Claude Lévêque im Centre National d´art et du paysage

Centre international d´art et du paysage auf der Île de Vassivière

Centre international d´art et du paysage auf der Île de Vassivière

Besprechung

Im Zentrum Frankreichs, umgeben von 1000 Hektar Wasser, Hügeln, Wäldern und Einsamkeit liegt die Île de Vassivière in atemberaubender Landschaft. Deren Beziehung zur Kunst widmet sich seit 1991 ein internationales Zentrum, idealer Ort für Claude Lévêque, den französischen Meister der Orts-Inszenierung und der Darstellung unbewusster Verbindungslinien zwischen Bildern und Empfindungen. Mit «1000 Plateaux» macht er voller Ironie die Räume unserer Vorstellung erfahrbar.

Claude Lévêque im Centre National d´art et du paysage

Der Titel nimmt Bezug auf Gilles Deleuzes und Félix Guattaris gleichnamiges Buch, das als theoretischer Rahmen verstanden werden soll. Vor allem handelt es sich um eine Assoziation zu der unweit gelegenen Hochebene namens «Mille vaches». «Landschaft ist nicht nur, was wir hier vor der Tür sehen», sagt Lévêque, «Landschaft entsteht, wenn man Objekte im Raum anordnet. Das kann auch der innere Raum, der Raum der Vorstellung sein.» Genau dieser wird in seiner Ausstellung körperlich erfahrbar. Knietief durch Stroh watend durchquert man die Haupthalle vorbei an Brutlampen, die den Raum in tiefes Rot tauchen. Der Blick aus den mit roter Folie verkleideten Fenstern auf die reale Landschaft scheint nur einen weiteren Ausstellungsraum zu zeigen.

Tatsächlich sieht man ein Artefakt: Die Île de Vassivière liegt in einem künstlichen See, der 1949 entstand, als die französischen Elektrizitätswerke ein Tal oberhalb der «Maulde», einem Landstrich im Limousin, mit 106 Millionen Liter Wasser fluteten. Die Insel, die einst die Spitze eines Hügels war, ist 60 Kilometer von Limoges entfernt, der nächste grössere Ort mit Bahnhof 15 Kilometer entfernt. Von dort ist die schmale Fussgängerbrücke, die zu den 70 Hektar Wald und Wiesen der Insel führt, nur per Auto erreichbar. Im von Lévêque rot getönten Fenster erscheint eine Landschaft wie im Bilderbuch.

Dem seit dem 18. Jahrhundert künstlich geordneten Ensemble aus Hügeln, Bäumen, Wolken namens Landschaft ist das Zentrum auf der Insel gewidmet. Mit Chiara Parisi ist gerade eine neue Direktorin angetreten, es noch mehr im internationalen Kunstbetrieb zu platzieren. Die gebürtige Italienerin habe ihn zu ihrer ersten selbst kuratierten Ausstellung «geradezu gedrängt», so Lévêque. «Ich mag die Architektur nicht», sagt er weiter, «sie lässt wenig Platz für die ausgestellten Arbeiten». Gleichwohl ist es dem 52-Jährige gelungen, die Theatralität des von Aldo Rossi und Xavier Fabre entworfenen langgezogenen Tonnengewölbes und des spitzen, kegelförmigen Turmes am Kopfende zu unterlaufen.

Ergebnis ist ein eigenes Theater, das den institutionell ehrwürdigen Ort zum Experimentierfeld öffnet. Aus dem Inneren des Turmes dringt das beunruhigende Geräusch eines sich drehenden Blechdeckels, viele Besucher denken an eine Kreissäge, das Geräusch zeichnet die architektonische Bewegung der Wendeltreppe nach. Hier wird die Stärke der ganzen Installation enggeführt: Sie collagiert Referenzen auf Reales, macht im ironischen Spiel mit der Wahrnehmung die innere Landschaft begehbar.
Centre National d´art et du paysage, Île de Vassivière, 87120 Vassivière en Limousin, Tel. +33 5 55 69 27 27, E-Mail: centre.d-art.vassiviere@wanadoo.fr

Bis 
09.10.2005

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