Mickry Drei in der Sammlung Hauser und Wirth

Mickry3 · Supermarkt, 1998–2002; Foto: Mancia Bodmer

Mickry3 · Supermarkt, 1998–2002; Foto: Mancia Bodmer

Besprechung

«Es muss im Leben doch mehr als alles geben», sagte sich einst die unzufriedene Jennie in der Geschichte Higgelti Piggelti Pop von Maurice Sendak und machte sich unversehens auf die beschwerliche Suche danach. Nina von Meiss, Christina Pfander und Dominique Vigne haben eine einfachere Lösung bereit: In ihrem M3-Supermarkt kann mehr als alles käuflich erworben werden.

Mickry Drei in der Sammlung Hauser und Wirth

Die Baby-Pille mit sofortiger Wirkung, fluoreszierende Sardinen für nächtlichen Essplausch, ein extra grosses Hirn, ein weiblicher Orgasmus, der Instant-Hund «made in Italy» oder einfach eine Packung Mut, nichts ist den drei jungen Frauen mit dem sperrigen Logo zu gegenstandslos oder zu ausgefallen, um nicht daraus ein Produkt zu kreieren. Karton Kleister und Klebeband genügen, um die Objekte der Begierde zu formulieren. «Es ist unser Ziel, Marktlücken zu füllen», preist sich der vor vier Jahren gegründete Kleinbetrieb «Mickry Drei» an und arbeitet seither Tag und Nacht an diesen Vorgaben.

Als Etablissement im Obergeschoss von «The House of Fiction» der Sammlung Hauser und Wirth hat sich der M3-Supermarkt mit seinen zwölf Abteilungen als orgiastische Welt der Berauschung ausgebreitet. Einkaufswägelchen, Sound und gemütliche Rauch- und Plauderecken stimulieren die Stimmung. Ambivalenzen folgen. Dem erfolgreichen Umsatz entsprechend ist die Artikelpalette gegenüber dem letztjährigen Supermarktereignis im Kunstraum Walcheturm in Zürich mit wundersamen Angeboten erweitert worden. Und die miteingeladenen Künstlerfreunde Mark Divo, FLX und Grrrr haben ihre Arbeit reissverschlusssatt ins höllische Kaufparadies integriert.

Moralmentalität ist den Mickry3-Frauen fern, sie zeigen einfach, was ist, hübsch, verspielt und dauerfrisch. Hat sich der Blick an die blinkende Welt der Oberflächenverführung gewöhnt, werden bittere Kommentare laut und die totale Befriedigung mutiert zum Horrortrip des Übersättigten. Geschmacklos sauber verpackt und sorgfältig beschriftet sind die M3-Produkte für den leiblichen Genuss ungeeignet. Der Kaufrausch macht Bauchweh, Begierden bleiben manipulierbar.

Der zeitraubende Herstellungsprozess der M3-Produkte parodiert in der Sprache digitaler Massenserien marktwirtschaftliche Kriterien und kommentiert das Bedürfnis nach «hand made» als Irrsinn des Überangebotes. Es entsteht eine Art Inversionslage von Überfluss und Nachfrage, die Sehnsüchte wachsen mit ihrer Befriedigung. Die trashige Imitation von Markenartikeln als Einzelstücke beweist, dass sich höchstens im Surrogat die begehrte Authentizität finden lässt.

Für den Fall, dass bei der grenzenlosen M3-Befriedigungsanlage doch ernsthaft selbst- oder gar gesellschaftskritische Gedanken geweckt würden, steht in der Help-Line-Abteilung Hossam Abdallaha zur Verfügung. Der volle Betrag kommt beim Kauf einer M3-Milch ungeschmälert dem Freund in Ägypten zu. Das Gewissen samt seiner Beruhigung ist längst käuflich. Nur fünf Prozent gehen an die Visionen für eine bessere Welt. Desillusionierend wenig!
Bis 13.10.

Autor/innen
Ursula Badrutt Schoch
Künstler/innen
Mickry3

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