Mai-Thu Perret in der Galerie Francesca Pia

Mai-Thu Perret · 9 sculptures of pure self-expression, male principle, 2003, Installationsansicht Galerie Francesca Pia Bern

Mai-Thu Perret · 9 sculptures of pure self-expression, male principle, 2003, Installationsansicht Galerie Francesca Pia Bern

Besprechung

Gesellschaftsutopien haben wenig Kredit heute. Sie gelten als ideologisch, ja autoritär und deshalb als passé. Da wird es interessant, wenn utopisches Denken nicht nur dem dekonstruktiven Seziermesser ausgesetzt wird, sondern wenn – ganz pragmatisch – wieder nach dessen Potenzial gefragt wird. Auch oder gerade weil dieses vielleicht, wie bei Mai-Thu Perret «nur» ein Teeservice, einen Kaninchenstall oder wie in der gegenwärtigen Ausstellung «Selbsterfahrungskeramiken» hervorbringt.

Mai-Thu Perret in der Galerie Francesca Pia

Die Frage nach dem Weshalb solcher Objekte drängt sich deshalb ganz besonders auf. Die Situation ist allerdings komplex. Mai-Thu Perret (*1976) arbeitet seit 1999 an einem Projekt, dem «New Penderosa Year Zero», einem fiktiven Szenario mit offener Struktur, in dessen Mittelpunkt eine autonome Kommune von Frauen in der Wüste von New Mexico steht. Die Künstlerin lässt aber die Bewohnerinnen als die eigentlichen Urheberinnen der Utopie erscheinen. Erst deren Tagebucheintragungen, Briefe und Träume erzeugen eine Art parallele – fiktive – Realität, aus der heraus die in den Ausstellungen gezeigten Gebrauchsgegenstände generiert werden. Das Projekt handelt deshalb nicht nur von gesellschaftlichen Utopien. Mit seinem Spiel um Fiktion und Realität zielt es genauso auf kunstimmanente Aspekte.

Autorschaft etwa wird multipliziert und fiktionalisiert, das Kunstobjekt wird in Frage gestellt. Denn der Status der produzierten und ausgestellten Gebrauchsgegenstände ist ambivalent: Handelt es sich um Kunst oder um «hypothetische Produkte» der Kommune, wie die Künstlerin sie auch nennt? Die schwarzglasierten Keramiken in der Ausstellung – gemäss Projektbeschrieb das Resultat eines Workshops zum Thema «pure selfexpression x25» – beschwören zwar Authentizität und Autonomie, legen diesen Anspruch in seiner ganzen Problematik aber zugleich offen. Die Suche nach Selbstbestimmung der Kommunardinnen produzierte, was auch sonst in Selbsterfahrungskursen entsteht: Pferdchen, Aktdarstellungen und abstrakte Gebilde.

Utopisches Denken als Impuls für – künstlerisches – Handeln heute? Mai-Thu Perret verfährt hier äusserst differenziert, indem sie durch Mehrfachspiegelungen und Brechungen sowie durch eine konzeptuelle Vorgehensweise das ästhetische wie künstlerische Potenzial utopischer Entwürfe analysiert und aktualisiert. Die scheinbar zusammenhanglos auftauchenden Objekte werden dabei zu Indizien eines work in progress. Für das Publikum sind sie Anlass, das persönliche Verhältnis zu gesellschaftlichen Utopien und Utopieverlust
in einem offenen Bezug dazu zu reflektieren.

Bis 
03.10.2003
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Milieu Schweiz Bern
Autor/innen
Elisabeth Gerber
Künstler/innen
Mai-Thu Perret

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