst Halter und Martin Müller im Offizin Verlag erschienen. Merkwürdigerweise hat in diesem allgemein kulturellen Lesebuch keiner eine kunstgeschichtliche Analyse des Themas gewagt. Zum Glück schliesst wenigstens teilweise ein Essay von Sylvie Wuhrmann diese Lücke in einem Begleitheft, in dem auch Michel Butor einen faszinierenden, Laurentia Leon gewidmeten Dichtertext als Premiere publiziert.


Bis 
06.11.1999
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Weltuntergang u. Prinzip Hoffnung 27.08.199907.11.1999 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Ludmila Vachtová

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