Lisa Schiess in der Galerie Serge Ziegler

Lisa Schiess · Medizinmann, mit Farbstift verändertes Pressebild/Foto auf Alu, 3. Aufl., 120 x 126 cm, Hinweise

Lisa Schiess · Medizinmann, mit Farbstift verändertes Pressebild/Foto auf Alu, 3. Aufl., 120 x 126 cm, Hinweise

Besprechung

Lisa Schiess, Expertin für Festgelage, Tuchobjekte und vielfältige Spielentwürfe, stellt in der Galerie Serge Ziegler einen ganzen Raum als Spielgrund vor. Rituale rund ums Geld werden verhandelt.

Lisa Schiess in der Galerie Serge Ziegler

Geld regiert die Welt und um an dieser Macht teilzuhaben, bedarf es differenzierter Kenntnisse der Finanzmärkte, deren wertbestimmendes Gremium die Börse ist. In Sekundenschnelle lassen ihre Bewegungen Reichtümer entstehen oder vergehen. Für Nichteingeweihte (und nicht nur für die) funktioniert ihr stürmischer oder ruhiger Verlauf so unvorhersehbar wie das Wetter. «Medizinmann» hat Lisa Schiess (*1947 in Kreuzlingen) die Börse genannt. Wie jener schaltet und waltet sie nach unerforschlichen Gesetzen. Ein kleines Zeitungsfoto, das die New Yorker stock-exchange darstellt, diente als Vorlage. Vergrössert und spiegelbildlich aneinandergefügt entstand eine zentrifugal auseinanderdriftende Bildfigur, in der man einen Medizinmann oder diverse andere symmetrische Gestalten erkennen kann. Die Macht des Geldes wird zu einer magischen Kraft stilisiert. Als geheimnisumwoben und nur Wenigen zugänglich stellen sich auch die inneren Abläufe des Börsengeschehens heraus. Eine (DVD-)Arbeit mit dem Titel «Green March» zeigt zwölf Handzeichen, welche von Brokern an der «Open-outcry»-Terminbörse gebraucht werden. Sie entsprechen den zwölf Monaten des Jahres. Man fühlt sich an Neros Tod oder Leben verheissenden Daumen oder auch an die Taubstummen-Sprache erinnert. Explizit wird ein Zeichensystem vorgeführt, allerdings vermögen wir es nicht zu entziffern. Begleitet wird dieser Broker-Code von einer anderen, gleichfalls unverständlichen Sprache. Nachtigall, Pirol und Kuckuck lassen penetrante Gesangsfetzen erklingen. Vögel singen zumeist nur um das Brutgeschehen herum, wenn sie die biologische Vermehrung praktizieren. Folglich werden hier zwei unterschiedliche Terminologien, die auf Zuwachs und Vermehrung ausgerichtet sind, kombiniert. Wie die Börse, das Casino für die Grossen, zum unerforschlichen Schicksal werden kann, ihr hoch codiertes System in Glück und Unglück mündet, so wird auch auf einer niedrigeren Stufe der Erwerb von Geld an Glück und Zufall gekoppelt. Sparschweine, neben diversen anderen Sparbüchsen auf einem Tisch zu «Die Sammlung» vereint, künden von dieser volkstümlicheren Variante. Zugleich aber lehren sie Verzicht und Enthaltsamkeit. Das ist die restriktivere Komponente, die sich verschärft auf sechs – als Würfelaufrollung gehängten – Leinwänden findet. «Wer kein Geld hat, fliegt raus», wird da verkündet. «Wer nicht denken will, fliegt raus», ist als Zitat von Joseph Beuys bekannt. Im neuen Jahrtausend, im Zuge der globalen Kapitalisierung, hat das Geld die Oberhand gewonnen und seine Rituale bestimmen, wer ein- und wer ausgeschlossen wird.


Bis 
19.10.2001
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Lisa Schiess 25.08.200120.10.2001 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Brita Polzer
Künstler/innen
Lisa Schiess

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