Olav Christopher Jenssen bei Bob van Orsouw

Olav Christopher Jenssen · Late Palindrome No. 02b (Continued), Acrylic on canvas, 2002/2004, 185 x 195 cm

Olav Christopher Jenssen · Late Palindrome No. 02b (Continued), Acrylic on canvas, 2002/2004, 185 x 195 cm

Besprechung

Olav Christopher Jenssen begegnet der Leere seiner Leinwände ganz und gar unmittelbar. Weder rekurriert er auf die Tradition, noch führt er den Diskurs über die Malerei weiter. Derart befreit, folgt er einer Chronologie, die mit Bewegung und Rhythmus zu tun hat. Einblick in diese radikale Bildfindung bietet nun die erste Einzelausstellung in der Schweiz, die dem norwegischen Maler gewidmet ist. In der modernen Malerei nimmt er eine wichtige Position ein und ist spätestens seit seiner Teilnahme an der documentaIX (1992) auch einem internationalen Publikum bekannt.

Olav Christopher Jenssen bei Bob van Orsouw

«Es ereignet sich immer alles im Bild, es findet nichts ausserhalb statt», antwortet Olav Christopher Jenssen (*1954) auf meine Frage nach seinen Bildideen. Die grossformatigen Leinwände, die von einer starken koloristischen Präsenz erfüllt sind, lassen die Wände des grossen Galerieraumes geradezu vibrieren. Ströme von schillerndem Pink ergiessen sich in grasgrün aufgefächerte Zonen. Weisslila Geysire schiessen aus violettem Grund. Dunkelgrüne Fluten überschwemmen beissend gelbe Flächen und branden gegen lilafarbene Inseln. Vom unteren Bildrand her tasten sich weisse Flächen vor und bewirken eine atmosphärische Öffnung. Zuweilen drängen sich kalligraphieähnliche Zeichen, molekulare und biologische Muster und verwirrende, schwankende geometrische Formationen vor. Mal schweift der Blick auf der Bildoberfläche umher, ohne dass er sich an irgendwelchen Punkten festhaken könnte, mal wird er durch ein spiralförmiges Gebilde in das Bildzentrum gezogen. Immer wieder tauchen Folgen von Initialen auf. Diese helfen allerdings nicht zu einem besseren Verständnis der Bilder, auch sind sie nicht bildbestimmend. Sie sind aus purem Impuls hinzugekommen und stehen für eine abgeschlossene Erzählung, die ein Geheimnis birgt - so in «Late Palindrome No. 02b» als Verschlüsselung einer Geschichte, die Jenssen selber nicht kennt und die ihm von einem Freund in chiffrierter Form diktiert worden ist. Zwischen den verschiedenen Bildern ist ein Zusammenhang auszumachen. Dies wohl auch deshalb, weil sie in Serien entstanden sind. Das Arbeiten in Serien ergibt sich insofern, als Jenssen stets an mehreren Gemälden gleichzeitig mit bestimmten, gegebenen Parametern und Zufälligkeiten arbeitet und einmal entdeckte Strukturen malerisch umschreibt und variiert.

Den Bildern sieht man den sich oft verselbständigenden Pinselduktus an. Entsprechend sind sie nicht leicht lesbar und stilistisch nur schwer festzulegen. Das hat Methode, hat sich doch Olav Christopher Jenssen, der seit den achtziger Jahren in Berlin lebt, stets den Kategorisierungen erfolgreich entzogen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat er ein stilistisch überaus facettenreiches Werk entwickelt. Nachdem er anfänglich surrealistische Themen ausgeschöpft und die biomorphen Formen verlassen hat, bewegt er sich seit Beginn der neunziger Jahre auf spontanere, abstrakte Ausdrucksformen und einen frei assoziierenden Automatismus zu. Ein Gemälde wie «Apriori/Passus», das lediglich aus drei Buchstaben auf unbehandelter Leinwand besteht, die am oberen Bildrand hingekritzelt und durch vorhangähnliche Schwünge miteinander verbunden sind, entspricht einem grossen Anliegen von Jenssen. Zumal es seine Freiheit ausdrückt, dass er weder einem kunstgeschichtlichen Kanon genügen noch ein Gemälde zu einem Abschluss bringen muss, sondern sich seinen Stimmungen und einem assoziativen Gedanken- und Formenstrom hingeben kann.

Bis 
01.10.2004

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