Projekt Fassade in der Secession

Joseph Kosuth · 2000, Projekt Fassade, Secession Wien

Joseph Kosuth · 2000, Projekt Fassade, Secession Wien

Besprechung

Mit dem fortlaufenden «Projekt Fassade» bezieht auch die Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession kritisch Stellung zur gegenwärtigen politischen Situation in Österreich – eine der wenigen, auch durch staatliche Zuwendungen geförderten Institutionen Wiens, die mit künstlerischen Mitteln nachhaltig ihr Nichteinvernehmen mit der neuen Regierung zum Ausdruck bringt.

Projekt Fassade in der Secession

Die Entscheidung, die Gebäudefront der tagtäglich von Touristen hundertfach fotografierten Architektur für die Darstellung politischer Inhalte aufzureissen, zeigt nicht nur das grundsätzliche Interesse internationaler Künstler und Künstlerinnen, öffentlichen Raum für politische Inhalte zu beanspruchen und zu besetzen. Sie zeigt auch die Bereitschaft, künstlerische Mittel immer wieder neu zu überdenken und in politisch provozierenden Zeiten die eigene Arbeit in einen manifestativen Rahmen zu rücken. Klug ist die Entscheidung der Künstlervereinigung, den Aussenraum der Secession zu nutzen, die für dieses Jahr bereits geplante Ausstellungsprogrammatik des Hauses aber unberührt zu lassen – der aufmerksame Besucher muss sich mit dem Eintreten in das Gebäude bereits klargemacht haben, dass er sich im White Cube dennoch nicht in einem kontextfreien Raum bewegt.Beinahe alle der bisher eingeladenen Künstler und Künstlerinnen haben für das «Projekt Fassade» sehr plakative Ideen entwickelt. Kaum ein Künstler/eine Künstlerin enthielt sich dabei der Sprache: So zitierte Dorit Margreiter aus dem Forderungskatalog der losen Widerstandsgruppe gettoattack «Rücktritt der Regierung als Voraussetzung für eine antirassistische Politik», Joseph Kosuth griff auf einen Ausspruch des griechischen Erzählers Äsops zurück – «Jede Entschuldigung hilft dem Tyrannen» –, um die Verlogenheit der Schlichtungabsichten der Freiheitlichen Partei vorzuführen, Louise Bourgeois appellierte mit einem einfachen «No» daran, Formen des Protestes zu entwickeln. Franz West und in direkter Folge John Baldessari reagierten mit ihren Arbeiten zwar ebenfalls proklamatorisch, sie waren jedoch nicht mehr so leicht dechiffrierbar. West liess seinen typischen Wortwitz walten und verwandelte den traditionellen Leitsatz der Secession «Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit» mit einem einfachen Kniff in «Der Kunst ihre Freiheitliche, der Zeit ihre Kunst». Baldessari war nicht weniger zynisch, indem er die berühmte populärkulturelle Figur des Smiley mit einem Hitlerbärtchen versah und lapidar «Smile...it’s nothing» daruntersetzte. Am interessantesten stellten sich bisher jedoch die Arbeiten von Markus Geiger und Peter Land dar. Indem er einen Ausschnitt aus seiner Videoarbeit «The Lake» zeigte, die im konventionellen Ausstellungszusammenhang vollkommen anders interpretiert werden würde, als im explizit politischen Rahmen des «Projekt Fassade», veranschaulichte Land die Kontextabhängigkeit künstlerischer Arbeiten. Mit einer kommentarlosen monochromen Fläche, dessen politische Botschaft für den unbedarft Vorbeiziehehnden nur schwer zu entschlüsseln ist, begab sich schliesslich Geiger in die Position des «Platzhalters»- bevor andere das Feld der zeitgenössischen Kunst besetzen, die möglicherweise systemkonform agieren.Gerade letzteres Beispiel macht das Dilemma deutlich, das dieses Projekt zwangsläufig mit sich bringt: Beinahe alle Arbeiten begleitete bislang eine gewisse Plakativität, die zwar «der Sache» dienen mochte, die Komplexität künstlerischer Auseinandersetzung jedoch weitgehend ausblenden musste. Es wird spannend zu sehen sein, wie das «Projekt Fassade» fortgeführt wird.


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