Die Suche nach der verlorenen Malerei

Sven Drühl (*1968) in Nassau, lebt und arbeitet in Berlin.

Sven Drühl (*1968) in Nassau, lebt und arbeitet in Berlin.

I.S., 2004, Öl, Lack und Silikon auf Leinwand, 200 x 180 cm, Courtesy galerie im park, Burgdorf

I.S., 2004, Öl, Lack und Silikon auf Leinwand, 200 x 180 cm, Courtesy galerie im park, Burgdorf

Fokus

Mit Transformationen von Gemälden der Kunstgeschichte thematisiert Sven Drühl seine persönliche Überwindung des oftmals heraufbeschworenen Endes der Malerei und festigt mit seinen Neons deren Stellung im Olymp der freien Künste. In der galerie im park in Burgdorf werden neuste Arbeiten präsentiert.

Die Suche nach der verlorenen Malerei

Sven Drühls Bilder und Neons

Sven Drühl gehört zu jenen Künstlern, die dem Medium Malerei konsequent misstrauen und gleichzeitig vollkommen fasziniert Stunden vor der Leinwand verbringen, gefesselt von der Wirkung eines Farbauftrages. Aus diesem scheinbaren Widerspruch heraus hat er eine Maltechnik entwickelt, die weitgehend ohne traditionelle Malerei auskommt. Seine Motive findet Drühl in der Malereigeschichte. Persönlichen Vorlieben folgend, benutzt er Gemälde von gefeierten Kunstgrössen wie Friedrich, Derain und Hodler, aber auch von weniger bekannten Künstlern wie Bürgers, Beda oder Schischkin. Zudem verarbeitet er aktuelle Positionen von Havekost bis Kürten. Ein Kopist ist an Sven Drühl jedoch nicht verloren gegangen, obwohl er ähnlich virtuos vorgeht. Seine Bilder haben mit den oben Genannten nicht viel gemeinsam, ausser vielleicht jene Stereotypien, die uns helfen, Ikonen der Kunstgeschichte als solche zu erkennen. Drühls Gemälde geben einen Hinweis darauf, was uns von einem Bild bleibt: Konturen und Strukturen.

Mit Silikon aus der Tube legt er die Umrisszeichnung des Bildes an. So entsteht eine mehr oder weniger präzise Vorzeichnung, welche die ursprünglichen Bilder auf ihre prägnantesten Motivteile verdichtet, etwa Berge oder Blumen bei Hodler, Eisschollen bei Friedrich und hohe Föhren bei Schischkin. Den Bildausschnitt wählt Drühl so, dass die Flächen emblematisch das Bild beherrschen. Anschliessend werden in einer Mischung aus Lack-Schütt-Technik und Ölmalerei die einzelnen Flächen mit Farbe gefüllt, wodurch sich die Bilder sehr weit von den zugrunde liegenden Originalen entfernen. Es geht dem Künstler hier weniger um einen Wiedererkennungseffekt, als vielmehr um ein lustvolles Experimentieren und Mischen von Farben und den Versuch, möglichst gegensätzliche Oberflächen aus glattem Lack und pastosem Öl zu erzeugen. Vom Auftrag her findet dann eine Vermischung von fauvistischen mit pointilisitischen, gestischen und flächigen Malweisen statt, was vorerst verwirrt, gleichzeitig jedoch als Ausdruck einer ironisierenden künstlerischen Handschrift auffällt. Und dann sind da auch noch die weitgehend auf weiss reduzierten Gemälde der Serie «bastard-paintings», welche das Transformations-System nochmals durchspielen, diesmal so, als ob man mit dem Fernglas auf ein Bild blickt und dabei gleich den Überblick verliert. Die scheinbare Realität der Landschaft kippt in die Abstraktion
des Details. Vorläufiger Höhepunkt dieses Verfahrens ist ein grossformatiges Tryptichon, bei dem Drühl einzelne Fragmente der Bastards in einer Art Hybrid-Landschaft zusammenführt.

Auch seine neusten Neon-Arbeiten, welche die Motive der Gemälde erneut aufgreifen, thematisieren mehr als alle vorherigen Arbeiten eine Malereikritik, da er diese nun vollends verlässt, ohne jedoch auf malerische Impulse zu verzichten. Die Einstrahlung des blau- oder grüngefärbten Lichts sorgt für einen bildhaften malerischen Eindruck, wobei sich die Flächen und Farben vermischen.

Malerei ohne Malerei!

Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern stets im Bezug auf frühere Werke und die sie konstituierenden Codes. Jedes Kunstwerk ist ein Konglomerat aus dem Zitatenschatz der Kunstgeschichte, es entsteht durch Absorption und Transformation anderer Kunstwerke. Das Ziel sollte sein, inmitten dieser unvermeidlichen Appropriationsprozesse wieder so etwas wie einen erkennbaren Stil entstehen zu lassen. (SD)

Autor/innen
Simon Baur
Künstler/innen
Sven Drühl

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