Muster einer mentalen Skulptur

Untitled, 2005, DVD, Videoprojection

Untitled, 2005, DVD, Videoprojection

Untitled, 2005, Bleistift auf Papier

Untitled, 2005, Bleistift auf Papier

Fokus

Im Kölnischen Kunstverein war bis im September die erste institutionelle Ausstellung, die einen Überblick über die Arbeit von Trisha Donnelly ermöglicht, zu sehen. Mit dem alle zwei Jahre verliehenen Central-Kunstpreis, mit dem vorher Rirkrit Tiravanija, Douglas Gordon, Ernesto Neto und Florian Pumhösl ausgezeichente wurden, ist ausserdem ein sechsmonatiger Gastaufenthalt in Köln verbunden. Nun ist Trisha Donnelly mit einer Einzelschau in der Kunsthalle Zürich
zu Gast.

Muster einer mentalen Skulptur

Mit der Kalifornierin Trisha Donnelly im Gespräch

Catrin Lorch: Die Gäste deiner Eröffnung im Kölnischen Kunstverein wurden gebeten, zum Dinner in festlicher Kleidung zu erscheinen - war das deine Idee?

Trisha Donnelly: Ja, ich hatte so etwas in Deutschland noch nicht erlebt und fand es spannend - und ich mochte die Panik, die so ein Vorschlag auslöst.

CL: Diese Einladung dividierte die Vernissage in normale Besucher und Gäste, die zum festlichen Dinner im Vortragssaal geladen waren - wer dort sass, verpasste mit Sicherheit das schwarze grosse Pferd, das feierlich durch den Ausstellungssaal geführt wurde.

TD: Ich wollte niemanden ausschliessen, aber ich wusste auch nichts von dem Pferd, ich war selbst im Vortragssaal. Manchmal passieren einfach Dinge im Erdgeschoss, ich habe keine Ahnung warum, aber was immer es war, es hört sich gut an.

CL: Schon weil es keine Aufnahmen gibt, existiert dieses schwarze Pferd deiner Vernissage fortan vor allem in der Vorstellung der zufällig noch anwesenden Besucher - und es entstanden bereits erste Gerüchte. Manche sahen die Stiefel eines verstorbenen Cowboys, andere berichteten, es sei über schwarzen Samt geführt worden.

TD: Mir gefällt die Idee des Gerüchts. Leider sind Gerüchte ja meist an die Idee des Spektakels gebunden. Ich würde gerne das Spektakuläre herunterdimmen, immer weiter herunterdimmen. Es geht doch um die Frage nach der Existenz, die für viele immer an den Gedanken der Permanenz geknüpft ist. Das Wort Gerücht suggeriert, dass etwas nicht wirklich ist. Ich glaube aber, dass etwas existiert, sobald man es formuliert. Wenn man einmal etwas ausdrückt, dann ist es in der Welt. Man sollte akzeptieren, dass das, was wir anbieten, auch sterben kann und dann ganz und gar vergessen wird.

CL: Du hast für den verglasten Saal des Kölnischen Kunstvereins eine aufwändige Architektur gebaut. Auf die Wände hast du eine Abfolge von kleinformatigen Arbeiten gehängt: ein Foto aus der Serie, die du mit einer alten Ausdruckstänzerin aufgenommen hast, Zeichnungen, eine ausgestopfte gefleckte Raubkatze als schwarzweisses Video-Standbild, das ab und an bebt. Ein Blatt hast du so vor ein Loch in der Aussenwand gehängt, dass die Sonne es durchleuchtet und die Runen der Rückseite durchscheinen.

TD: Ich versuche, natürliches Licht in einer elektrischen Weise zu verwenden. Die vier Buchstaben, die aufleuchten, stehen für den Ausruf «My God have Mercy», eine Phrase, die auch aggressiv und wild ist. Kreise um die Buchstaben akzentuieren den Ausruf, die physische Form verdoppelt diese Zuspitzung noch. Die Mauer ist ein wichtiger Teil davon. Ich bedaure sehr, dass ich sie bauen musste, ich habe eine Aversion gegen monumentale Eingriffe. Aber hier musste ich Wände bauen, um den Raum für meine Arbeit passend zu machen.

CL: Die Arbeit besteht aus einem sonoren Ton, so stark, dass man ihn körperlich als Barriere empfindet. Gegenüber Soundarbeiten wie «Untitled» und «Oh Egypt», Orgelmusik und einem extrem verlangsamtem Vortrag von dir, die alternierend im Kunstverein alle Räume durchdringen, sind die dort gezeigten Zeichnungen, Fotografien und Video-Installationen im Format fast unscheinbar, doch scheinen sie schwer zu wiegen, weil sie die physische Kraft der immateriellen Arbeiten kondensieren.

TD: Ich kann sagen, dass ich versuche, die Dinge zu kondensieren. Vielleicht ist es auch eine Frage der Ökonomie: Man hat so wenig Zeit, Arbeiten zu machen, und das Publikum hat so wenig Zeit, diese Arbeiten zu akzeptieren. Ich habe auch zu den Fotografien und Zeichnungen ein sehr physisches Verhältnis. Das Zeichnen selbst ist die Sensation, die spezifische Aktion. Manchmal wünschte ich, ich könnte ebenso konstant arbeiten, wie viele andere Künstler. Ich mache keine Skizzen, taste mich nicht an die richtige Form heran. Jede Arbeit entsteht in einem Versuch. Zeichnungen sind, wie die Fotografien, eine andere Version von Gesprächen, Aktionen, Performances - sie sollen die möglichen Erfahrungen als Kunstwerk aber nicht dominieren. Demonstration wäre vielleicht als Begriff richtig, ich suche Muster, die eine mentale Skulptur begründen. Irgendwann habe ich realisiert, dass es da diese Reihe von Dingen gibt, die auf ihr spezifisches Vehikel warten. Wie in einem Science-Fiction-Film wünschen sie sich einen Körper, in dem sie wohnen können.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich läuft bis 30.10. Der die beiden Ausstellungen begleitende Katalog ist in Arbeit und wird Texte von Daniel Baumann und Trisha Donnelly enthalten, zudem ein Gespräch zwischen Nancy Spector und John Miller sowie von der Künstlerin ausgewählte Arbeiten. Am 30.10., 17.30 Uhr findet ein performativer Vortrag mit der Künstlerin statt.

Künstler/innen
Trisha Donnelly
Autor/innen
Catrin Lorch

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