Inszenierte Lebensräume

Eva Leitolf; Foto: Josef Motzet

Eva Leitolf; Foto: Josef Motzet

o.T., 1999, aus: Ganz still und stumm (Naturstücke), C-Print, je 80 x 100 cm

o.T., 1999, aus: Ganz still und stumm (Naturstücke), C-Print, je 80 x 100 cm

Fokus

Die Münchner Fotografin Eva Leitolf hat sich während ihres Studiums kritisch mit dem Bildjournalismus auseinandergesetzt. Inzwischen ist sie dazu übergegangen, lineare Erzählstrukturen zugunsten einer assoziativen Annäherung aufzulösen. Den Fragen nach dem Realitätscharakter des Abbildes und des abgebildeten Objekts und seiner Konnotation geht sie mit geradezu wissenschaftlicher Gründlichkeit nach. Das Thema ihrer letzten Arbeiten ist eine Bestandsaufnahme von Lebensräumen.

Inszenierte Lebensräume

Zu den Forschungsobjekten von Eva Leitolf

Natürlich «Ganz still und stumm (Naturstücke)» ist der Titel einer Serie von Fotografien, an der Eva Leitolf seit 1997 kontinuierlich arbeitet. Die Bezeichnung «Naturstücke» gibt wieder, was die dargestellten Landschaftsausschnitte zu sein vorgeben: Natur. Mischwald, Regenwald, dazwischen auch einige Tiere, ein Schmetterling, ein Reh, ein roter Vogel oder blaugraue Muschelbänke. Naturaufnahmen, die bereits auf den ersten Blick seltsam unnatürlich wirken. Die Farben sind wie ausgebleicht, und die Herkunft des Lichts ist genauso unklar wie die einiger Schlagschatten. Ganz nah ist der Betrachter an den Dingen und trotzdem will sich ein Gefühl von Nähe nicht einstellen. Der Bildausschnitt scheint eher zufällig gewählt, nicht die spektakuläre Naturaufnahme wird hier geboten, das Interesse scheint eher «dokumentarischer» Art zu sein. Auf den zweiten Blick wird offensichtlich, dass es sich hier nicht um ein Abbild von Natur, also einer wirklich existierenden Landschaft handelt, sondern um die Abbildung von Rekonstruktionen: Diese «Naturstücke» stammen aus den Vitrinen und Dioramen von Heimat- und Naturkundemuseen, die aus Gründen der Didaktik die dargestellte Flora und Fauna auf das Wesentliche, also auf das für eine bestimmte Region Typische, reduziert haben. Dreidimensionale Stillleben, im Sinne der Definition von Kröners «Wörterbuch der Kunst»: «Die Darstellung von toten oder zum mindesten reglosen Dingen, die still für sich da sind und keinerlei mimische Beziehungen zueinander haben.»«Ganz still und stumm», ein Zitat aus dem bekannten deutschen Kinderlied, nimmt deutlich Bezug auf die kindliche Wahrnehmung von Natur und auf ihre zunehmende Gefährdung, denn der unschuldige Blick auf die Natur ist schon lange nicht mehr möglich. Das ironische Spiel mit Echtheit und Künstlichkeit beleuchtet auch unsere Vorstellung von Natur: den teils individuellen, teils kollektiven Fundus an Projektionen, unter anderem gespeist aus Bildern, Fotos, Filmen, dem Naturbegriff der Romantiker, Greenpeace und den grimmschen Märchen: «Der Wald im Märchen bietet Schutz vor Verfolgung, verheisst Freiheit von Konventionen, bricht Gesetze der Logik und stellt zugleich einen überaus dunklen, unwägbaren und bedrohlichen Raum dar.» (Eva Leitolf)

