Balthasar Burkhard im Kunstmuseum

Balthasar Burkhard · Rio Negro, 2002, Fotografie auf Barytpapier, 125 x 250 cm

Balthasar Burkhard · Rio Negro, 2002, Fotografie auf Barytpapier, 125 x 250 cm

Besprechung

«Omnia» - alles - verspricht die Werkschau Balthasar Burkhards im Kunstmuseum Bern. In der Tat ist die Würdigung des 1944 in Bern geborenen Fotografen eine ebenso üppige wie spannend gestaltete Schau.

Balthasar Burkhard im Kunstmuseum

Eine Übersicht über Burkhards bisheriges Schaffen bedeutet Bilderfülle, viel Bekanntes zudem. Dies verlangt nach einem Konzept, das Bekanntes neu inszeniert, Unbekanntes wirken lässt und die Flut der Eindrücke sinnvoll sortiert. Der Künstler selbst hat gemeinsam mit dem Museumsdirektor Matthias Frehner die Ausstellung inszeniert und setzt dabei auf eine dialogische Gestaltung. Die Schwarz-Weiss-Fotografien sind zu Gegensatzpaaren kombiniert: Stadt - Natur, Gegenwart - Vergangenheit. Spannend bleibt der Parcours durch zwölf Räume auch, weil Burkhard so klug war, unerwartete kleine Lockerungsübungen einzubauen. Im Japan-Raum gesellen sich einfarbige Farbtafeln zu den streng komponierten Tempelfotos.

In der Eingangshalle hängt ein liegender Akt von 1983 oberhalb einer Serie von Wolkenbildern aus dem Jahr 2003: Das Schwere liegt über dem Leichten, das Irdische schwebt über dem Himmlischen. Unwirklich oder eher überwirklich ist beides gleichermassen: Burkhardsche Symphonien aus Licht und Schatten. Vergangenheit und Gegenwart begegnen sich in den Chicagoer Bildern. Auf Leinwand gezogenen Interieurs, die der Filmbegeisterte 1977 arrangierte und fotografierte. Ein Restauranttisch, auf dem, zwischen leeren Gläsern und zerknüllten Servietten, ein vergessenes Bündel Banknoten liegt. Leicht als Szenenende eines Gangster- oder Spielerdramas denkbar. Kinoleidenschaft dokumentiert auch eine Schlangenlederbox mit Fotos, kleinen Filmen, mit der Burkhard sich bei Roman Polanski als Schauspieler bewerben wollte. Es kam nie dazu. Gemeinsam mit Frehner reiste Burkhard Anfang dieses Jahres noch einmal nach Chicago und fing eine nächtlich-dunkle, unbelebte Hochhaus-Szenerie ein. Wie die gestellten Interieurs entspringen auch die Aufnahmen der nächtlichen Metropole den Filmszenen im Kopf des Fotografen.

Burkhard dokumentiert nicht das Vorhandene. Er sucht mit der Kamera nach Motiven, die seinen Vorstellungen entsprechen. Er gestaltet Überhöhungen, Bigger-than-life-Effekte. Eine grandiose, perfektionistische Künstlichkeit prägt seine Bilder gerade dort, wo sie der Natur entnommen sind. Imposant die weitgestreckten Stadtlandschaften von Mexiko City und London, Paris. Imposant auch die Wüstenbilder mit den rasiermesserscharfen Schattenlinien auf den Dünenkämmen, die bizarren Baumgiganten am spiegelnd schwarzen Rio Negro, die Schlucht im Klöntal. Landschaften, so perfekt gewählt, so dramatisch in Licht und Schatten getaucht, wie sie das blosse Auge nie sehen könnte. Die Burkhardsche Technik, sein typischer Blick wird anhand einiger weniger bekannter Kleinformate gleichsam erläutert. Besonderer Blickfang hierbei die Schneckenbilder: weiche, bizarre, uferlose Formen, hochästhetisch und von leicht beunruhigender Erotik.

Bis 
23.10.2004
Künstler/innen
Balthasar Burkhard
Autor/innen
Alice Henkes

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