Yves Netzhammer im Museum Chasa Jaura

Yves Netzhammer · Videostill aus der Arbeit: «Süsser Wind im Gesicht», Projektion mit Objekt, 30 Min. 15 Sek., 2004

Yves Netzhammer · Videostill aus der Arbeit: «Süsser Wind im Gesicht», Projektion mit Objekt, 30 Min. 15 Sek., 2004

Besprechung

Was kann einen erfolgreichen, weit über die Landesgrenzen gefragten, einen vor Ideen sprühenden und in mannigfachen Medien arbeitenden Künstler in die hinterste Ecke von Graubünden locken? Im Museum Chasa Jaura in Valchava gibt Yves Netzhammer eine Antwort.

Yves Netzhammer im Museum Chasa Jaura

Ein Vergleich aus der Literatur sei erlaubt. Anton Tschechov fesselt seine Leser tief und nachhaltig mit Verlorenheit, mit gequälten Dialogen, mit dem trägen Fluss eines kargen Geschehens. Auch Netzhammer beschreitet einen Weg der vermeintlichen Ereignislosigkeit. Er verzichtet auf Effekte und reiht doch - scheinbar ungewollt - einen an den andern. Seine Sprache ist leise, verhalten, hintergründig. Der Betrachter wird ohne erklärlichen Grund in Netzhammers Bildwelt und Bildgeschehen hineingezogen, weil sie unerkannt seine eigenen sind. Er/sie erliegt dem poetischen, oft anrührenden Erzählfluss, ohne - wie im Rausch - die eigene Wahrnehmung und Wachheit zu verlieren. Netzhammer betäubt nicht, er animiert zu eigenem Denken und bedient sich dabei einer ungewohnten Logik des zurückgelegten Weges. Dieser Parcours ist voll Tempo und Überraschungen. Sekundenschnell führt er in die Irre, doch ebenso rasch eröffnen sich neue, verblüffende Wendungen. Sie führen blitzschnell weiter, wecken Erinnerungen und bestätigen eigene Erkenntnisse. Seine Videos sind kein Zeitvertreib, sie berühren Existenzielles. Netzhammer ist verhalten heiter, er bewegt sich auch in humorvollen Sequenzen nicht in der Welt der Comics. Grenzen und Grenzenlosigkeit wechseln sich ab, fliessen ineinander über.

Der Künstler zerstört seine zielgerichtet konstruierten Ideen laufend, ohne dabei destruktiv oder aggressiv zu sein. Er verwandelt sie fortwährend in neue, wiederum flüchtige Bilder und Inhalte. Gedanken an Geburt und Tod klingen an. Nichts ist festgelegt, jede Interpretation ist erlaubt und richtig. Yves Netzhammer spielt mit Sinnestäuschungen in Farben und Formen, er verknüpft Natur und Technik, verwandelt Menschen in Tiere, in Maschinen und vice versa - ein Fallensteller, der über Umwege zum Ziel führt. Er spricht eine von der Zeichnung abstammende digitale Sprache.

«Süsser Wind im Gesicht» (so der Titel der Arbeit und der Ausstellung) fächelt gut zwanzig Minuten über drei hängende Leinwände im Obergeschoss, geräuschlos, eindringlich, mitreissend ? «Wind als Element der Landschaftlichkeit» (Zitat des Künstlers). Luft, ein Nichts, beherrscht das Geschehen, verhalten farbig in Grau, Gelb, Rot, Blau - kindlichen Primärfarben, selten zu Grün gemischt. Aufgeblähte Formen, in sich zusammengefallen, Berge, Wellen, Sand, Schnee, Wasser - Werden und Vergehen im spielerischen Fluss der Bilder, locken und ziehen den Schauenden in ihren Bann. Luft ist Macht, ist Sprache, bringt eine Flöte zum Tönen, wölbt, zerreisst, bremst, beflügelt, lässt Schmetterlinge und Luftballons fliegen, Windräder und ein Karussell sich drehen.

Im Museum finden sich präzise Handwerkskunst und Zeugnisse bäuerlicher Lebenskultur. Dieselbe Handwerklichkeit ist auch Yves Netzhammer ein Anliegen. Seine Fantasie scheint unerschöpflich, sein exaktes Arbeiten beeindruckt. Aus einem reichen Fundus sorgsam entwickelter, gezeichneter oder aus Knetmasse gefertigter Figuren gestaltet er Filme, Videos, Diaprojektionen, illusionäre Räume und breitet einen ganzen Kosmos vor dem Betrachter aus.

Bis 
20.10.2004
Autor/innen
Gisela Kuoni
Künstler/innen
Yves Netzhammer

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