Harald F. Müller bei der Galerie Mai 36

Harald F. Müller · Russia 3, 1988–1992, Cibachrome auf Aluminiumkonstruktion, 230 x 234 x 18 cm

Harald F. Müller · Russia 3, 1988–1992, Cibachrome auf Aluminiumkonstruktion, 230 x 234 x 18 cm

Besprechung

Wer den Respekt vor der Weltliteratur verloren hat, kann ihn bei Harald F. Müller wiedererlangen. Monumentale Majuskeln verkünden in den Räumen der Galerie Mai 36 mit der unübersehbaren Wucht eines Firmenlogos einen Titel nach Maupassant.

Harald F. Müller bei der Galerie Mai 36

«Bel Ami» wie Maupassants Romantitel verheisst eine vier Meter lange Buchstabenfolge vor einer rot getünchten Wand im Hauptraum. Daneben finden sich zwei breitformatige Aluminiumtafeln mit vergrösserten schwarzweissen Architekturfotos. Gleich zweimal stehen in einem Nebenraum die hölzernen Buchstaben «I K O» vor einer grünen Fläche übereinander. Zwei weitere Skulpturen mit vergrösserten Farbfotoabzügen ergänzen die Buchstaben-Konstruktionen aus Holz und Stahl.Das Kolossale von Müllers Formaten ist zwar aus Pop-Art und Werbung vertraut. Umso befremdlicher sind die Werkstoffe, mit denen er eine nur auf den ersten Blick seriell und schablonenhaft wirkende Plastizität erzeugt: Lindenholz, notabene, und gehärteter Stahl für die Skulpturen in einem Formenrepertoire, das von Leuchtreklamen und Polyesterobjekten vertraut wirkt. Mit hellem Holz wird die Rückverwandlung von Plastikkultur in eine entlegen erscheinende organische Materialität vollzogen, die mit Schlagworten aus der Weltliteratur operiert. Bei «Bel Ami» sind die rotorangenen Buchstaben der Rückwandfarbe angeglichen. Wir lernen Harald F. Müllers Zeichenwelt in ihrer Eigengesetzlichkeit begreifen, in der die Buchstaben als erratische Findlinge einer verlorenen Sprache monumentaler Poesie verstanden werden wollen. In den Skulpturen verbirgt sich Rätselhaftes, sei es in den geheimnisvoll anonymen Fotografien, sei es in den Silben «IKO IKO». Da findet sich trotz den Anklängen an eine Wohnlabor-Ästhetik nichts mehr von der Gemütlichkeit einer Fotowand oder eines Holzmöbelprogramms. Mit einer poetischen Intervention ist das Alltägliche subversiv durchdrungen. Müllers Skulpturalität wirkt mit ihren vertrackten Referenzen an das Vertraute wunderbar glatt und doch sperrig: eine kaum zu fassende Fata Morgana, aber in manifester Plastizität. So hängen die fotografischen Arbeiten quasi schwerelos im Raum. Mit Holz bleibt Müller dem Erdverbundenen gewissermassen treu, um seine Konstruktionen dafür umso kühner über dem Boden schweben zu lassen. Eine Irritation, um die bereichert der Besucher die Galerie verlässt.


Bis 
05.10.2001
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Harald F. Müller 24.08.200106.10.2001 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Harald F. Müller
Autor/innen
Markus Vock

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