Pierre Schwerzmann in der Galerie Skopia

Pierre Schwerzmann · sans titre, 2004, acryl sur toile, 200 x 288 cm, Courtesy Galerie Skopia, Genève

Pierre Schwerzmann · sans titre, 2004, acryl sur toile, 200 x 288 cm, Courtesy Galerie Skopia, Genève

Besprechung

Wie man weiss, ist das Kapitel Malerei noch lange nicht zu Ende geschrieben. Auch für Pierre Schwerzmann (*1947) sind Leinwand, Pinsel und Farbe eine Herausforderung geblieben. Im Stillen hat der in Nyon lebende Künstler ein Werk geschaffen, das in Grenzbereiche der optischen Illusion und Wahrnehmbarkeit vordringt.

Pierre Schwerzmann in der Galerie Skopia

Die geometrische Form sei dazu da, etwas Ordnung in die Welt zu bringen, eine Antwort auf die Angst vor dem Chaos, meinte Pierre Schwerzmann in einem Interview. «Ich sehne mich nach dem Lauteren, Freund, nach dem Nüchteren, dem Genauen; mir graust vor dem Sumpf unsrer Stimmungen», deklamiert Max Frischs Don Juan über seine Liebe zur Geometrie. Doch diese Ordnung ist trügerisch und wird in den Bildern des Waadtländer Künstlers auch sogleich wieder in Frage gestellt. Die strenge geometrische Form, ein gelbes vertikales Rechteck etwa, steht - oder liegt - auf einem hellen, fluktuierenden Hintergrund, der die vermeintliche Stabilität ins Wanken bringt. Das diffuse Licht durchbricht die geraden Linien und lässt die Fläche vibrieren und wie von unsichtbaren Kräften gestossen sich nach vorne wölben. Es ist, als ob sich hinter dem festen Gefüge des Rechtecks, in einem unbestimmten, unendlichen Raum, etwas abspielt, eine Erscheinung, eine Explosion, ein kosmisches Ereignis, das für den Betrachter ein Geheimnis bleiben soll. Fällt die geometrische Form ganz weg, wie in einem seiner neuesten Werke, wird das Auge beinahe geblendet; es sieht eine elektrisch aufgeladene Lichtskulptur, die sich erst beim näher Treten in wellenförmige, von innen nach aussen von Weiss in Grau übergehende dünne Pinselstriche auflöst. Manchmal legt Schwerzmann seine farbigen «Balken» über eine auf die Leinwand übertragene Fotografie. Den in die Nacht fahrenden Zug kann man nur erahnen. Die hell erleuchteten Fenster und damit auch allfällige Reisende sind abgedeckt. Geometrie kontrastiert hier mit Bewegung, eine monochrome Fläche mit der mechanischen Malweise des Inkjets, bei der das Bild in fast pointillistischer Manier aus einzelnen Farbpixeln zusammengesetzt ist.

In der Ausstellung bei Skopia sind auch vier Fotos von grossen Gaszisternen zu sehen. Äusserlich sind es reine kubische Formen mit einer glatten Oberfläche, harmlos, wüsste man nichts vom gefährlichen Inhalt und der enormen, auf engem Raum kondensierten Energie. Ähnlich verhält es sich mit Schwerzmanns gemalten Bildern. Hinter den abstrakten, regelmässigen Formen verbirgt sich das Unberechenbare - vielleicht auch der Moment, in dem es nichts mehr zu sehen gibt. Dann ist das Werk, wie Robert Mangold einmal gesagt hat, wirklich nur noch eine «Erinnerungsspur».

Bis 
29.10.2004
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Skopia Schweiz Genève
Autor/innen
Marguerite Menz
Künstler/innen
Pierre Schwerzmann

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