Indizien Spurensuche auf dem Bildschirm: flauschige Teppiche, sorgfältig gemachte Betten, Stofftiere, Postkarten und Einladungen an Pinnwänden, einige Bücher, halbleere Schubladen, ganz leere Kleiderschränke und immer wieder Hochzeitsfotos. Die von Eva Leitolf gefilmten und fotografierten, perfekt eingerichteten Häuser sind menschenleer, trotz aller Fundstücke, die scheinbar auf ihr Bewohntsein schliessen lassen. Auf einem anderen Bildschirm der Perspektivenwechsel von der Innen- zur Aussensicht: reihenweise Hausfassaden, solide Mittelklassehäuser mit davor geparkten Autos. Aus dem Off hört man Ausschnitte verschiedener – der Verdacht drängt sich auf – amerikanischer Fernsehserien, wie sie im Vorabendprogramm gezeigt werden, Tonspuren, die zu einem absurden Dialog montiert wurden: –  «Ich nehme ein Bad.»–  «Ich will Kinder!» –  «Bringst Du mir ein Bier?»–  «Ich habe heute das Frühstück weggeräumt.»–  «Ich weiss, es ist schwer, ein Teenager zu sein.»Mehrere Monate verbrachte Eva Leitolf in Valencia/Kalifornien, einer Stadt, die aufgrund des nicht enden wollenden Wachstums der Metropole Los Angeles von Maklern und Baufirmen in den letzten Jahren als attraktiver, weil sicherer Mittelklasse-Vorort entdeckt wurde. In der trockenen, wüstenartigen Landschaft, die bis vor kurzem noch als unbewohnbar galt, entstanden vor allem ausgedehnte Siedlungen von Einfamilienhäusern, die jeweils einen bestimmten Typus variieren und als Model Homes komplett eingerichtet, aber unbewohnt für Kaufinteressenten zu besichtigen sind. Eva Leitolfs Installation «Home Town/Model Home» wurde 1999 in drei Containern auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne in Münster gezeigt – im Rahmen des Projekts «Modell-Wirklichkeit», kuratiert vom Interdisziplinären Büro Münster – und lieferte damit einen ironischen Kommentar zu den dort laufenden Bauplanungen für neue Wohneinheiten.Living Room, Dining Room, Master Bedroom, 3-Car-Garage – wie ein ins Unendliche zu erweiterndes, geometrisches Dekor fügte Eva Leitolf unzählige Grundrisse von Einfamilienhäusern zu einem gigantischen «Grundriss» zusammen, der mit einem auf gleiche Weise hergestellten «Stadtplan», einer Collage aus Strassenzügen der neugestalteten Viertel, korrespondierte. Neben den Videos zeigten kleinformatige Fotos, die zu Gruppen arrangiert direkt an die Wand gepinnt waren, Details aus den besichtigten Häusern. Die dort mit Bedacht angeordneten «Requisiten» vermittelten einen ganzen Katalog an Werten: Wohlstand, Solidität, Tradition, geordnete (Familien) Verhältnisse, soziale Integration, Bildung und Geschmack. «Home Town/Model Home» lässt sich auch als Bestandsaufnahme im Dienste einer «social history» verstehen: Wie wird «home» definiert und wie sieht es aus und wie wird entsprechend «Individualität» definiert, wenn es der – von Marktforschern untersuchten – Ästhetik amerikanischer Upper-Middle-Class Bewohner entspricht? «Ortsspezifisch arbeiten heisst nicht mehr (wie in den Sechzigern und Siebzigern), dem besonderen Ort Rechnung zu tragen, sondern aus ihm einen anderen zu machen, der seine Lage besser beschreibt.»1 Die Lage, wie Eva Leitolf sie beschreibt, ist, das zeigt das Beispiel in Münster, eine universelle. Die Arbeit nimmt zwar Bezug auf sehr amerikanische Gegebenheiten, macht aber gleichzeitig eine Aussage über die (westlichen) Länder, die dem amerikanischen «way of life» folgen.

Menschenleer In einer frühen Serie von 1989 zeigte Eva Leitolf junge Frauen und Männer, die sich – den Codes der jeweiligen Subkultur entsprechend – zum Ausgehen bereit machen. Auch hier wurde die Suche nach Identität und ihre Inszenierung thematisiert. Mittlerweile sind die Menschen aus den Arbeiten von Eva Leitolf verschwunden. Walter Benjamin schrieb über Eugène Atgets Fotografien von Pariser Strassenszenen um neunzehnhundert: «Auch der Tatort ist menschenleer. Seine Aufnahme erfolgt der Indizien wegen. Die fotografischen Aufnahmen beginnnen bei Atget, Beweisstücke im historischen Prozess zu werden.»2 Was bleibt, ist die Suche nach den Indizien.1 Isabelle Graw, Silberblick, Texte zu Kunst und Politik, Berlin, 1999. 2 Aus: Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt, 1977, S. 21.


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