Erkenntnis im Dunkeln

Oben: Shaan Syed (*1975 in Toronto) lebt in Toronto, Foto: Andrew Hull

Oben: Shaan Syed (*1975 in Toronto) lebt in Toronto, Foto: Andrew Hull

Stag, 2003, Öl auf Leinwand, 117 x 129 cm

Stag, 2003, Öl auf Leinwand, 117 x 129 cm

Fokus

Wenn in Nachtszenen natürliche Lichtquellen wie Mond und Sterne mit Strassenlampen, Leuchtreklamen und anderen Platzhaltern menschlicher Zivilisation wetteifern, so bietet sich dies für ein malerisches Interesse am Licht ebenso an wie für bedeutungsvolle Bildsstimmungen. Die zurückgefahrene Reizdichte in der Dunkelheit lässt jedoch auch etwas zum Vorschein kommen, was für gewöhnlich vergessen geht: die Dinge an sich.

Erkenntnis im Dunkeln

Malerei von Shaan Syed

Das englische wie das französische Pendant zum deutschen Begriff der Aufklärung machen die Möglichkeit kognitiver Erkenntnis unmissverständlich an der Sichtbarkeit von Dingen fest; das Verstehen der Welt, so wird suggeriert, entspricht dem Eintritt des Lichts in die Dunkelheit. Nicht zufällig ist das dauernde Ausleuchten aller möglichen Aspekte und das daran anschliessende Filtern der Information zu einem Grundprinzip von Erkenntnis geworden; es ist selbstverständlich, einzelne Dinge in der Flut des insgesamt Sichtbaren in einen grösseren Zusammenhang zu setzen und zu kontextualisieren. Dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden, doch spielt in einer derartigen Wahrnehmung der Welt die Erfahrung der Dinge an sich kaum mehr
eine Rolle.

Shaan Syed spürt Situationen nach, denen eine magische, mit Worten kaum zu beschreibende Kraft innewohnt. Ein Bild wie «Stag», 2003, zeigt auf den ersten Blick einen virtuos gemalten Hirsch, doch ist die Wahl des Motivs mehr als eine naive Freude an der Natur. Der Hirsch blickt den Betrachter direkt aus der Bildmitte an und erinnert derart an die plötzliche Konfrontation mit einem wilden Tier während eines Waldspaziergangs: Für den Bruchteil einer Sekunde, ehe das scheue Tier sich davonmachen wird, stellt sich eine eigentümliche Betroffenheit ein, in welcher der Sinn allen Daseins unvermittelt aufscheint und den Menschen im sprachlosen Zustand einer zuteil gewordenen Selbstvergewisserung zurücklässt.

Angesichts der Tatsache, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, überrascht eigentlich, dass in Syeds Bildern die Versöhnung des Menschen mit sich selbst und der Welt immer dann aufscheint, wenn er selber abwesend ist. Syed malt immer wieder Personengruppen, im Falle von «The Cool Kids or Inner Divisions of People and Systems», 2002, oder «The Concert», 2003, befinden sich diese zudem in einer geselligen Situation. So attraktiv dies malerisch sein mag, die Auflösung des Individuums in einer flirrenden Masse aus Köpfen und Gliedmassen erweckt ebenso wenig einen tröstlichen Eindruck wie die geradezu autistisch herumtanzenden Individuen, die sich auf einer scheinbar ins Unendliche verlängerbaren Tanzfläche verrenken. Die selbstexpressiven Gesten des Tanzes, eigentlich ein Ausdruck kollektiver Freude, sind zu Metaphern individueller Verlorenheit geworden und damit zum Gegenteil ihrer ursprünglichen Intention.

Auch in «Co-op», 2004, tauchen Isolation und Beziehungslosigkeit auf, hier in Form von einzelnen beleuchteten Wohnungen in einer brutalen Hochhausfassade. Die scheinbar nicht enden wollende Vervielfältigung gesichtsloser Normwohnungen hat gleichfalls etwas Bedrückendes, doch attestieren die Verschiedenartigkeit des Lichtes und die erahnbaren Unterschiede der Inneneinrichtungen immerhin einen Restbestand von Individualität. Für Syed scheinen die zeitgenössischen Formen von Geselligkeit vergebliche Versuche zu sein, über das monadische Dasein als Einzelpersonen hinwegzukommen; ein Weg aus der Einsamkeit könnte jedoch paradoxerweise im individuellen Rückzug liegen.

Während verschiedenen Aufenthalten in ländlichen Artist-in-Residence-Programmen begann ich, meine Vorstellungen von Landschaftsmalerei zu überprüfen. Inmitten all der Ruhe fand ich in der Landschaft ein schwer zu beschreibendes Geheimnis wieder, das meine Arbeit zu beeinflussen begann. Weg vom üblichen Treiben schien die Zeit hier still zu stehen. Fernab vom hell erleuchteten Getümmel der Stadt faszinierten mich besonders nächtliche Landschaften und wie sie die Dunkelheit mit einem tiefen Nichts umhüllte. Gleichzeitig erschienen im künstlichen Licht der Raum und die Objekte mit einer halluzinatorischen Klarheit. Während ich des Nachts in meinem Studio arbeitete und zum Fenster hinausblickte, sah ich eigentlich nichts ausser verschiedenen Schattierungen von schwarz auf schwarz. Weit weg funkelten aus den Nachbardörfern ein paar orange Strassenlaternen oder gelbe Glühbirnen, und manchmal tauchten auf dem Feldweg vorbeifahrende Autos die Landschaft für kurze Momente in ein intensives weisses Licht. Einmal umhüllte mich in einer nebligen Vollmondnacht ein silbriges Blau und liess mich meinen Körper und jegliches Raumgefühl vergessen. Zuhause in der Stadt fing ich an, Landschaften anzuschauen, die mir vertraut waren. Ich wurde angezogen von Lichtkegeln und der Art und Weise, wie sie menschliche Spuren und Überbleibsel zu enthüllen scheinen. (SS)

Autor/innen
Oliver Kielmayer
Künstler/innen
Shaan Syed

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