Annette Messager im Couvent des Cordeliers

Porträt von Annette Messager mit Katzenkopf, Foto: Marie Clérin, Paris (No. 12)

Porträt von Annette Messager mit Katzenkopf, Foto: Marie Clérin, Paris (No. 12)

Besprechung

Sie spielt gern mit Plüschtieren, wissen wir spätestens seit der grossen Installation auf der documenta 11. Weniger brachial als Mike Kelley forscht die Künstlerin mit ihren sehr ernsten Spielen in den Mythen ihrer Seele. Derzeit hält das Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris mit einer gelungenen Schau seine Stammkünstlerin «sous vent».

Annette Messager im Couvent des Cordeliers

Annette Messager versteht etwas von religiösen Räumen. In der Kulturhauptstadt Lille richtete sie dieses Jahr im Hospice Comtesse ein ebenso possierliches wie erschreckendes Szenario ein. Übergrosse, genähte Gliedmassen erinnerten an Schlachthaus und Transplantationsindustrie. An Fäden aufgehängt knallten sie, als gälte es, die makabre Meditation zu unterbrechen, in regelmässigen Abständen ohrenbetäubend zu Boden.

In Paris geht es ruhiger zu. Unter dem Titel «sous vent» hat die einundsechzigjährige Puppenspielerin einen Schleier über ihre Objekte gelegt. Mehrere Quadratmeter schwarzer Seide heben sich unter dem Wind von Ventilatoren im Halbdunkel des Couvent. «Die Geschichte des Ortes hat mir geholfen, meine Ideen zu entwickeln», sagt Messager, «ich wollte meine Gegenwart bedecken, indem ich die Geschichte bedecke.» Ihre Gegenwart: das sind Masken von Saddam und Bush, ein Skelett, eine genähte Puppe, eine stilisierte Badewanne, die an Marat erinnern soll, der, so betont sie, «von einer Frau ermordet wurde!». Ein Fingerzeig auf ihre Vergangenheit als feministische Künstlerin.

Damals, in den siebziger Jahren, fügte sie Fragmente weiblicher Identität zusammen, indem sie Stofffetzen vernähte. Die traditionell weibliche Handarbeit hat sie beibehalten. Der Feminismus steht jedoch, wie sie selbst einräumt, nicht mehr so im Vordergrund. 1974 wurde die «Sammlerin von Bildern und Identitäten» erstmals im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris gezeigt. Heute blickt sie auf eine grosse Zahl internationaler Einzelaustellungen zurück, im kommenden Jahr richtet sie den französischen Pavillon in Venedig ein.

Weniger Erzählerin als Bildhauerin gestaltet Messager den Raum und lässt um ihre Objekte herum das Symbolische, dessen mythische Ladung vibrieren. Auf der ganzen Länge des Couvent weht eine Skulptur aus luftigem Sinn. «Voile (Schleier, Segel) ist ein weibliches und ein männliches Wort. Es erinnert an das Meer, an Flüssiges. Das Segel aus Seide (soie) ist auch ein Schleier des Selbst (la voile de soi).» Messager spielt mit der Botschaft ihrer Materialien und scheut auch das Banale nicht, wenn sie mit dem Schleier die in Frankreich gerade vehement geführte Kopftuchdebatte andeutet. Dem unheimlichen Zauber ihrer Objekte tut das keinen Abbruch. Mit Katalog (F), 29 Euro.

Bis 
02.10.2004

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