Katharina Grosse im Kunsthaus Aarau und in der Galerie Mark Müller

Katharina Grosse · o.T., 2000, Acryl auf Wand, 528 x 1245 x 1566 cm; Foto: Michael Fontana, Courtesy Mark Müller

Katharina Grosse · o.T., 2000, Acryl auf Wand, 528 x 1245 x 1566 cm; Foto: Michael Fontana, Courtesy Mark Müller

Besprechung

Die folgenreiche Überlegung, dass das Medium die Botschaft sei, entstand aus Marshall McLuhans Rezeption des Kubismus. Die Malerin Katharina Grosse (*1961, lebt in Düsseldorf und Berlin) nimmt diesen Faden auf und stellt durch Verfahren «dezidierter Mehransichtigkeit» (Grosse) Malerei mitten indie avancierte Medientheorie.

Katharina Grosse im Kunsthaus Aarau und in der Galerie Mark Müller

Katharina Grosse nutzt die traditionellen Träger wie Papier, Aluminium, Raumwand und setzt den Konflikt zwischen bedingter und unbedingter, kontextbezogener und autonomer Kunst dramatisch ins Szene. Sie intensiviert die Eigengesetzlichkeit der Farbe und zeigt Malerei als das, was sie ist (Anstrich) und als das, wie sie ist (Wirkung und Schein). Der Ort der Malerei ist mit dem Ort des Bildes (als Idee und sinnliches Ereignis) nicht identisch. Doch dekonstruktive und analytische Überlegungen sind lediglich Grundlage, nicht die Eigenart dieser bildproduktiven Malerei.«Inversion», 1998, ihre erste Wandarbeit mit der Spraydose in der Kunsthalle Bern, machte wechselseitige Bedingtheiten deutlich. Grosse ignorierte souverän den architektonischen Raum und nahm Missverständnisse beim Publikum in Kauf, das den Raumbezug einer Wandarbeit als selbstverständlich vorraussetzt. Raumbezogen war die über Eck gesprayte Farbwolke nur in dem Moment, da der Ausstellungsbesucher des Projektraums auf der Schwelle stand. Da hatte er das Bild wie ein Farbrausch im Blick. Ging er in den Raum hinein, sah es aus, als wäre die Arbeit plötzlich und unvermittelt abgebrochen worden. Das Nonfinito einer verjagten Sprayerin. Im Raum war vor allem der Anstrich als solcher und das mögliche Drama zu sehen und das Bild zugunsten eines erratischen Farbflecks verschwunden. Es fehlte der Rahmen als Trennkante. Ging der Besucher auf die Farbe zu und stellte sich nah davor, war er von einem dunklen Farbraum aus naturfernem Grün umgeben, das als Nachbild weiterwirkte. Die Metamorphose der farblichen Tatsachen ist von einem Schauenden abhängig. Darin liegt Grosses dialogisches Prinzip. Sie rechnet mit Betrachtern in Bewegung und kehrt die Innovationen des Kubismus um. Was dieser in das Bild verlagerte, vertraut sie dem mobilen Blick des Betrachters an. Mehransichtigkeit ist nicht im Objekt gegeben; sie entsteht durch wechselnde Stand – und Blickpunkte. Im Kunsthaus sprayte sie im Foyer die zwei offenen Schenkel der rechtwinklig aufeinanderstossenden Wände, in deren Mitte sich eine dominante Treppe in das Unter- und Obergeschoss schraubt. Die Vertikalität der tiefgrauen Treppe hat ein schneidendes Kontra in der leuchtend roten Horizontalen. Malerei erscheint als Konfrontation, nicht als Harmonisierung. Liest man ihre bisherigen Interpreten, so wird Grosse in einem Atemzug mit Rubens, Delacroix, Newman in der Geschichte verankert. Es empfiehlt sich, den Blick zu wenden. Sie arbeitet an etwas, das grösser ist als sie selbst. Den erträumten Alternativen zu einer einzigen Welt, setzt sie die Vielheit wirklicher Welten entgegen. Sie erscheinen dem erregbaren, wachen, beweglichen Betrachter wie die Zukunft der Malerei mit ihren essentiellen Eigenschaften ruhig und explosiv. Katharina Grosse gehört zu den vier Finalisten für den «Preis der Nationalgalerie für junge Kunst». Aarau bis 19.11.


Bis 
13.10.2000

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